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Nachwuchsförderung auf der Höhe der Zeit

Foto der Bühne des letztjährigen DALK
Mehr als 2.000 HR- und Ausbildungsverantwortliche treffen sich auf dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress (DALK); Foto: Wolters Kluwer Deutschland

Personalwirtschaft: Im Jahr 2017 ist bereits zum achten Mal in Folge die Zahl der Ausbildungsplätze, die nicht besetzt werden konnten, gestiegen. Wen sollte diese Zahl am meisten beunruhigen: die Unternehmen, die Schulen oder die Politik?

Portrait von Michael Gloss
Michael Gloss, Geschäftsführer der Wolters Kluwer Deutschland GmbH und Veranstalter
des Deutschen Ausbildungsleiterkongresses (DALK). Foto: Frank Metzemacher

Michael Gloss: Die Situation ist nicht ganz so dramatisch, wie sich das anhört. Es ist zwar besorgniserregend, wenn fast 50.000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, aber die duale Berufsausbildung ist nach wie vor zentrales Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft. Immerhin wurden im selben Zeitraum auch rund 523.000 Ausbildungsverträge geschlossen. Aber es stimmt, die Zahl der Suchenden lag noch höher, nämlich bei 603.500.

Viele Betriebe finden also keine Azubis, obwohl es mehr Bewerber als offene Stellen gibt – ein systemischer Mismatch. Wie lässt sich dem begegnen?

Potrait von Udo Beckmann
Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Foto: VBE

Udo Beckmann: Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die alle Akteure fordert. Der Betrieb, den es betrifft, muss sich die Frage stellen: Bin ich dort präsent, wo der direkte Austausch mit Jugendlichen möglich ist, also etwa im Rahmen von Berufsorientierungstagen an Schulen? Mache ich meine Ausbildungsberufe derart erlebbar, dass ich Jugendliche in ihrer Lebenswelt abhole? Schule und Eltern sind als Erziehungspartner gefragt, wenn es darum geht, junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, sowohl fachlich als auch in Bezug auf grundsätzliche Tugenden wie etwa Zuverlässigkeit, Beharrlichkeit und Fleiß. Die Politik wiederum muss ihrer Verantwortung nachkommen, erforderliche Bedingungen zu schaffen. Nur wenn Lehrkräften erforderliche Ressourcen zur Verfügung stehen, kann Schule sich intensiv engagieren.

Beim Stichwort Politik sind wir bei Ihnen, Herr Rabe. Teilen Sie als Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung diese Sichtweise?

Portrait von Ties Rabe
Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg. Foto: Wolters Kluwer Deutschland

Ties Rabe: Ja, alle müssen helfen: Betriebe, Schulen, Eltern und Politik. Denn es geht nicht nur darum, Wirtschaftsleistung und Wohlstand zu bewahren und auszubauen. Es geht auch um die Lebensperspektive zahlreicher junger Menschen. Zudem haben wir die historisch einmalige Chance, die Dauerarbeitslosigkeit bestimmter Milieus zu durchbrechen. Da braucht es jetzt alle Kräfte.

Schauen wir einmal genauer auf die Betriebe: Viele nehmen das Heft selbst in die Hand. Sie rekrutieren aktiv und bieten Azubis weit mehr als eine bloße Lehre. Worauf kommt es für erfolgreiches Ausbildungsmarketing aktuell an?

Gloss: Die Wahl eines Berufs oder Arbeitgebers ist für Jugendliche eine hochemotionale Entscheidung. Sie stellen damit die Weichen für ihre berufliche Zukunft und einen Großteil ihres zukünftigen Lebens. Arbeitgeber sind daher gut beraten, sich selbst als attraktiver Ausbildungsbetrieb zu präsentieren und digitale Informationsangebote zu schaffen. Damit stärken sie ihre Arbeitgebermarke und verbessern ihr Recruiting. Wer seine Arbeitgeberangebote und Berufsbilder jenseits von austauschbaren Floskeln beschreibt und gute Orientierung zu den Anforderungsprofilen bietet, ist auf dem richtigen Weg.

Rabe: Es gibt fast 300 Ausbildungsberufe in Deutschland – da fehlt vielen jungen Menschen der Überblick. Deshalb braucht es Unternehmen, die auf junge Menschen zugehen und ihnen Wege in den Beruf erklären. Ausbildungsmessen, Schulpraktika, Ausstellungen in den Schulen und gutes Informationsmaterial, vor allem im Internet und in den sozialen Netzwerken, sind die richtigen Antworten vieler Unternehmen.

