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Lutz Goertz: Lerner brauchen den menschlichen Kontakt

Portrait von Lutz Goertz
Dr. Lutz Goertz ist Leiter Bildungsforschung
beim MMB Institut in Essen, das in seiner
Studie Learning-Delphi regelmäßig die Trends
im E-Learning herausarbeitet.

Personalwirtschaft: Herr Dr. Goertz, in welchen Bereichen zeigt Ihre aktuelle Delphi-Studie die größten Veränderungen zum Vorjahr?

Lutz Goertz: Die größte Negativveränderung finden wir bei den Web-based Trainings: Nur noch 55 Prozent der Befragten halten sie für eine zukunftsträchtige Lernform. 2009 waren es noch neun von zehn. Positive Veränderungen sehen wir bei Simulationen: Sie gehen Hand in Hand mit VR. Das hängt mit dem 3D-Boom zusammen, denn dort lassen sich Simulationen gut abbilden. Wikis sind vom großen Hoffnungsträger 2010 auf 14 Prozent abgerutscht.

Wie hat sich Corporate Learning denn seit der ersten Studie 2006 verändert?

Damals drehte sich alles um Second Life. Man sah ein großes Potenzial darin, sich als Avatar in einem 3D-Raum Lernlektionen anzusehen. Dann ist dieser Trend komplett eingebrochen. Nun ist Second Life wieder da, jedoch in anderer Form. Ein Beispiel ist die VR-Umgebung Tricat Spaces. Das sind virtuelle Lernräume, die man mit einem Avatar begehen und in denen man andere Leute treffen kann. Wer dort an einer Präsentation teilnimmt, fühlt sich wie in einer Vorlesung, kann aber auch mit anderen interagieren. Diese virtuellen Räume funktionieren wie Second Life, sind aber bei Weitem nicht so bunt und schrill. Und es gibt kein Entertainment.

Ist es nicht extrem aufwendig, solche Lernräume zu realisieren?

Wenn man genügend Käufer für sie findet, lohnt es sich. Das ist wie ein Virtual Classroom, nur intensiver. Wer sich in einem Virtual Classroom langweilt, liest seine Mails oder blättert in Unterlagen. Bei einer 3D-Brille geht das nicht. Dafür kann man sein Gegenüber besser fokussieren als in einem kleinen Bild auf dem Monitor. Man sieht einen Avatar mit Mimik und Gestik, hat aber auch die Möglichkeit, das Originalkamerabild einzublenden. Dann sieht man den echten Menschen dahinter.

Warum ist das so wichtig?

Es schafft eine andere Vertrauensbasis, vor allem bei Menschen, die sich nach wie vor Präsenztrainings wünschen. Sie möchten die anderen Leute sehen, und bei einer 3DBrille sitzt man mit realen Menschen im Kreis. Das ist auch näher dran als eine Audiokonferenz oder ein Chat. In zehn oder 20 Jahren ist die Technik vielleicht so weit, dass man das Gefühl hat, wirklich in der Gruppe zu sein.

Für das Gehirn besteht sowieso kein Unterschied, ob etwas in der Realität oder nur in der Vorstellung existiert.

Das geht aber nur mit VR. Wenn man vom Dozenten kein Bild hat, kein Gesicht, keine Bewegung, keine Gesten, kann man ihn nicht gut einschätzen. Doch viele Menschen sind genau darauf angewiesen. Warum geht jemand in ein Konzert? Das kann er sich ebenso gut im Streaming anhören. Beim Konzert muss es also einen Mehrwert geben. Dieser Liveeindruck spielt auch beim Lernen eine Rolle: Je dichter eine Schulung an der Liveveranstaltung ist, desto eher wird sie akzeptiert.

Sogar der Chaos Computer Club trifft sich live.

Das stimmt, es gibt Ortsgruppen in Berlin, Frankfurt, München und Dutzenden weiteren Städten, Computer-Stammtische und vieles mehr. Die brauchen das auch. Für viele Lerner ist es unbefriedigend, keinen menschlichen Kontakt zu haben. Das wird dem E-Learning immer vorgeworfen, dabei wird die menschliche Komponente durch viele digitale Lernformen erfüllt.

