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Lehre interessanter machen: „Azubis wollen selbst gestalten“

Torben Padur vom BIBB
Torben Padur ist Arbeitsbereichsleiter der gewerblich-technischen Berufe beim Bundesinstitut für Bildung und Forschung (BIBB). Foto: BIBB

Personalwirtschaft: Herr Padur, seit Jahren beklagen die Unternehmen den Fachkräftemangel in den gewerblich-technischen Berufen. Warum finden sie keine Azubis für diese zukunftssichere, attraktive Ausbildung?

Torben Padur: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt Passungsprobleme, das heißt: Manche Betriebe, Branchen und Bereiche haben weniger Azubis als in der Vergangenheit. Bei kleinen, tradierten Ausbildungsberufen im Handwerk sind die Bewerberzahlen rückläufig. Die Automobilindustrie spürt zwar auch einen gewissen Rückgang an Bewerbern, aber der ist nicht dramatisch. Hinzu kommen regionale und konjunkturelle Einflüsse.

Aber die Konjunktur brummt doch.

Ja, das zeigt sich vor allem in den Bauberufen. Doch wir erfassen die Anzahl der offenen Stellen und Bewerber über einen längeren Zeitraum.

Müsste es nicht einen Run auf die technischen Berufe geben?

Seit vielen Jahren beobachten wir einen großen Andrang bei der Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker. Das ist der Traumberuf vieler junger Männer, doch es gibt weniger Ausbildungsplätze als Bewerber. Geeignete Alternativen sind leider nur wenigen Menschen bekannt.

Als da wären?

Die Ausbildung zum Zweirad-Mechatroniker etwa ist sehr ähnlich. Man kann über Umwege in die Autowerkstatt kommen und hat viel bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Um die IT kommt wohl niemand mehr herum. Aber wie haben sich IT-spezifische Berufsbilder wie etwa der Fachinformatiker entwickelt?

Die IT-Berufe aus den 90er-Jahren werden gerade überarbeitet. Die Zahlen für den Fachinformatiker Systemintegration sind rückläufig, denn die Arbeit mit Hardware ist rückläufig. Dass der Umgang mit Software deutlich an Bedeutung gewinnt, zeigt sich auch in den steigenden Ausbildungszahlen bei den Fachinformatikern Anwendungsentwicklung. Sie werden ebenfalls in der Instandhaltung gebraucht: Wenn heute eine Fertigungsanlage stillsteht, kommt häufig nicht mehr der Mechaniker, sondern der Fachinformatiker.

Gibt es auch Jobs, die keiner mehr machen will?

Berufe, die mit schwerer körperlicher Belastung einhergehen, werden weniger stark nachgefragt. So haben beispielsweise Gießereimechaniker seit einigen Jahren Schwierigkeiten, genug Auszubildende zu finden. Und das obwohl der Beruf in der Prototypenfertigung auch viel mit Digitalisierung zu tun hat.

Viele junge Männer und Frauen ziehen ein Studium einer Ausbildung vor. Liegt es am Image der Lehre? 

Das Image spielt sicher eine Rolle. Oft ist auch das Umfeld entscheidend: Was denken Eltern und Freunde über die eigene Berufswahl? Viele Eltern sind der Überzeugung, dass die eigenen Kinder mit einem Studium mehr Erfolg haben werden. Auch deshalb beobachten wir einen so starken Akademisierungstrend.

Am Anspruch kann es nicht liegen – selbst ein Tischler muss heute mit computergesteuerten Sägen umgehen können.

Jeder Beruf muss mit IT hantieren. Ein gutes Beispiel ist der Anlagenmechaniker Sanitär: Früher hat man ihn gerufen, wenn es Abflussprobleme gab oder die Ölheizung ausfiel. Heute programmiert er die Steuerung von Heizungsanlagen für das Smart Home und kümmert sich um die Fernwartung. Ähnliches findet in den anderen Handwerksberufen statt. Ein Maler und Lackierer macht heute 3D-Scans und zeigt dem Hauseigentümer live am Tablet, wie die Farbverläufe der Außenfassade bei Licht aussehen. Auch in der Landwirtschaft tut sich einiges: Dort findet man zum Beispiel autonom fahrende Erntemaschinen, deren Führerhaus einem Airbus-Cockpit gleicht.

Verändert die Digitalisierung Berufsbilder lediglich oder entstehen durch sie auch neue?

Bisher ist das Berufsbild Kaufmann/Kauffrau E-Commerce das einzige, das auch aufgrund der Digitalisierung ins Leben gerufen wurde. Ich gehe aber davon aus, dass sich in den nächsten Jahren einiges entwickeln wird. In der Medizintechnik etwa gibt es keine richtigen Eingangsberufe. Die nötigen Qualifikationen kommen aus der Mechatronik, Medizintechnik und Elektrotechnik. Hier wird sich möglicherweise ein eigenes Berufsbild mit Inhalten aus allen drei Disziplinen ergeben.

