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Weiterbildung: „Nicht jeder Betrieb braucht eine eigene Lernplattform“

Foto: privat
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Personalwirtshaft: Die meisten Unternehmen wünschen sich in der aktuellen Situation, dass die finanzielle Weiterbildungsförderung ausgeweitet wird. Sind denn bislang E-Learning-oder Blended-Learning-Angebote davon ausgeschlossen?
Dr. Regina Flake: Hinter dem Wunsch stecken zwei Motive. Zum einen betreffen sie die Förderrichtlinien beispielsweise nach dem Qualifizierungschancengesetz (QCG). Danach muss Weiterbildung “in der Regel außerhalb des Betriebs” durchgeführt werden. Hier stellt sich natürlich die Frage, inwieweit E-Learning dies erfüllt. Da durch die Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen viele Maßnahmen nicht wie geplant in Präsenz stattfinden konnten, hat die Bundesagentur für Arbeit jedoch schnell reagiert und es Bildungsträgern vereinfacht, digitale Lernformen anzubieten. Hier müssen wir schauen, ob dies nur eine Ausnahme bleibt oder ob staatlich gefördertes betriebliches Lernen künftig mehr auf Blended-Learning-Formate ausrichtetet ist. Doch auch andere Förderkriterien, wie beispielsweise der Mindeststundenumfang einer Maßnahme, müssen daraufhin geprüft werden, wie gut sie zu flexiblen, digitalen Lernangeboten passen.

Und das zweite Motiv?
Als die Wirtschaft in den letzten Jahren nur Wachstumszahlen kannte, war die größte Herausforderung der betrieblichen Weiterbildung häufig die fehlende Zeit der Beschäftigten. Betriebe konnten ihre Mitarbeitenden nicht für eine Fortbildung ganz oder stundenweise freistellen, weil sie gebraucht wurden. Momentan mussten viele Unternehmen Kurzarbeit anmelden, da sie nicht genug Aufträge für ihre Mitarbeiter haben. Passende finanzielle Förderung kann dabei helfen, diese Zeit – trotz aller Herausforderungen – für Weiterbildung zu nutzen.

In Ihrer Studie geben viele Unternehmen an, digitale Weiterbildungsformate nicht in größerem Umfang zu nutzen, weil Ihnen Informationen zum Thema E-Learning fehlen. Woran hapert es genau? 
Die Redewendung, ‚man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht‘, trifft hier besonders zu. Der Markt für unterschiedliche digitale Lernmedien wie Webinare, Web-Based-Trainings, Videos, Podcasts und Co. ist sehr groß. Das macht es gerade für kleine und mittelständische Unternehmen schwierig, sich gut orientieren zu können. Hinzu kommt, dass sie nicht nur die passenden Inhalten suchen, sondern auch auf die Qualität achten müssen. Gerade im Bereich der betrieblichen Bildung bieten auch nicht professionelle Bildungsanbieter ihre Inhalte an. Das ist eine zusätzliche Herausforderung.

Was raten Sie Betrieben, die in die virtuelle Weiterbildung einsteigen wollen?
Wir raten, keine Hemmungen zu haben. Wenn Unternehmen über keinerlei Erfahrung mit diesen Formaten versuchen, versuchen wir sie zu einem niedrigschwelligen Einstieg zu motivieren. Denn nicht jeder kleine und mittelständische Betrieb braucht eine eigene Lernplattform, um E-Learning anzubieten, oder sollte direkt eigene digitale Lernmedien produzieren. Es gibt passende E-Learning-Lösungen für alle Unternehmen und alle Budgets. Wir erklären Schritt-für-Schritt, wie Arbeitgeber ein passendes Angebot und einen geeigneten Anbieter finden. Für den Einstieg eignen sich auch viele kostenlose digitale Weiterbildungsangebote, die Beschäftigte nutzen können.

Mehr zum Thema: www.kofa.de/dossiers/digital-aus-und-weiterbilden.


Dr. Regina Flake ist Senior Economist und Teamleiterin Kompetenzfeld Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte beim Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung – KOFA, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln.

Christiane Siemann ist freie Journalistin und Moderatorin aus Bad Tölz, spezialisiert auf die HR- und Arbeitsmarkt-Themen, die einige Round Table-Gespräche der Personalwirtschaft begleitet.