Was sagt Ihre Studie zum Lernen mit künstlicher Intelligenz oder Augmented Reality?

Im Moment glauben alle, sie brauchen 3D-Brillen in ihren Schulungen.

Dann steht in der Mitarbeiterzeitung, wie modern das Unternehmen ist. Aber es kommt auf die Anwendung an. Beim Projekt Social Virtual Learning vom Zentralfachausschuss Berufsbildung Druck und Medien mit Heidelberger und anderen Partnern kann man in eine virtuelle Druckmaschine steigen und sehen, wie die Farbe aufs Papier kommt. Man kann Walzen herausnehmen, sie einfärben und sogar Notizen hinterlassen. Und man kann die Sequenz aufnehmen.

Aber das Abfilmen von Schulungen ist nichts Neues.

Das hier schon, denn es werden Gegenstände nicht einfach abgefilmt, sondern in eine 3D-Umgebung übertragen. Das war bisher nicht möglich. Man muss die Bewegungen als Vektor darstellen, um ein Objekt jederzeit aus allen Blickwinkeln betrachten zu können. Wenn wir technisch etwas weiter sind, werden wir bald auch VR-Filme sehen. Aber für jede Sekunde Film bewegen wir uns im Terabyte-Bereich!

Dann zurück zu weniger komplexen Umgebungen: Welche Rolle spielen Social Media wie etwa Youtube und Twitter?

Da muss man differenzieren, denn Social Media erfüllen unterschiedliche Funktionen: Youtube und andere Portale sind Container für Lernfilme, bei denen Kommunikation nur in den Kommentaren stattfindet. Aber Youtube ist als Repository, also als digitales Archiv, sehr beliebt und auch zur Content-Suche wichtig.

Und andere Plattformen?

Berufsbezogene Diskussionsforen wie etwa Communities of Practice haben in vergangenen Jahren an Akzeptanz verloren. Unsere Befragung hat ergeben, dass Social Networks im Jahr 2010 von wesentlich mehr Experten als zukunftsträchtig eingestuft wurden. Wichtig sind Communities heute als Austauschforen, die an Lernumgebungen angedockt werden. Die können betriebs- oder kursintern betrieben werden.

Wie werden Communities eingebunden?

Innerhalb einer Lerngruppe wird der Austausch durch eine Aufgabe angespornt, etwa gemeinsam an einem Bericht zu arbeiten oder eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen. Wenn es sich um eine Lernanforderung handelt, sind die Teilnehmer gezwungen, sich auszutauschen. Ist die Zusammenarbeit hingegen zweckfrei – unter dem Motto: Wenn ihr Lust habt … –, wird es unheimlich schwer, die Leute zu motivieren.

Warum nutzt man nicht Facebook?

Da gibt es keine Akzeptanzprobleme. 2010 gab es einen Boom, Facebook zum Lernen zu nutzen. Daraufhin folgte die Ernüchterung, und in den beiden Folgejahren brach der Trend ein.

Warum?

In Facebook-Gruppen gibt es zu viel Grundrauschen. Dort kommt alles rein, was Freunde posten: Bilder vom Geburtstag, Konzert, Essen …

Nicht zu vergessen: Katzenvideos.

Oh ja, was wäre das Internet ohne diese!

Wie sieht es mit Berufsportalen aus?

Noch vor drei Jahren gab es viele Fachgruppen auf Xing, das waren muntere Diskussionsforen. Mittlerweile ist das Portal zu einem Platz für Stelleninserate, Berater-Postings und Event-Ankündigungen verkommen. Content und Austausch finden dort leider kaum noch statt.

Ist googeln auch lernen?

Es kommt drauf an, was man googelt und wie man mit den Treffern umgeht. Eine Postleitzahl herauszufinden, ist kein Lernprozess, aber wenn ein Mitarbeiter einen Vortrag zum Thema Altersversorgung halten und die Betriebsrente mit dem Riestern vergleichen soll, nicht aber mit der Rürup-Rente, ist das kognitiv eine höhere Leistung.

Wenn man Google geschickt anwendet, ist es ein mächtiges Lerntool.

Oft findet man dort Suchergebnisse schneller als auf den Seiten, auf denen die Informationen stehen.