Würde es der Akzeptanz der Lehre helfen, die Ausbildung flexibler und durchlässiger zu gestalten?

Wichtig ist, dass neben Zeiten auch erbrachte Leistungen sinnvoll angerechnet werden können. Dafür brauchen wir einen guten Durchstieg von zwei- in dreijährige Ausbildungsberufe. Ebenso ist es wichtig, dass flexible Wechsel innerhalb verwandter Berufe möglich sind. So können Zerspanungsmechaniker beispielsweise noch vor ihrer ersten Prüfung zum Industriemechaniker wechseln, wenn sie lieber in der Instandhaltung von Maschinen und Anlagen arbeiten wollen.

Hatte die Einführung des Bachelors Auswirkungen auf die Zahl der Azubis? Immerhin wird man praxisnah ausgebildet und hat nach drei Jahren einen Studienabschluss in der Tasche.

Das lässt sich durch Zahlen nicht belegen. Nach dem deutschen Qualifikationsrahmen liegen Fachwirt und Meister, also Fortbildungsabschluss und Bachelor, auf einem Niveau. Ein Bachelor ist somit nicht mehr wert als eine Ausbildung mit passender Fortbildung. Wir haben nach dessen Einführung keine Delle in den Ausbildungszahlen beobachtet.

Wie können Unternehmen die Ausbildung im gewerblich-technischen Bereich attraktiver machen?

Einem Bewerber als Anreiz ein Tablet zu schenken, halte ich persönlich nicht für sinnvoll, weil es nicht nachhaltig ist. Junge Menschen wollen sich aktiv am Gestaltungsprozess im Unternehmen beteiligen und Einfluss auf ihr Arbeitsumfeld nehmen. Wer seinen Azubis wirklich etwas bieten will, sollte sie beispielswiese einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren lassen. Und Ausbildungsverbünde geben Einblicke aus unterschiedlichen Perspektiven. Man kann auch die eigenen Geschäftspartner – vom Lieferanten bis zum Endkunden – einbeziehen.

Azubis sollten schon viel früher als bisher systemisch und projektorientiert arbeiten und sich nicht nur stur an Lehrpläne halten müssen.

Man sollte ihnen Aufstiegsmöglichkeiten zeigen und sie gezielt dahin entwickeln. Dazu ist nicht nur ein technischer Wandel, sondern vor allem ein Wandel im Mindset erforderlich.

Die Ausbilder sehen das vielleicht anders.

Es ist Aufgabe der Unternehmen, für das richtige Ausbildungspersonal an der richtigen Stelle zu sorgen und ein Update der Ausbildungsgestaltung durchzuführen. Es braucht ein nachhaltiges System, um hier Wirksamkeit zu entfalten, denn schließlich will man die Leute, die man ausbildet, behalten. Dabei ist es wichtig, die Ausbilder nicht allein zu lassen, und gerade im digitalen Wandel geeignete Qualifizierungsmöglichkeiten anzubieten.

Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung haben Sie die Initiative “Berufsbildung 4.0 – den digitalen Wandel gestalten” ins Leben gerufen. Ist das Ihre Antwort auf Industrie 4.0?

Diese Initiative lief über zwei Jahre und wurde Ende Oktober 2018 abgeschlossen. Es ging um drei Schwerpunkte: Im Bereich der Ausbildungsberufe wollten wir ein Gespür dafür bekommen, wie sich Digitalisierung auf Berufe und Kompetenzen auswirkt. In der Säule Medienkompetenz haben wir definiert, was medienpädagogische Kompetenz von Ausbildern bedeutet und welche IT-Kompetenzen junge Menschen für eine erfolgreiche Ausbildung mitbringen müssen. Im Bereich Fachkräftebedarf ermittelten wir, ob und welche Arbeitsplätze im Beschäftigungssystem möglicherweise durch die Digitalisierung wegfallen beziehungsweise welche neuen geschaffen werden.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Im Bereich der Fachkräfteprognosen ist das Delta zwischen wegfallenden und neu entstehenden Arbeitsplätzen gar nicht so groß, und es trifft nicht zu, dass Geringqualifizierte ihre Arbeit verlieren. Auch durch die modernen Arbeitsplätze und Assistenzsysteme wie etwa Datenbrillen können auch Mitarbeiter ohne Vorkenntnisse anspruchsvolle Arbeiten ausführen.

Wird ein Arbeitsplatz attraktiver, wenn man die Maschine mit einer App steuern kann?

Das ist Geschmackssache. Die Nutzung der App an sich macht wenig aus. Die Azubis wollen wissen, welche Prozesse im Hintergrund ablaufen, zum Beispiel: Welche Gestaltungsoptionen stehen zur Verfügung? Gibt es Funktionen, die man früher nicht ansteuern konnte? Gibt es bessere Möglichkeiten der Fernwartung? Kann man flexibler und schneller arbeiten? Und vor allem: Haben die Azubis auch mal die Möglichkeit, für eine Anlage ein eigenes kleines Programm zu schreiben? Das ist ein echter Anreiz.

