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Über den eigenen Tellerrand hinaus

 

Azubisharing
Foto: ©Fokussiert / stock.adobe.com

Als Peter Seel erfuhr, dass die IHK Nordwestfalen Betriebe sucht, die sich in der Ausbildung gegenseitig unterstützen, zögerte er keine Sekunde. “Mein soziales Herz sagte mir sofort: Da musst Du was tun”, so der Inhaber der 1946 von seinem Großvater gegründeten Firma Seel Elektrotechnik in Münster. Schnell war das Formale geklärt – und ein Azubi gefunden.

Infolge der Pandemie war der Ausbildungsbetrieb des Lehrlings ins Straucheln geraten. Um ihn nicht wenige Wochen vor der anstehenden Abschlussprüfung zum Industrieelektriker alleinzulassen, nahm Seel den Azubi Anfang April unter seine Fittiche. Seel bildet regelmäßig ein oder zwei Nachwuchskräfte zum Elektroniker der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik aus. “Unsere Arbeit beginnt bei 230 Volt”, beschreibt er, was Kunden von seinem Team erwarten können. “Wir lösen komplexe Probleme, oft auf Baustellen.” Diese praktische Vielfalt war dem Seel anvertrauten Auszubildenden, der vorwiegend Platinen für digitale Anlagen lötete, völlig fremd.

Vom Hotel in die Reha-Klinik

Vorbildlich zeigen Verantwortliche wie Peter Seel, worauf es in unvorhersehbaren Situationen besonders ankommt. Statt auf Tauchstation zu gehen, ergreifen sie couragiert Initiative, um das Beste aus der misslichen Lage herauszuholen. So wie Silke Heckenberger, Ausbildungsleiterin des Hotels Grünberger in Berchtesgaden. Obwohl die Vier-Sterne-Herberge im März schließen musste, konnten die Azubis bis zur Wiedereröffnung Ende Mai ihre Ausbildung in der fünf Kilometer entfernten Rehaklinik Medical Park fortsetzen. 

Dass es dazu kam, verdankt Heckenberger einem Zufall. Beiläufig erfuhr sie von einer befreundeten Pflegekraft, dass der Arbeitsaufwand in der Klinik sprunghaft gestiegen sei. Neben der laufenden Versorgung im Reha-Betrieb würden sich nun auch Corona-Patienten, abgeschirmt in einer eigenen Abteilung, im Medical Park erholen. Ein Anruf beim Personalleiter der Rehaklinik, Georg Dittrich, genügte, und schon konnte das gemeinsame Projekt starten. “Neben den vertraglichen Grundlagen”, erläutert Heckenberger, “haben wir für unsere vier Hotel- und zwei Koch-Azubis auch Arbeits- und Pausenzeiten festgelegt und umgehend einen Shuttle-Service organisiert.”

Für alle Parteien hat sich die quasi aus der Not geborene Partnerschaft gelohnt. Vor allem für die Azubis: Durch den von Beginn an intensiven Patientenkontakt, betont Dittrich, hätten sie für ihre künftige Arbeit im Hotel viel gelernt. “Das Essen reichen, sich auch mal zum Patienten setzen, der ein besonderes Bedürfnis nach Zuwendung hat”, erläutert der Personalleiter, “das geht schon eher in Richtung Pflege.” Würden sie später im Hotel auf Gäste treffen, die im Rollstuhl sitzen oder anderweitig beeinträchtigt sind, ihr Handicap aber verheimlichen wollten, “so haben sie hierfür in kurzer Zeit das nötige Feingefühl entwickelt.”

#Azubisharing motiviert zur Kooperation

Ausbildungskooperation, wie sie von zahlreichen Industrie- und Handelskammern aktuell unter #Azubisharing dringend empfohlen und koordiniert werden, sorgen für frischen Wind. Während die Betriebe entlastet und, wie Georg Dittrich bestätigt, dank positiver Erfahrungen sogar ermuntert werden, weitere Ausbildungsplätze zu schaffen, erweitern solche Projekte den Erfahrungsschatz der Azubis.

Wenn sie andere Betriebe kennenlernen, stärkt das ihre Kompetenzentwicklung.”

sagt Michael Rumpff, Bildungsberater der IHK München und Oberbayern. Dieses Ziel verfolgt auch Kerstin Josupeit, Projektleiterin der mit Landesmitteln geförderten Verbundberatung Berlin. “Kooperationen zwischen Betrieben unterstützen die Auszubildenden, jene Kompetenzen zu erwerben, die in der Ausbildungsverordnung definiert sind.” Weil zum Beispiel viele künftige Köche in ihren Betrieben nicht hinreichend in Buchhaltung oder andere Verwaltungsaufgaben eingeführt würden, springe dafür ein kaufmännischer Dienstleister ein. Solche Konzepte kommen an – wenn man sie kennt: “Nachdem Ausbildungsberater der IHK bei einer Telefonumfrage unter Mitgliedsfirmen unser Verbundangebot erläutert hatten”, zieht Josupeit zufrieden Bilanz, “gab es mehr Anfragen als sonst”.

Lerneffekte sind immens

Letztlich steht im Vordergrund, dass die Ausbildung trotz Corona unbedingt weitergeführt werden muss. Nach dem Bundesausbildungsgesetz haben Azubis einen rechtlichen Anspruch darauf: Als der Flughafen Münster-Osnabrück seinen Betrieb einstellte und viele Mitarbeiter in Kurzarbeit schickte, bat Ausbildungsleiter Meinolf Piotrowski deshalb die zuständige IHK umgehend um Unterstützung. “Unbürokratisch, ohne Hürden aufzubauen”, sei schnell eine Lösung gefunden worden: Während zwei KFZ-Mechatroniker in freien Werkstätten unterkamen, konnte eine IT-Auszubildende vorübergehend sogar bei der Kammer beschäftigt werden. 

Für eine Dual-Studierende – BWL, Kauffrau Büromanagement – führte der Weg ins Universitätsklinikum Münster. Und zwar in die IT, wo sie laut Klaudia Sauer, Leiterin der Personalentwicklung, sich projektweise mit der Nutzung von webbasierten Kommunikationsmitteln für Seminare beschäftigen konnte. Sauer bewertet den Lerneffekt des Azubisharing als “immens”, und zwar für Auszubildende sowie die beteiligten Betriebe.

Eigentlich gibt es keine Herausforderungen. Man muss es einfach tun.”

lautet ihre Botschaft an noch zaudernde Firmen.

Während das Klinikum bereits seit Jahren Verbundprojekte in der Ausbildung praktiziert und zum Beispiel angehenden Fachkräften für Lagerlogistik die Chance eröffnet, in einem anderen Betrieb modernste automatische Lagerhaltung kennenzulernen, fehlt den meisten mittelständischen Firmen jegliche Erfahrung mit solchen Kooperationen. Hierzu könnte das Azubisharing also eine wichtige Anschubhilfe leisten. Wäre da nicht das traditionelle Konkurrenzdenken, ja sogar Misstrauen zwischen Industrie-, Handels- und Handwerkskammern, wie Peter Seel beklagt. Sein eindringlicher Appell: “In so einer Krise müssen einfach alle zusammenhalten, und das sollte auch für die Kammern gelten.”   


Dieser Beitrag ist Teil des Online-Specials „Ausbildung“. Mehr interessante Beiträge zu diesem Thema finden Sie auf der entsprechenden › Übersichtsseite