Was ist eigentlich aus den guten alten Serious Games geworden?

Das war eine Hype-Geschichte. Noch vor vier Jahren standen sie sehr hoch in der Experteneinschätzung, inzwischen erhalten sie nur noch 20 Prozent Zustimmung. Das liegt am Preis: Wenn sie billig gemacht sind, fehlt die Akzeptanz. Sie sollten zumindest annähernd die Anmutung von Entertainment Games haben. Doch wenn ein Serious Game veraltet, hat man oft nicht mehr das Geld, ein neues zu entwickeln. Viele Spiele, die im Zeitraum von 2010 bis 2014 entstanden, existieren nicht mehr. Das ist sehr schade, denn diese Spiele waren ausgesprochen gut. Bei meiner Recherche für ein Studienheft über Serious Games hatte ich Mühe, etwas Aktuelles zu finden.

Werden auch die Web-based Trainings bald zu Grabe getragen?

Nein, denn bei massenattraktiven Themen sind sie immer noch wichtig. Um viele Mitarbeiter schnell auf den gleichen Wissensstand zu bringen – etwa bei der neuen Datenschutzverordnung DSGVO – lassen sie sich gut einsetzen. Es gibt genügend WBTs von Verlagen oder Branchenverbänden, die man kaufen kann. Allerdings sind Lernfilme eine ernsthafte Konkurrenz, weil die Leute lieber Filme anschauen als zu lesen und Fragen zu beantworten.

Eigentlich sind doch Massive Open Online Courses, kurz Moocs, zuständig für große Zielgruppen?

Es kommt drauf an, ob und wo sie sich schon etabliert haben. Es gibt diskursorientierte Moocs, andere arbeiten auf einen Abschluss zu. Es ist aufwendiger, einen Mooc zu organisieren als einen Content zu kaufen. Ich bin nicht sicher, ob sich diese Lernform auf Dauer durchsetzen wird. In unserer Studie heißt es zwar, dass Moocs und Lern-Communities nicht mehr wegzudenken sind, aber ihre Rolle ist nicht klar.

In welche Richtung wird es thematisch gehen?

Ganz eindeutig in Richtung DSGVO. Der Datenschutz hat die Entscheider sensibilisiert und wird für die nächsten drei Jahre als wichtig eingestuft. Das Thema hat den höchsten Wert bekommen, gefolgt von Compliance-, Anwender und Kundenschulungen. Unternehmen müssen ihr regelgerechtes Verhalten nach außen zeigen, denn es wird von Aufsichtsbehörden verlangt und von Kunden erwartet. Wenn Unternehmen nach ISO 9000x zertifiziert sind, müssen die Mitarbeiter diese Inhalte verinnerlichen, das Gleiche gilt für Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz. Dafür rangieren IT-Anwendungen nun viel weiter unten.

Inhaltlich haben Datenschutz und die DSGVO mittlerweile den höchsten Stellenwert.

Wieso? Mitarbeiter müssen doch fit sein für die IT, oder?

Ja, aber die Unternehmen erwarten, dass die Leute sich dieses Wissen im Selbststudium aneignen. Es gibt deutlich weniger Softwareschulungen als früher. Hinzu kommt, dass neue Releases kaum anders funktionieren als vorherige Versionen. Office 365 beispielsweise funktioniert im Grunde wie die früheren Office-Pakete. Und wer macht schon einen Kurs für das Update von der Firefox-Version 62 auf Version 63?

Und welche Rolle spielt Blended Learning aktuell?

Den Begriff habe ich zum ersten Mal 2001 gehört, und Blended Learning steht im Delphi-Ranking seit vielen Jahren ganz oben. Es formt das Rückgrat des digitalen Lernens. Die Umstellung von Präsenztraining auf Blended Learning ist deshalb sinnvoll, weil sich die Teilnehmer nicht nur virtuell, sondern auch physisch kennenlernen.

Wird Content eher intern erstellt oder von Bildungsanbietern eingekauft?