Beckmann: Allerdings haben Betriebe teils sehr unterschiedliche Möglichkeiten und Voraussetzungen, abhängig von ihrer Größe, Branche, Lage und vielen weiteren Faktoren. Was aber den meisten erfolgreich rekrutierenden Unternehmen gemein ist: Sie zeigen Engagement. Sie unterstützen beispielsweise Schulen bei Berufsorientierungs- und Vorbereitungsangeboten, bieten Schülerpraktika an und vieles mehr. Meine Erfahrung ist: Wenn ein Unternehmen seine Azubis gleichermaßen fordert und fördert, ihnen fair und wertschätzend begegnet, dazu eine Zukunftsperspektive aufzeigt, sie etwa bei erfolgreichem Abschluss übernimmt, spricht sich das unter Jugendlichen herum. Und kaum etwas überzeugt mehr als die persönliche Empfehlung der Peergroup.

Man sagt der Generation Z eine gewisse Schnelllebigkeit nach. Inhalte, heißt es, würden immer schwerer vermittelbar. Ist das eine Beobachtung, die Sie bestätigen können?

Rabe: Nein, Inhalte sind nicht schwerer zu vermitteln als zu meiner Zeit. Ich glaube, da verklärt sich der Rückblick von uns Älteren etwas. Auch in den 60er- und 70er-Jahren wurde reichlich gestöhnt und geschimpft über widerspenstige, faule und lernunwillige Lehrlinge. Wir vergessen oft: Ausbildung ist nicht nur fachliche Anleitung, sondern Teil eines Erziehungsprozesses. Auszubildende sind keine perfekten und fertigen Erwachsenen, sondern junge Menschen, die nicht nur beruflich, sondern auch persönlich Anleitung und Orientierung brauchen.

Fakt ist aber: Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer medial völlig anders geprägten Welt auf, in der allerorts um ihre Aufmerksamkeit gerungen wird. Die Jugend denkt digital und mobil. Ist das heute auch in der Ansprache und der Vermittlung von Wissen der Kanal der Wahl?

Gloss: Ich denke, hier muss man zwischen der Phase der Berufsorientierung und der Ausbildung selbst unterscheiden. Die Verlagerung auf digitale Geräte führt interessanterweise zu mehr Tiefsinnigkeit in der Auseinandersetzung mit Themen der Berufsorientierung. Junge Menschen nehmen sich heute mehr Zeit dafür. Denn während nur ein Drittel der ehemaligen Azubi-Generation in seiner Bewerbungsphase täglich mehr als eine halbe Stunde in die individuelle Berufsorientierung investierte, liegt der Anteil in der aktuellen Ausbildungsgeneration schon bei über der Hälfte.

Das allgemeine Vorurteil, dass die Digitalisierung zu einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit Inhalten führe, stimmt für die Berufsinformation also nicht?

Gloss: Nein, es ist vielmehr so, dass digitale Möglichkeiten zu einer verdichteten und zeitlich intensiveren Auseinandersetzung mit Karrierethemen führen. Beginnen die Jugendlichen von heute, die mit Whatsapp, Snapchat und Youtube aufwachsen, dann allerdings eine Ausbildung, stoßen sie häufig auf andere Welten. Lernen mit neuen Medien? Meist Fehlanzeige! Das sollten wir in den Berufsschulen ändern, auch aber in den Unternehmen selbst. Auf dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress diskutieren wir beispielsweise, wie es gelingen kann, entsprechende Lernumgebungen und Lernmittel bereitzustellen.

Beckmann: Noch wichtiger als der Kanal, den ich bei der Ansprache wähle, ist meiner Meinung nach die Frage, wie ich die Jugendlichen erreiche: Ich muss sie persönlich begeistern! Das ist die wichtigste Währung, und es ist bei der Generation Z nicht anders als zuvor bei den Generationen X und Y. Dass mir heute und in Zukunft hierfür zusätzliche digitale Möglichkeiten zur Verfügung stehen, erweitert den Spielraum. Überzeugen muss ich aber, auch als Unternehmen, sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt.

Viele junge Leute – und auch Eltern – tendieren heute zur Hochschulbildung, zahlreiche klassische Ausbildungsgänge werden akademisiert, Unternehmen bieten duale Studiengänge an. Wie begeistert man da Abiturienten für eine klassische duale Ausbildung?

