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Weniger Weiterbildung während der Kurzarbeit

Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Kurzarbeiter in Deutschland wegen der Corona-Krise einen Höchststand. Eine Studie hat untersucht, in welchem Umfang die Unternehmen diese Zeit für die betriebliche Weiterbildung genutzt haben. Das Ergebnis: Nur eine Minderheit führte Qualifizierungsmaßnahmen durch. Dafür gibt es vielfältige Gründe.

Präsenzschulung
Wegen der Corona-bedingten Kurzarbeit fanden nicht nur Präsenzschulungen seltener statt, sondern insgesamt weniger Weiterbildungsmaßnahmen. Foto: © contrastwerkstatt-stock.adobe.com

Seit Beginn der Corona-Krise und der Umstellung vieler Betriebe auf Kurzarbeit sind die Weiterbildungsaktivitäten der Unternehmen hierzulande zurückgegangen. Die Autoren der Studie “Betriebe in der Covid-19-Krise” des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Lutz Bellmann, Thomas Kruppe und Nadine Segert-Hess, fanden dafür verschiedene Erklärungen – von mangelder Kenntnis zu Fördermöglichkeiten bis zur unsicheren wirtschaftlichen Zukunft der Unternehmen.

Seit August 2020 befragt das IAB regelmäßig 1500 bis 2000 Betriebe dazu, wie sich die Corona-Krise auf sie auswirkt. Ein Schwerpunkt der fünften Befragungswelle vom 26. Oktober bis 9. November war das Thema Weiterbildung. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte noch jedes zweite befragte Unternehmen Weiterbildungen geplant oder gefördert, indem sie Mitarbeitende freistellten oder die Kosten für die Qualifizierung zumindest zum Teil übernahmen. Doch rund sechs von zehn dieser Betriebe (59 Prozent) sagten die Maßnahmen wieder ab. Als Grund gaben sie vor allem die geltenden Kontaktbeschränkungen an. Insgesamt ein Drittel der Unternehmen führte Weiterbildungen durch – oftmals in Form von E-Learning statt Präsenzveranstaltungen. Jeder dritte Betrieb (35 Prozent) setzte digitale Lernmedien zum ersten Mal ein.

Nur jeder zehnte Betrieb nutzt Kurzarbeit für Weiterbildung

Als viele Betriebe zu Kurzarbeit übergingen, nahm die Zahl der Weiterbildungsaktivitäten ab. Im April 2020 gab es in Deutschland fast zwölf Millionen Anmeldungen für Kurzarbeit und sechs Millionen Inanspruchnahmen. Der Arbeitsausfall lag im Schnitt bei 49 Prozent – ein Höchststand seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Lediglich jedes zehnte von Kurzarbeit betroffene Unternehmen nutzte die Zeit des Arbeitsausfalls für Qualifizierungsmaßnahmen. Dabei förderten größere Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten Weiterbildungsmaßnahmen wesentlich häufiger als kleinere Betriebe. Unternehmen aus dem Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen waren besonders aktiv, außerdem die Branche der sonstigen Dienstleistungen, zu der unter anderem das Versicherungs- und Finanzwesen gehört, sowie Arbeitgeber der Informations- und Kommunikationsbranche.

Hauptgrund für Fortbildungsverzicht: Ende der Kurzarbeit unklar

Die Studienteilnehmer, die keine Weiterbildungen durchführten, wurden nach den Gründen dafür gefragt. 81 Prozent gaben an, dass sie noch nicht absehen konnten, wann sie ihre Geschäftstätigkeit wieder in vollem Umfang aufnehmen würden. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) sagten, dass Fortbildungen nicht zu dem coronabedingt geänderten Arbeitsplan passten. Jedes zweite Unternehmen (50 Prozent) nannte die unsichere geschäftliche Zukunft als Grund und für 39 Prozent war das Thema Weiterbildung in der aktuellen Situation schlicht nachrangig.

Förderung unbekannt, zu großer Aufwand und andere Hürden

Das IAB machte noch einen weiteren Grund für den Verzicht auf Weiterbildung aus: Nur jedem dritten Betrieb (32 Prozent) war bekannt, dass es Fördermöglichkeiten gibt, in deren Rahmen die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Kosten für Lehrgänge übernimmt. Doch auch von den Unternehmen, die über die Möglichkeit informiert waren, griff Anfang des vergangenen Jahres lediglich ein Drittel (32 Prozent) darauf zurück. Dieser Anteil sank seit Beginn der Krise noch einmal auf nur ein Sechstel (16 Prozent). Warum hat die Mehrheit der Unternehmen, die von der Förderung wussten, sie dennoch nicht genutzt? Auf die Frage antwortete jedes zweite Unternehmen (52 Prozent), es gebe keine passenden Weiterbildungsangebote. Fast vier von zehn Befragten (37 Prozent) hielten den Antragsaufwand für zu groß. Jeder dritte Betrieb (34 Prozent) lehnte es ab, Maßnahmen von der BA fördern zu lassen. Weitere 30 Prozent der Studienteilnehmenden gaben an, in ihrer Belegschaft fehle es an Interesse für Weiterbildung und gut ein Viertel (27 Prozent) sagte, die Mindestdauer der geförderten Maßnahme sei zu lang.

Für den Verzicht auf Weiterbildung während der Kurzarbeit trotz Fördermöglichkeiten gibt es verschiedene Gründe, darunter unternehmensinterne, aber auch externe Hürden. Die Studienergebnisse wurden bei der Online-Veranstaltung “Wissenschaft trifft Praxis” im Dezember von einem Forschungsteam des IAB vorgestellt. In diesem Rahmen sagte Dr. Roman Jaich, Leiter der Abteilung Weiterbildungs-/Hochschulpolitik bei Verdi, bereits vor der Krise habe sich noch keine breite Weiterbildungskultur in den Unternehmen etabliert. Was die geringe Weiterbildungsbeteiligung während der Kurzarbeit in den gewerkschaftlich von Verdi vertretenen Branchen betrifft, sei sie aus Sicht der Betriebs- und Personalräte unter anderem auf fehlende Initiativen der Betriebe, allgemeine Unsicherheit mit der Situation und fehlende Perspektive zurückzuführen.

Existenzielle Sorgen sind vorrangig, Weiterbildung zweitrangig

Jobst Hagedorn, Mitglied der Geschäftsleitung der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW), erklärte: Viele Unternehmen hätten in der Krise zunächst auf Qualifizierungsmaßnahmen durch externe Weiterbildungsträger verzichtet, allerdings gebe es etwa in der IT-Branche einen Weiterbildungsboom. Hagedorn ist der Ansicht, dass vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise den Weiterbildungsanstrengungen entgegenstehen, viele Unternehmen befänden sich im Überlebensmodus und auch die Mitarbeitenden sorgten sich vorrangig um ihre berufliche Zukunft und Gesundheit. In diesem Zusammenhang sei die Frage nach Weiterbildungsmaßnahmen sowohl für viele Arbeitgeber als auch Arbeitnehmenden nahezu trivial. Die 180 Konferenzteilnehmenden kamen außerdem zu dem Schluss, dass es mehr Beratungsangebote geben müsse, um die Weiterbildungsaktivitäten auszuweiten. Das gelte insbesondere für öffentlich geförderte Fortbildungsmaßnahmen, sagte Prof. Dr. Lutz Bellmann, Leiter des IAB-Forschungsbereichs “Betriebe und Beschäftigung”.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.