Dazu gibt es leider wenige Studien. Deshalb werden wir am 19. Februar in Berlin die Nextlearn veranstalten. Dort geht es genau darum, auf welchen Wegen Unternehmen an ihre Inhalte kommen. Aber grundsätzlich gibt es drei Optionen: intern erstellen, Off-the-Shelf-Content einkaufen oder bestehenden Content anpassen. Große Unternehmen erstellen eher internen Content oder beauftragen Agenturen damit, kleinere Unternehmen suchen sich Open-Source-Content. Doch das gleicht einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Wie stark müssen sich Mitarbeiter selbst für ihre Lernziele engagieren – oder wird alles vom Unternehmen angeboten?

Das kommt auf die Berufsgruppe und ihre Qualifikation an. Wer einen akademischen Hintergrund hat, muss oft selbst dafür Sorge tragen, sein Wissen auf dem aktuellen Stand zu halten. Allerdings leiden viele Unternehmen unter dem Fachkräftemangel und bieten deshalb Weiterbildung als Incentive an. Das heißt: Die Personalabteilung geht auf die Mitarbeiter zu, nicht um deren Lernerfolge zu kontrollieren, sondern um die Mitarbeiterbindung zu erhöhen. Zu Compliance- und DSGVO-Schulungen hingegen werden alle verdonnert.

Und wer kontrolliert den Lernerfolg?

Es gibt vier Möglichkeiten: Computer, Vorgesetzte, Kollegen oder die Lernenden selbst. Bei Abschlussprüfungen mit Rechtsverbindlichkeit sind immer Menschen involviert – entweder Vorgesetzte oder qua Gesetz unabhängige Prüfer. Bei Schulungen ohne rechtsverbindliche Abschlussprüfung, zum Beispiel als Self Assessment, reichen immer häufiger auch Computer aus. Bei Studienbriefen und WBTs gibt es Erinnerungsfragen und Selbsttests. Neu sind Peer-to-Peer-Prüfungen, also durch Gleichgesinnte.

Vorgesetzte, Prüfer oder Dozenten führen dabei beispielsweise eine Eichprüfung durch und geben einen Musteraufsatz inklusive Bewertung an die Kursteilnehmer weiter. Die bewerten dann die Aufsätze der anderen Teilnehmer.

Und das funktioniert?

Ja, denn die Bewertungen fallen ähnlich aus wie die der Dozenten. Zudem erfahren bei der Peerto- Peer-Prüfung die Kollegen den Wissensstand und die Ideen der anderen. Aber diese Methode wird noch sehr selten eingesetzt.

Klingt so, als seien die Verantwortlichen nicht davon überzeugt. Oder steckt das Konzept noch in den Kinderschuhen?

Leider können sich zu wenige Vorgesetzte und Dozenten solche Prüfungen vorstellen und wissen nicht, wie sie die Teilnehmer dazu motivieren sollen. Man darf ihnen nicht sagen: Du musst ab jetzt einen Text mehr lesen!, sondern ihnen schmackhaft machen, dass andere Ansichten sie beruflich weiterbringen. Und genau darum geht es beim Lernen.


Die Learntec 2019 im Überblick

Vom 29. bis 31. Januar 2019 lädt die Learntec wieder Entscheider und Fachbesucher in die Messe Karlsruhe ein. Mehr als 300 Aussteller aus 14 Nationen präsentieren neue Hardware, Software, Anwendungen und Komplettlösungen. Neu ist die VR/AR Area, in der Anbieter die Möglichkeiten von Virtual und Augmented Reality vorführen. Zu den weiteren Schwerpunkten zählen beispielsweise Modern Workplace Learning, künstliche Intelligenz und adaptives Lernen, Agilität und Social Collaboration. Es werden mehr als 10 000 Besucher erwartet.

Wie jedes Jahr wird die dreitägige Messe von einem Kongress begleitet. Mehr als 120 Referenten stellen neue Ideen, Trends und Entwicklungen in den Bereichen Technologie, Didaktik und Management vor. Neben klassischen Themen wie etwa virtuelle Klassenzimmer oder Mobile, Blended und Video Learning geht es dieses Mal verstärkt um künstliche Intelligenz, Smombies und den Einsatz von Chatbots, Alexa und Co. In Workshops können die Besucher eigene Lösungen entwickeln.

Weitere Informationen finden Sie › hier


Dieses Interview ist in Ausgabe 01/2019 erschienen. Sie können das gesamte Heft › hier bestellen.