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Den Blick nach vorn

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Round Table: Ausbildung
Foto: © Robert Kneschke / stock.adobe.com

Normalerweise läuft in jedem Frühjahr das Wettbewerbsfinale der knapp 430 000 Ausbildungsbetriebe um die etwa eine halbe Million Schulabgänger. Doch diese Gesetzmäßigkeit ist mit dem Lockdown im März 2020 außer Kraft gesetzt. Wie gehen Arbeitgeber und Schulabgänger mit der momentanen Ausnahmesituation um? Vor dem Hintergrund der Corona-Krise kann keiner sicher prognostizieren, wie sich der Stellenmarkt für Auszubildende entwickelt, aber die Experten können anhand der Zugriffszahlen auf ihre Azubi-Portalen Trends erkennen.

Dabei registrieren sie, dass sich die Recruiting-Situation je nach Branche unterschiedlich darstellt. Während Gastronomie, Hotellerie und einige Bereiche des Einzelhandels ihre Ausbildungsstellen für den Moment zurückziehen, bleibe die Nachfrage beispielsweise im Lebensmitteleinzelhandel unverändert hoch. Manche Ausbildungsbetriebe ließen zwar ihre Bewerbungsprozesse komplett pausieren, aber die meisten Geschäftsführer – so die Einschätzung der Marktkenner – wollen  spätestens im nächsten Jahr wieder wie bisher ausbilden. Die wenigsten planten eine Reduktion und nur sehr wenige wollten oder müssten die Ausbildungsaktivitäten aufgeben. Die generelle Bereitschaft, junge Menschen in einen Beruf zu führen, nehme durch den Corona-Lockdown nicht ab, weil Betriebe bei der Rückkehr in den normalen Geschäftsbetrieb nicht auf die Entwicklung eigener Fachkräfte verzichten könnten.

Lockdown verunsichert Schulabgänger 

Als zögerlich und verunsichert beschreiben die Experten die Reaktion der angehenden Schulabgänger in der Corona-Pandemie: In der Akutphase im März und April – sonst Monate mit sehr hohen Click-Raten bei den Ausbildungsportalen – gingen bei fast allen die Zugriffszahlen auf die geposteten Angebote zurück. Einer der Gründe: Die jungen Leuten vermuten, dass Unternehmen mit anderen Problemen zu kämpfen hatten und sich nicht mit Einstellungen beschäftigen konnten. Eine andere Erklärung: Mit dem Moment der Schulschließungen waren viele zunächst mit sich selbst und den Veränderungen durch das Homeschooling beschäftigt. Und da gleichzeitig die Ausbildungs- und Berufsinformationen über die Schule und das Pausengespräch mit der Peer-Group wegfielen, verdrängten manche das Thema. Gleichzeitig zeigen Studien und Nutzerzahlen in der Corona-Krise einen überraschenden Trend: Schulabgänger suchen verstärkt nach Ausbildungsberufen, die bisher nicht auf ihrer Prioritätenliste standen. Neben der Pflege zählen auch Berufe im Einzelhandel und der Logistik dazu. Arbeitgeber dieser Branchen sollten die Situation nutzen, um für ihre Ausbildungsstellen zu werben.

Nicht die Verbindungen abbrechen lassen 

Ob Industrie, Einzelhandel, Handwerk oder Gastronomie: Die Priorität der Unternehmen liegt im Frühsommer 2020 nicht beim Thema Ausbildung. Jedoch ist es in dieser Gemengelage riskant, die Fachkräfte von morgen aus dem Blick zu verlieren, da sie in Post-Corona-Zeiten gebraucht werden. Das Credo der Ausbildungsexperten lautet daher: Bleiben Sie in Verbindung mit den potenziellen Bewerbern! Zwar fallen Schulen als Multiplikatoren weg, da sie intensiv mit Fragen der Organisation des Unterrichts beschäftigt sind, aber es gibt auch andere Wege, wie zum Beispiel virtuelle Ausbildungsmessen. Ebenso wichtig sei es, diejenigen Schulabgänger, die bereits einen Vertrag unterschrieben haben, bis zum Beginn der Ausbildung bei der Stange zu halten. Zum Beispiel könnten Ausbilder sie regelmäßig anrufen oder per Mail in Verbindung bleiben.

