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Wie man Unternehmen langfristig versenkt

Wer meint, das heute “übliche Minimum” eines Arbeitsvertrages bestünde aus Name des Arbeitnehmers, Bezeichnung des Unternehmens, Beschreibung der Tätigkeit, Beschäftigungsbeginn, vereinbartes Gehalt und vereinbarte Stundenzahl, der irrt.

Kennen Sie die Abkürzung Snafu? Vom US-Militär kam der Begriff über die dortige HR-Szene auch in der Personalrealität Deutschlands an. Die Abkürzung bedeutet “situation normal, all f@#ked up”; die paradoxe Situation also, dass Personaler meinen, ihr Handeln sei normal – obwohl es negative Folgen hat.

Aktuelles Beispiel eines HR-Snafu: Eine Führungsnachwuchskraft will mit knapp 28 Jahren nach Studium und erster Berufserfahrung mit nachweisbar guten Erfolgen nun im Management weiter durchstarten und daher das Unternehmen wechseln. Nach sehr kurzer Suche hat sie vier konkrete Vertragsangebote. Sie fragte nun den Autor dieser Zeilen, wie es zu bewerten sei, dass bei einem der Verträge die Wochenstundenzahl fehle. Im Bewerbungsgespräch konnte oder wollte ihr das niemand erläutern.

Nun könnte man meinen, dass es sich um ein arbeitsrechtlich und personalwirtschaftlich unerfahrenes Kleinunternehmen handelt. Weit gefehlt! Besagtes Unternehmen war früher ein großer Autovermieter, der sich semantisch zum Anbieter hochwertiger Mobilitätslösungen wandelte. Das ist zwar das Gleiche, klingt aber viel besser. Dieser “Wir sind soooo anders”-Ansatz wird durch witzige Werbung betont und vertragsrechtlich durch Arbeitsverträge ohne Stundenbezug unterstrichen.

Bei solchen eher selten verwendeten Verträgen ist von der “betriebsüblichen” oder durch Betriebsvereinbarung beziehungsweise Tarifvertrag geregelten Arbeitszeiten auszugehen. Auch hierzu wurde der Bewerberin nichts gesagt. Daher gilt die nach Arbeitszeitgesetz mögliche Höchstzahl von 48 Wochenstunden. So ein Vertrag maximiert zudem das Direktionsrecht des Arbeitgebers hinsichtlich der Verteilung dieser Stunden.

Das klassische HR-Snafu besteht aus der Denkweise: “Wir suchen für den Managementnachwuchs die Besten – hoffen aber, dass sie zugleich doof genug sind, unter diesen Bedingungen bei uns anzuheuern.” Ein HR-Paradoxon, das Unternehmen mittel- und langfristig versenken kann. Die Bewerberin recherchierte, misstrauisch geworden, noch auf Unternehmensbewertungsportalen. Mitarbeiter beschrieben einen “katastrophalen Arbeitgeber” und ein “sinkendes Schiff”. Der Bewerberin war klar: Hier kann sie höchstens “schlechte Führung” lernen.

Über ihr Facebook- und Xing-Netzwerk hat sie daher vor dem Unternehmen gewarnt. Die Nachricht wurde aufgegriffen und lief durchs Netz. Das war erfolgreiche “Longtail PR”, wie sie sich die Social-Media-Abteilung jeder Firma zwar wünscht – aber doch irgendwie mit anderen Inhalten ..

Welche Arbeitsverträge legen Sie Ihren Bewerbern vor? Schreiben Sie uns!

Autor: Jobst R. Hagedorn

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