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Investition mit Zukunft

Kosten-Nutzen-Analayse des BIBB
Foto: © contrastwerkstatt / stock.adobe.com

In der Rezession fragen sich manche Unternehmen, ob sie sich die Ausbildung junger Menschen überhaupt noch leisten können. Die aktuelle Kosten-Nutzen-Analyse der betrieblichen Ausbildung des BIBB kommt zur rechten Zeit. In einer repräsentativen Erhebung von September 2018 bis Juli 2019 befragte das BIBB 3049 ausbildende und 996 nichtausbildende Betrieben nach ihren Personalausgaben für die Ausbildung und die Fachkräfterekrutierung. Zwar kann die Erhebung keine unmittelbare Hilfestellung für das Handeln in der Pandemie-Situation geben, aber die Zahlen können als Wegweiser dienen.

Was kostet ein Azubi?

Im Ergebnis zeigt sich, dass Betrieben im Ausbildungsjahr 2017/2018 im Durchschnitt pro Auszubildendem und Jahr Bruttokosten in Höhe von 20 855 Euro entstanden sind. Davon entfielen 12 806 Euro auf die Vergütung der Auszubildenden und 4935 Euro auf die Kosten des Ausbildungspersonals. Anlage- und Sachkosten schlugen mit 767 Euro und sonstige Kosten mit 2348 Euro zu Buche. Zu Letzteren zählen zum Beispiel Kammergebühren oder Ausgaben für externe Lehrgänge sowie die Ausbildungsverwaltung. Je nach Branche variieren die Ausgaben für die Ausbildung: Die höchsten Nettokosten fielen im Öffentlichen Dienst (10 870 Euro) sowie in Industrie und Handel (7039 Euro) an. Im Handwerk (5578 Euro), den freien Berufen (4700 Euro) und der Landwirtschaft (3898 Euro) waren sie deutlich niedriger.

Von den Bruttokosten können die Erträge der Auszubildenden, die sie bereits im Betrieb erwirtschaften, abgezogen werden. Die Befragten gaben als Erträge durchschnittlich 14 377 Euro pro Jahr an. Als Ausgaben unterm Strich stehen also im Durchschnitt 6478 Euro netto pro Jahr und Auszubildendem. Bei knapp einem Drittel der Auszubildenden übersteigen die erwirtschafteten Erträge die Bruttokosten, das heißt, sie erbringen über die Investitionen hinaus einen Mehrwert für ihre Betriebe.

Der Preis der Fachkräftegewinnung

Wenn Betriebe ihre Azubis nach Abschluss der Lehre als Fachkräfte weiterbeschäftigen, zeigt sich die wahre Rendite der Ausbildung: Die durchschnittlichen Ausgaben zur Personalgewinnung entsprechen knapp zwei Dritteln der gesamten Nettoausbildungskosten. So wenden Unternehmen für die Rekrutierung einer neuen Fachkraft über den externen Arbeitsmarkt durchschnittlich 10 454 Euro auf. Für Ausbildungsbetriebe waren diese Personalgewinnungskosten mit 9732 Euro etwas niedriger als für solche, die nicht ausbilden. Sie müssen rund 10 633 Euro aufwenden. Die geringeren Ausgaben bei Ausbildungsbetrieben könn¬ten darauf zurückzuführen sein, dass die Ausbildung von Bewerbern als Signal für gute Arbeitsbedingungen wahrgenommen wird, so das BIBB.

Durch die Übernahme von Ausgebildeten spart ein Betrieb also Personalgewinnungs¬kosten, macht sich unabhängig vom Arbeitsmarkt und kann eventuelle Aus¬fallkosten durch fehlendes Personal verhindern. Er muss nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt nach Fachkräften suchen, die in vielen Fällen noch über zusätzliche Weiterbildungs- und Einarbeitungs¬maßnahmen in den Arbeitsprozess integriert werden müssen.

Übernahme statt Fachkräftesuche

Für einen Großteil der Betriebe lohnt sich die Ausbildung, stellt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser fest. Entweder schon während der Ausbildung durch die produktiven Beiträge der Auszubildenden, durch die eingesparten Personalgewinnungskosten bei Übernahme oder durch weitere Faktoren wie zum Beispiel die Vermeidung von Stellenvakanzen, eine hohe Identifikation mit dem Betrieb und eine lange Betriebszugehörigkeit.