Rabe: Ich sehe den Trend zur Hochschule mittlerweile skeptisch. Fast 30 Prozent scheitern im Studium. Die duale Ausbildung bietet dagegen ein hervorragendes Niveau und einen deutlich besseren Übergang von der Ausbildung in den Beruf. Jahrelang wurde dieses Modell weltweit nicht richtig gewürdigt. Das hat sich endlich geändert – dennoch bleibt der Trend zum Studium ungebrochen. Deshalb brauchen wir eine bessere Aufklärung über die Chancen und Risiken beider Wege, wir brauchen aber auch bessere berufliche Karrierechancen für Nichtakademiker in den Unternehmen. Es geht nicht an, über den Trend zum Studium zu jammern und zugleich alle Führungspositionen nur für Akademiker zu reservieren.

Gloss: Unternehmen und Politik sind gleichermaßen gefordert. Das fängt bereits in der Schule an. Die Berufsberatung dort ist schlichtweg unzulänglich und die Vernetzung von Schulen mit Unternehmen oftmals nicht vorhanden. Dazu kommen die mangelnde Durchlässigkeit des Bildungssystems und das mäßige Image der Berufsausbildung. Viele junge Menschen erachten eine Ausbildung als trocken und langweilig. Unternehmen wiederum müssen sich im Hinblick auf Azubi-Marketing und Ausbildungsinhalte deutlich besser positionieren.

Nicht nur die Zahl der Studienabbrüche, auch die Azubi-Abbrecherquoten in den Betrieben sind nach wie vor hoch – insbesondere in ohnehin schwierigen Branchen wie dem Bau oder der Gastronomie. Müssen sich die Unternehmen verändern oder scheitert es an falschen Erwartungen der Azubis?

Gloss: Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Ein großes Problem ist sicherlich, dass viele Jugendliche heute keine oder falsche Vorstellungen davon haben, was sie in der Ausbildung erwartet. Auf der anderen Seite fehlt in einigen Unternehmen – gerade in den angesprochenen Branchen – oft eine gewisse pädagogische Expertise, um gut auszubilden. Neben einem entsprechenden Auswahlprozess ist es daher umso wichtiger, dass die Unternehmen den Jugendlichen schon vor Ausbildungsstart Möglichkeiten zum Probearbeiten oder für ein Praktikum anbieten. Nur so kann man den jungen Leuten die tatsächlichen Inhalte des Berufs und der Ausbildung näherbringen.

Beckmann: Das stimmt. Schulabgänger wissen häufig nicht, was sie in einer Ausbildung erwartet. Erwartungen und Realität klaffen dann mitunter auseinander. Hier helfen Betriebspraktika im Vorfeld, Berufsorientierungskurse und weitere Maßnahmen in Kooperation mit den Betrieben. Aber auch die Unternehmen selbst müssen sich hinterfragen: Wie fair behandle ich meine Azubis? Fördere ich sie adäquat oder sind sie für mich lediglich eine billige Arbeitskraft? Schaffe ich eine Vertrauenskultur und helfe ich bei Problemen? Meist sind es unter dem Strich mehrere individuelle Faktoren, die letztlich zu einem Ausbildungsabbruch führen.

Wie schätzt die Politik das ein, Herr Rabe?

Rabe: Es wäre zu einfach, nur einer Seite die Schuld zu geben. Natürlich müssen sich Unternehmen intensiv um ihre Auszubildenden kümmern. Aber viele junge Menschen haben auch falsche Vorstellungen. In einer freien Gesellschaft müssen wir mit solchen Veränderungen rechnen. Hilfreich ist es, wenn die Schule intensiver auf die Berufswelt vorbereitet. In Hamburg haben wir dazu das Pflichtschulfach Berufs- und Studienorientierung eingeführt, damit sich junge Menschen frühzeitig informieren und eine begründete und ernsthafte Berufswahl treffen können. Im Übrigen: Wir hätten durchaus genügend junge Menschen, die für eine Ausbildung infrage kommen – wenn wir uns auch denjenigen zuwenden würden, die bislang nicht eingestellt wurden. Ich glaube, wir brauchen Konzepte, die über eine rein fachliche Ausbildung hinausgehen und auch darauf abzielen, Azubis sozial zu stabilisieren und erhebliche Bildungsrückstände und Sprachprobleme zu überwinden.

Wagen wir einen Blick voraus: Wie sieht die Ausbildung der Zukunft aus? Wie wird der Megatrend Digitalisierung die Ausbildung verändern?

