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Azubi-Notstand: Jammern hilft nicht

Ein heulendes Smiley
Bild: pingebat/istock

Auf ihre duale Berufsausbildung sind die Deutschen stolz. Die parallele Ausbildung an den zwei Lernorten Schule und Betrieb hat eine lange Tradition. Eine Tradition, um die uns das Ausland beneidet, weil es der Wirtschaft hoch qualifizierte Fachkräfte liefert und den Jugendlichen Arbeit und Auskommen sichert. “Mach erst mal eine ordentliche Lehre.” Wer kennt diesen Spruch der Eltern nicht? Das hat aus Sicht der Wirtschaft lange Zeit sehr gut funktioniert. Personalleiter und Meister konnten sich die besten Schüler aussuchen. Es gab ja genügend Schulabsolventen, die eine Lehre machen wollten. Es gab zeitweise sogar viel zu viele. Mit Ausbildungspakten versuchte die Politik, die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen, über Bedarf auszubilden. Mit der Ausweitung berufsvorbereitender Schulformen holte man unversorgte Jugendliche von der Straße. Die jetzigen Babyboomer und auch die Generation X können ein Lied davon singen, wie schwer es damals war, eine gewünschte Lehrstelle zu ergattern. Eine Ausbildung zählte etwas, auch wenn es nicht die Traumstelle wurde.

Und heute? Heute gewinnt man den Eindruck, die Situation hätte sich komplett gedreht. Schlagzeilen über nicht besetzte Lehrstellen dominieren die öffentliche Debatte. Tenor: Keiner will mehr eine Lehre machen. Die Älteren schwadronieren an Stammtischen über den Akademikerwahn. Sogenannte Experten stellen mal wieder das ganze Berufsbildungssystem in Frage. Aus der Lehrstellenlücke von einst ist scheinbar eine gewaltige Bewerberlücke geworden. Wen würde es wundern, wenn in der aktuellen Sommerloch-Debatte um ein verpflichtendes soziales Jahr der Vorschlag zu einer Pflichtlehre auftaucht?

Das ist natürlich Quatsch. Und der Blick auf die Zahlen (siehe unten) lässt diese Dramatik auch nicht zu. Es ist zwar besorgniserregend, wenn fast fünfzigtausend Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Aber es gibt nach wie vor mehr Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen, als Ausbildungsplätze, die ihnen angeboten werden. Das heißt, sowohl Jugendliche als auch Betriebe gehen in Teilen leer aus. Dieses Passungsproblem gilt es zu lösen. Und auch hier hilft ein weiterer Blick in die Statistik. Die meisten Unternehmen können sich über die Anzahl der Bewerbungen nicht beklagen. Sie mag rückläufig sein und auch die Bestenauslese ist vielleicht nicht mehr so ergiebig. Aber für beliebte Ausbildungsberufe und bei beliebten Arbeitgebern stehen die Jugendlichen zuweilen immer noch Schlange. Schwieriger und in Teilen auch dramatisch wird es im Bauhandwerk oder in der Gastronomie. Hier finden tausende Betriebe tatsächlich keinen Azubi, und das, obwohl die Konjunktur brummt und insbesondere im Handwerk die Karriereperspektiven glänzend sind.

Und nun? Das Jammern ist nachvollziehbar, hilft aber nicht. Gerade die kleineren Betriebe ohne größere Budgets für Ausbildungsmarketing müssen sich etwas ein- fallen lassen, um Jugendliche für sich zu gewinnen. Wie das gehen kann, zeigte Anfang des Jahres der Glasermeister Sven Sterz aus Norddeutschland. Er postete einen authentischen Videoclip auf Facebook und landete damit einen enormen Erfolg. Seine Argumente: Schulnoten sind nicht so wichtig, Einsatzfreude und handwerkliches Geschick entscheiden, zudem verspricht er Prämien. Eine Bewerberflut folgte.

Das Beispiel zeigt: Das Passungsproblem ist lösbar, wenn alle Seiten mitziehen und ihr bisheriges Verhalten verändern. Das betrifft die Betriebe und die Jugendlichen gleichermaßen. Viele Schülerinnen und Schüler (und auch ihre Eltern) verengen nach wie vor ihren Blick auf wenige Wunschberufe. Augen auf bei der Berufswahl, kann man da den jungen Leuten nur zurufen. Warum nicht Klempner oder Heizungsbauer werden, wenn es mit dem KfZ-Mechatroniker nicht klappt? Diese, wie auch andere, nicht so angesagte Berufe bieten hervorragende Berufsaussichten. Es wissen nur nicht alle.

Unternehmer werden deshalb alles dafür tun müssen, ihre “ordentliche Lehre” auf dem Markt der Ausbildungsmöglichkeiten besser zu verkaufen. Das gehört zur Marktwirtschaft. Die jetzige Passungslücke signalisiert (noch) keinen bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Notstand.

Zahlen, bitte: Azubis gesucht

Erstaunliche Lücke: Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen ist höher als die Zahl der angebotenen Lehrstellen. Trotzdem finden viele Betriebe keine Azubis.

572.200 Plätze Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr 572.200 duale Ausbildungsplätze angeboten.
603.500 Suchende Die Zahl der Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchten, lag im Jahr 2017 bei 603.500.
523.300 Verträge Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 523.300 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge gemeldet.
8 Mal 2017 stieg zum achten Mal in Folge die Zahl der Ausbildungsplätze, die nicht besetzt werden konnten. Mit 48.900 gab es so viele offene Ausbildungsstellen wie seit 1994 nicht mehr.
17.000 Betriebe In 2017 haben 17.000 Betriebe auf ihre ausgeschriebenen Ausbildungsplätze überhaupt keine Bewerbung erhalten. (2016: 15.500).
326 Berufe Zurzeit existieren 326 anerkannte duale Ausbildungsberufe in Deutschland.

Quellen: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), 2018; Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), 2018

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