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Schlechte Aussichten für den Ausbildungsmarkt

Unsichere Jugend
Die Corona-Krise verringert die Ausbildungschancen junger Menschen.
Foto: © New Africa-stock.adobe.com

Seit mehr als einem Jahr wirkt sich die Corona-Krise negativ auf die Wirtschaft und damit auch auf den Ausbildungsmarkt aus. Wie jedes Jahr zum 15. Mai veröffentlicht das Bundesbildungsministerium den Berufsbildungsbericht. Ergänzt wird der Bericht von einem Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Die Zahlen zeigen, dass die derzeitige Entwicklung höchst bedenklich ist, unter anderem auch, weil die Wirtschaft immer noch von einem Fachkräftemangel ausgeht.

Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sank erstmals seit 1992 auf unter 500.000

Im gesamten letzten Jahr haben die Unternehmen 50.700 weniger Stellen angeboten als 2019 – das entspricht einem Minus von 8,8 Prozent. Insgesamt standen noch 527.400 Azubi-Stellen zur Verfügung. Aber auch die Anzahl der jungen Menschen, die eine Ausbildungsstelle nachfragten, ist 2020 um 53.000 oder 8,9 Prozent auf 545.700 zurückgegangen. Insgesamt wurden 467.500 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, 57.600 oder elf Prozent weniger als im Vorjahr. Damit war der Rückgang, wie das BIBB berichtet, gravierender als während der Weltfinanzkrise zwischen 2008 und 2009, als die Zahl der neuen Verträge ein Minus von 8,4 Prozent hinnehmen musste. Im Vorwort des vorläufigen Bundesbildungsberichts weist Bundesbildungsministerin Anja Karliczek darauf hin, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im dualen System erstmals seit 1992 auf unter 500.000 gesunken ist.

Vorhandene Passungsprobleme wurden durch die Corona-Krise noch verschärft

Laut Bericht haben im letzten Jahr die ohnehin schon bestehenden Passungsprobleme zugenommen, unter anderem, weil wegen der Corona-Situation viele Maßnahmen zur Berufsorientierung und zur Zusammenführung von Angebot und Nachfrage nicht oder nur eingeschränkt stattfinden konnten, so das BIBB. So standen Ende September 2020 den 59.900 unbesetzten Ausbildungsstellen (plus 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr) 29.300 unversorgte Bewerber (Rückgang um 19,7 Prozent) gegenüber. Allerdings seien die Rückgänge am Ausbildungsmarkt nicht ausschließlich auf die Krise zurückzuführen, sagt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Auch die sinkende Zahl der Schulabgänger und der sich fortsetzende Trend zu höheren Bildungsabschlüssen hätten zu dieser Entwicklung beigetragen. Dazu kommt, dass schon 2019, vor der Krise, die Zahl der ausbildenden Betriebe leicht um 0,4 Prozent abgenommen hat – auf den ersten Blick keine dramatische Entwicklung. Doch der reduzierte Bestand an Ausbildungsbetrieben war mit einem Minus von 2,5 Prozent fast vollständig auf einen Rückgang an ausbildenden Kleinstbetrieben zurückzuführen. Die anhaltende Krise, die vor allem auch kleine Unternehmen trifft, lässt befürchten, dass die Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen künftig noch weiter eingeschränkt werden.

Mit Blick auf die zukünftige Fachkräftesicherung bedeuten die starken Rückgänge im Jahr 2020 eine noch nie dagewesene Herausforderung, die wir entschlossen und gemeinsam angehen müssen,

warnt Esser. Nur wer gerade jetzt in berufliche Aus- und Weiterbildung investiere, werde bei wieder anspringender Konjunktur über die dringend benötigten Fachkräfte verfügen. Daher bleibe es die beste Strategie, den Fachkräftebedarf durch berufliche Aus- und Weiterbildung zu sichern. Umso wichtiger sei es, jetzt insbesondere die Branchen zu unterstützen, die derzeit besonders betroffen sind.

In einer Stellungnahme des BIBB heißt es vonseiten der Gruppe der Beauftragten der Arbeitnehmer: “Es ist fünf vor zwölf”. Zudem sei die Krise noch nicht vorbei:

Erste Daten deuten schon jetzt auf einen weiteren Rückgang von 10 Prozent hin. Bestätigt sich dieser Trend, droht uns innerhalb von zwei Jahren ein Verlust von fast 100.000 Neuverträgen. Die duale Berufsausbildung befindet sich – quantitativ – in einer Abwärtsspirale.

Außerdem könne die Krise vor allem jene Jugendliche treffen, die höchstens einen Hauptschulabschluss haben, was besonders dramatisch sei. Darüber hinaus drohten dem Ausbildungsmarkt Langzeitschäden, zumal bereits der Rückgang an Ausbildungsverträgen in der Finanzkrise bis heute nicht aufgeholt worden sei. Welche nachteiligen Folgen die Situation auf die Jugend hat und welches Konfliktpotenzial sich daraus für die Gesellschaft ergeben könnte, ist noch eine ganz andere Frage.

Der Berufsbildungsbericht steht in einer > Vorabversion zum Download bereit. Zum BIBB-Datenreport in einer ebenfalls vorläufigen Fassung gibt es > hier.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.