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„Für mich ist Schlagfertigkeit nicht von Resilienz zu trennen“

Nicole Staudinger
Nicole Staudinger ist Schlagfertigkeitstrainerin und Autorin. (Foto: Marcus Höhn)

Große Unternehmen und Behörden wie die Bundeswehr, SAP und Microsoft engagieren die Kölnerin Nicole Staudinger, um ihren Mitarbeiterinnen beizubringen, wie man schlagfertiger wird. Was dahinter steckt, verrät die Schlagfertigkeitstrainerin, Autorin und ehemalige Anzeigenleiterin eines Kölner Verlagshauses im Interview.

Personalwirtschaft: Was ist Schlagfertigkeit, Frau Staudinger?

Nicole Staudinger: Als ich mit dem Schlagfertigkeits-Training anfing, habe ich für meine Seminare die Definition aus Wikipedia übernommen. Demnach steht es für das prompte Reagieren auf einen verbalen Angriff, Geistesgegenwart und Intelligenz. Vier Wochen danach änderte ich diese Definition, denn ich bekam meine Brustkrebsdiagnose, die mein ganzes Leben aber auch meinen Blickwinkel auf Schlagfertigkeit auf den Kopf stellte. Krisen kommen oft so unerwartet, wie verbale Attacken. Seitdem verstehe ich darunter nicht nur die bloße schnelle, verbale Reaktion, sondern eine Einstellung, die auf der Frage basiert: Wem gestehe ich es eigentlich zu, mir wertvolle Lebenszeit durch Ärger zu klauen? Um schlagfertig zu sein, bleiben uns für eine passende Antwort drei Sekunden. Besonders Frauen leiden in diesen Momenten unter Sprachlosigkeit. Das geht an die Substanz und verletzt das Selbstbewusstsein. Deswegen ist für mich Schlagfertigkeit auch nicht von Resilienz zu trennen. Es geht darum, für sich selbst einzustehen, wie man es für die beste Freundin tun würde.

Es scheint folglich vor allem eine Sache der Betrachtung zu sein?

Ja, dabei geht es auch viel darum, was man ändern kann, und was nicht. Was die Kollegin oder die Chefin zu mir sagt, habe ich nicht in der Hand. Das, was diese Wort mit mir machen, aber schon. Auf dieser Basis ergeben sich für mich drei Elemente von Schlagfertigkeit: das eigene Schutzschild, das eigene Selbstbild und Humor.

Was genau steckt hinter den drei Elementen?

Beim eigenen Schutzschild geht es darum, Grenzen zu ziehen. Was ist für mich akzeptabel, was nicht und was lasse ich an mich heran, obwohl es eigentlich nichts mit mir zu tun hat? Dies ist eng an das eigene Selbstbild geknüpft. Finde ich es aufgrund von Selbstzweifeln und einem geringen Selbstvertrauen angebracht, dass Kolleginnen und Kollegen schlecht mit mir umgehen? Oder lege ich klar fest, was für mich ein No-Go ist?

Es doch aber nicht immer leicht zu erkennen, ob jemand unsere Grenzen überschritten hat?

Das stimmt. Hier ist dann das dritte Element von Schlagfertigkeit hilfreich: Humor. Wenn Sie unsicher sind, ob jemand ihre Grenze überschritten hat, nehmen Sie es mit Humor. Über sich selbst lachen zu können, ist die größte Kunst bei Schlagfertigkeit. Wenn Sie jemand vorführt und Ihnen zeigt, wo Sie einen Fehler gemacht haben, nehmen Sie sich selbst und Ihre Aussage nicht so wichtig. Denn Sie werden dadurch kein schlechterer Mensch. Dieses Wissen erlaubt es Ihnen, schlagfertiger zu sein.

Warum ist Schlagfertigkeit im beruflichen Kontext wichtig und sollte von Personalerinnen und Personalern gefordert werden?

Schlagfertigkeit geht für mich Hand in Hand mit Glücklichsein. Ich erlebe gerade, dass HR umdenkt. Hin dazu, dass glückliche Mitarbeitende als Kapital angesehen werden. Wenn sich Menschen im Unternehmen nicht wohlfühlen, dann liegt das sehr häufig an Zwischenmenschlichem, dem Mangel an selbstgesetzten Grenzen oder Humor. Damit sich jeder Mitarbeitende wohl fühlt und über sich selbst hinauswachsen kann, benötigt es eine offene Kommunikation und auch eine gewisse Schlagfertigkeit. Denn dann lassen wir uns das Jetzt nicht durch doofe Kommentare kaputt machen. Auch um eine diverse Unternehmenskultur zu erschaffen und den Gender Pay Gap zu verringern, sind schlagfertige Frauen von Vorteil.

Inwiefern?

Zur Gender Pay Gap gehören zwei: Einer, der schlecht bezahlt, und Eine, die sich schlecht bezahlen lässt. Je selbstbewusster Frauen sind, je klarer sie Grenzen ziehen und je mehr sie sich selbst regelmäßig nicht so ernst nehmen, desto mehr bringen sie sich im Unternehmen ein. Wer schlagfertig ist, lässt sich nicht von unqualifizierten Aussagen provozieren a la ‚Ach hast du wieder den halben Tag frei‘, wenn eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder von der Kita abholt, oder ‚zum Umziehen war ja keine Zeit mehr‘. Diese Kommentare belasten Frauen mehr als konstruktive Kritik und sorgen dafür, dass sie an sich zweifeln und sich zurückziehen.

Was antworten Sie Menschen, die sagen, dass Schlagfertigkeit zu Konflikten im Unternehmen führt?

Das kann in der Tat passieren, aber das ist nichts Negatives. Das Ausgesprochene stand ja sowieso im Raum. Die Konflikte lösen muss man dann mit einer offenen Kommunikation. Auf der anderen Seite löst Schlagfertigkeit Situationen auf, wenn auch nicht den Konflikt. Angenommen Sie halten eine Präsentation und eine Kollegin antwortet am Ende: ‚Naja, das Rad hat sie jetzt damit nicht neu erfunden.‘ Hier kann Ihnen als schlagfertige Reaktion so etwas einfallen wie ‚Neu erfunden habe ich es nicht, aber ich hab’s mal ordentlich zum Rollen gebracht.‘ Jetzt lachen alle und alles ist für den Moment gut. Der Konflikt mit der Kollegin ist aber nicht aus der Welt geschafft. Es liegt nun an Ihnen, wie Sie diesen einordnen und ob Sie Probleme ansprechen.

Welche schlagfertige Aussage kann man immer wieder verwenden?

Die einfachste verbale Technik, die ich den Frauen bei den Seminaren mitgebe, ist die sogenannte Zwei-Silben-Antwort. Sie ist an Loriot orientiert und lautet ‚ach was‘. Das geht immer.

 

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.