Die BIBB-Erhebung belegt auch, dass sich die Gewinnung von Fachkräften auf regionalen Arbeitsmärkten in den letzten Jahren deutlich verschlechtert hat – dies gilt insbesondere für kleinere Betriebe. Daher reagieren sie mit einem stärkeren Interesse an der Übernahme von im eigenen Haus ausgebildeten jungen Menschen. 90 Prozent der befragten Unternehmen halten an der beruflichen Ausbildung fest – mit dem Ziel, alle oder zumindest einen Teil der Azubis auch zu übernehmen. In der früheren Untersuchung lag dieser Anteil bei 83 Prozent.

Weniger als zehn Prozent der Betriebe geben an, dass sie mit dem Verhältnis von Kosten und Nutzen ihrer Ausbildung unzufrieden sind. Friedrich Hubert Esser: “Vor dem Hintergrund des weiter anhaltenden Fachkräftebedarfs tun die Betriebe also gut daran, ihr Ausbildungsengagement aufrechtzuerhalten. Denn die Auszubildenden von heute sind die so dringend benötigten Fachkräfte von morgen.” Die eigene Ausbildung sei neben der Rekrutierung von Fachkräften über den externen Arbeitsmarkt die wichtigste Möglichkeit für Arbeitgeber, ihren Fachkräftebedarf zu decken, so Esser.

Die Studie
Die aktuellen Ergebnisse “Ausbildung in Deutschland – eine Investition gegen den Fachkräftemangel. Ergebnisse der BIBB-Kosten-Nutzen-Erhebung 2017/2018” sind › hier nachzulesen.

Dieser Beitrag ist Teil des Online-Specials „Ausbildung“. Mehr
interessante Beiträge zu diesem Thema finden Sie auf der entsprechenden
› Übersichtsseite

Bilderstrecke: Kosten-Nutzen-Analyse des BIBB

Quelle: BIBB-CBS 2007, 2012/13 und 2017/18

Wie hoch sind die Ausgaben für einen Auszubildenden, wie hoch seine erwirtschafteten Erträge?

Insgesamt sind die Nettokosten zwischen den Ausbildungsjahren 2012/13 und 2017/18 nur gering gestiegen. Die höheren Bruttokosten können zum Teil damit erklärt werden, dass die Löhne der an der Ausbildung beteiligten Fachkräfte angehoben wurden.

Quelle: BIBB-CBS 2007, 2012/13 und 2017/18

Wie lange suchen Betriebe nach Fachkräften?

Im Jahr 2007 dauert der Suchprozess bei Kleinstbetrieben noch 3,5 und bei Großbetriebe 4,8 Wochen. Vor allem zwischen den Jahren 2012/13 und 2017/18 hat sich die Dauer mehr als verdoppelt, bei Kleinstbetrieben sogar mehr als verdreifacht.

Quelle: BIBB-CBS 2007, 2012/13 und 2017/18

Wie lange suchen Betriebe nach Fachkräften?

Im Jahr 2007 dauert der Suchprozess bei Kleinstbetrieben noch 3,5 und bei Großbetriebe 4,8 Wochen. Vor allem zwischen den Jahren 2012/13 und 2017/18 hat sich die Dauer mehr als verdoppelt, bei Kleinstbetrieben sogar mehr als verdreifacht.

Quelle: BIBB-CBS 2017/18

Planen Betriebe die Übernahme der Auszubildenden?

Die deutliche Mehrheit der Betriebe will einen Teil der Aus¬zubildenden oder sogar alle nach den Abschlussprüfungen weiter beschäftigen. In den letzten zehn Jahren hat sich der Prozentsatz derjenigen, die ihre Azubis nicht übernehmen wollen, bei Betrieben jeder Größenordnung deutlich verringert. So planen heute nur vier beziehungsweise zwei Prozent der mittleren und großen Ausbildungsbetriebe, die jungen Menschen nicht zu übernehmen.

Christiane Siemann ist freie Journalistin und Moderatorin aus Bad Tölz, spezialisiert auf die HR- und Arbeitsmarkt-Themen, die einige Round Table-Gespräche der Personalwirtschaft begleitet.