Gloss: In einem ersten Schritt wird sich die duale Berufsausbildung selbst deutlich weiter digitalisieren: Anlagenmechaniker statten unsere Wohnungen schon heute mit smarter Technik aus, Dachdecker nutzen Drohnen und so weiter. Die Digitalisierung wird die duale Berufsausbildung aber viel tiefergehend beeinflussen: Autonome Systeme werden ganze Berufe verändern und Teile der heutigen Qualifikationen überflüssig machen. Alles, was eine Maschine besser kann als ein Mensch, erledigt künftig die Maschine – schneller, verlässlicher, billiger und ermüdungsfrei. Körperliche Fähigkeiten werden künftig deutlich weniger gefragt sein. Die Unterteilung der Wirtschaft und Gesellschaft in Kopfberufe und handwerkliche Tätigkeiten wird durch die Digitalisierung und Robotisierung weniger wichtig und früher oder später sogar obsolet werden. Dadurch wird sich manches in Bildung und Ausbildung ändern.

Was wird sich im schulischen Bereich verändern müssen, Herr Beckmann?

Beckmann: Schon heute haben vielfach Lernfelder starre Lehrpläne ersetzt, um mit der fortschreitenden Entwicklung in vielen Berufen mithalten zu können. Diese Lernfelder beziehen sich nicht mehr auf Fächer, sondern auf Tätigkeitsbereiche. Ändern sich Tätigkeitsbereiche, kann entsprechend nachgesteuert werden. Flexibilität und eine enge Abstimmung zwischen Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen werden in Zukunft noch wichtiger werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass sich duale Ausbildungen in Theorie und Praxis aufeinander beziehen und mit den realen Entwicklungen und Anforderungen standhalten.

Was können denn die Ausbildungsverantwortlichen tun, um mit der Entwicklung schrittzuhalten? Wie gelingt es ihnen ganz persönlich, mit Trends wie Digitalisierung und Transformation mitzugehen?

Gloss: Die schlechte Nachricht zuerst: Lebenslanges Lernen macht auch vor HR- und Ausbildungsleitern nicht Halt. Die gute Nachricht: Wir beschäftigen uns intensiv damit und haben genau hierfür mit dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress – kurz: DALK – die größte Plattform für alle HR- und Ausbildungsverantwortlichen rund um die duale Berufsausbildung geschaffen, von A wie Azubi-Gewinnung bis Z wie Zusammenarbeit zwischen Schulen und Ausbildungsbetrieben. Einen Schwerpunkt widmen wir in diesem Jahr Management-, Führungs- und Kommunikationsstrategien. Die Teilnehmer lernen innovative Lösungsansätze für den Fachkräftemangel kennen und entdecken konkrete Strategien, um qualifizierte Auszubildende zu finden, zu motivieren, zu entwickeln und langfristig zu binden. Und natürlich kommt auch das Networking zwischen den über 2000 Teilnehmern nicht zu kurz, sie können sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen.


Der Deutsche Ausbildungsleiterkongress (DALK) 2018

Der Deutsche Ausbildungsleiterkongress (DALK) ist Deutschlands größter Fachkongress für HR- und Ausbildungsverantwortliche. Bereits zum dritten Mal treffen sich vom 21. bis 23. November in Düsseldorf mehr als 2.000 Teilnehmer, um die Ausbildung von morgen mitzugestalten, Ideen und Erfahrungen auszutauschen, die Berufsausbildung zukunftssicher zu machen und innovative Lösungsansätze für den drohenden Fachkräftemangel zu erhalten. Aus über 100 Vorträgen und Workshops von mehr als 80 Topreferenten können sich die Besucher ihr individuelles Kongressprogramm zusammenstellen. Als Moderatoren führen Nina Ruge und Lothar Guckeisen durch das Programm.

„Der DALK steht dieses Jahr unter dem Motto: Duale Ausbildung geht in Führung“, so Michael Gloss. „80 Topexperten wie KI-Professor Christoph Igel, Jugendforscher Klaus Hurrelmann und Medienprofi Thomas Feibel vermitteln unseren Teilnehmern aktuelles Know-how und sofort anwendbare Lösungen für den Arbeitsalltag. Und zusätzlich treffen sie auf dem DALK in diesem Jahr mit Ranga Yogeshwar, Henry Maske, Olivia Jones, Arved Fuchs und Paul Breitner wieder Persönlichkeiten, die wirklich jeder in Deutschland kennt.“

Termin: 21. bis 23. November 2018

Ort: Kongresszentrum CCD Düsseldorf

Weitere Informationen und Anmeldung unter:

› www.deutscher-ausbildungsleiterkongress.de

Ist Chefredakteur der Personalwirtschaft. Er ist unter anderem spezialisiert auf die Themen Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur, Innovations- und Veränderungsmanagement.