Medienkompetenz ist bei den Jugendlichen sicher vorhanden.

Bei der Medienkompetenz geht es nicht darum, mit seinem Smartphone das neueste Foto auf Instagram zu posten. Die Azubis sollen Medien reflektiert und lernförderlich nutzen. Bisher sind nur 30 Prozent aller Jugendlichen dazu in der Lage. Es geht etwa darum, zu verstehen, wie die Programmstruktur einer automatischen Fertigungsanlage funktioniert und was im Hintergrund in den Netzwerken abläuft.

Und wie steht es mit der Medienkompetenz der Ausbilder und Prüfer?

Ein sensibles Thema. Es gibt technikaffine Ausbilder, die sich engagieren, aber auch solche, die zum Beispiel kurz vor der Rente stehen und ihr Konzept nicht mehr ändern wollen. Bewährt haben sich rollierende Systeme, bei denen Ausbilder regelmäßig zurück in die Abteilungen wechseln, um technisch auf dem neuesten Stand zu bleiben. Das BIBB bietet eine Roadshow für Ausbilder. Das Tagesseminar zu digitalen Medien kommt sehr gut an. Nachwuchsmangel herrscht übrigens auch im Prüfungswesen. Hier benötigen wir ebenfalls nachhaltige Qualifizierungskonzepte.

Wie ließen sich Ausbildungskonzept, -struktur und -ablauf außer durch neue Inhalte noch verändern?

Unterhalb der curricularen Ebene können Unternehmen vieles selbst gestalten und über die Mindeststandards der Ausbildungsordnung hinaus Angebote machen. Zudem sind in vielen Berufen im vergangenen Jahr Zusatzqualifikationen erlassen worden. So kann ein Mechatroniker nun zusätzliche Prüfungen ablegen – etwa zur System- und Prozessüberwachung oder zur additiven Fertigung – und einen höherwertigen Abschluss erlangen. Damit schafft man Zusatzangebote, ohne Betriebe abzuhängen, die in der Digitalisierung noch ganz am Anfang stehen.

Die Generation Z ist mit Social Media aufgewachsen. Gibt es in den Unternehmen entsprechende Infrastrukturen und Communities?

Das wäre wünschenswert, aber oft scheitert es an den Datenschutzbestimmungen, der Berufsschule, den Firewalls der Unternehmen und länderrechtlichen Regularien. So bauen sich Unternehmen häufig eigene Lösungen, die dann oft nicht in der Fläche wirken.

Hochschulen sind auch Ländersache, und da funktioniert es mit den gemeinsamen Lernplattformen sehr gut.

Manche Firmen wollen ihre Inhalte nicht mit anderen teilen. Außerdem ist die Technik oft nicht kompatibel: Windows in der Schule, Apple im Betrieb. Trotzdem gibt es einige gut funktionierende Insellösungen. Ich denke da an ein Portal, auf dem die Azubis ihre Berichtshefte online schreiben und mit Videos anreichern können. Die Ausbilder haben ihren eigenen Bereich, und alles hat einen Community-Charakter.

Welchen Rat geben Sie Unternehmen mit auf den Weg, um mehr Menschen für eine Ausbildung zu begeistern?

Nutzen Sie Ihre Gestaltungsoptionen. Verändern Sie Ihr Mindset. Legen Sie Ihre Angst ab und engagieren Sie sich. Alles steht und fällt mit dem persönlichen Engagement – daran hat sich nichts geändert. Zeigen Sie Mut für neue Wege. Wenn junge Menschen digital fitter sind als die Ausbilder, ist das nicht schlimm. Im Gegenteil: So können beide voneinander lernen.


Die Didacta 2019 im Überblick

Vom 19. bis 23. Februar findet die Didacta, Europas größte Bildungsmesse, in der Messe Köln statt.
Über 1.000 Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops und Seminare laden
zum Mithören und -machen ein. Die Veranstalter erwarten mehr als 800
Aussteller aus rund 40 Ländern. Das Informationsangebot reicht von der
frühen Bildung über die Schule und Hochschule bis zur beruflichen
Qualifizierung und richtet sich an Erzieher, Lehrer, Ausbilder,
interessierte Eltern und alle, die mit Bildung beauftragt sind.
Tageskarte: 15 Euro, Dauerkarte: 31 Euro. 

Didacta 2019:
„Berufsbildung 4.0 in NRW: die digitalisierte Arbeit von morgen“,
Interview mit Torben Padur, 21.2.2019 von 15.30–16.15 Uhr, Forum
berufliche Bildung (Halle 6, E071)

› www.didacta-koeln.de