Praktikum First

Bedingt durch den Lockdown waren und sind auch freiwillige Ferienpraktika, Schnupperpraktika zur Berufsorientierung und Probearbeit nicht realisierbar. Damit fällt ein wichtiger Baustein für die Berufsentscheidung der Schulabgänger weg. Diese Konsequenz ist nicht allen Betrieben bewusst, zumal die Ausschreibung von Praktikumsplätzen noch nicht zur Regel gehört. Zwar erfordert ein Praktikum einen gewissen Aufwand, aber es dient auch dazu, Abbrüche zu reduzieren, die Ausbilder und Betriebe viel Zeit und Geld kosten. Viele Studien zeigen, dass ein Praktikum für die Abschlussjahrgänge einer der beliebtesten Wege ist, einen Arbeitgeber und einen Beruf kennenzulernen. Großunternehmen müssen in der Regel ihre Praktikumsstellen nicht ausschreiben, sondern können sie allein durch den Hinweis auf ihrer Website sehr schnell besetzen, Kleine und mittelständische Betriebe ohne großen Bekanntheitsgrad müssen dagegen diese Orientierungsphasen posten, sonst werden sie nicht gefunden.

Employer Branding – Chancen und Grenzen

Ausbildungsbetriebe lassen sich schon eine Menge einfallen, um bei der Zielgruppe aufzufallen, ob mit Corporate Blogs oder über Social Media Influencer. Für andere bedeutet Recruiting immer noch das Auswählen von Bewerbern und nicht das aktive Werben um Kandidaten. Statt den Auswahlprozess in den Vordergrund zu rücken, sollten Unternehmen für den Beruf und für sich als Arbeitgeber begeistern. Wer dieses Denken noch nicht verinnerlicht habe, verstehe auch den Sinn von Employer Branding nicht.
Ein Allheilmittel sind Employer Branding und originelle Marketingkampagnen allerdings nicht. Denn aus Sicht der Bewerber sind manche Ausbildungsberufe wenig beliebt wie beispielweise im Lebensmittelhandwerk oder der Gastronomie. Doch ein schlechtes Berufs- und Branchenimage lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Vielmehr sind Betriebe und Verbände bei vermeintlich unattraktiven Berufen gefordert, Vorurteile aus dem Weg zu räumen und aktiv gegenzusteuern. Daneben muss auch die Qualität der Ausbildung stimmen. Als weiteren zentralen Erfolgsfaktor für die Gewinnung der Fachkräfte von morgen geben die Round-Table-Teilnehmer einen Hinweis mit: Ausbildungsbetriebe, die die Erwartungen und Bedürfnissen der Bewerber der Generation Z kennen und sich ernsthaft damit auseinandersetzen, sind erfolgreicher. Mitunter komme es auch gut an, wenn sie ehrlich die Schattenseiten eines Ausbildungsberufs ansprechen. Ein glaubhafter und authentischer Auftritt sei ein wichtiger Baustein zu einer attraktiven Ausbildungs- beziehungsweise Arbeitgebermarke.


Dieser Beitrag ist Teil des Online-Specials „Ausbildung“. Mehr interessante Beiträge zu diesem Thema finden Sie auf der entsprechenden › Übersichtsseite

Die Langfassung dieses Round Tables ist im Special Ausbildung der Personalwirtschaft 7/2020 erschienen. Das Heft können Sie › hier bestellen.

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Christiane Siemann ist freie Journalistin und Moderatorin aus Bad Tölz, spezialisiert auf die HR- und Arbeitsmarkt-Themen, die einige Round Table-Gespräche der Personalwirtschaft begleitet.