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Digital Natives wollen abgeholt werden

Cartoon von einer Menschenmasse aus der Sicht von oben.
Bild: arthobbit/istock

Es ist noch nicht lange her, da stand Angela Merkel am Rednerpult des deutschen Bundestages und verlas ihre Regierungserklärung. Als sie auf die Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt zu sprechen kam, legte sie einen hochinteressanten Akzent auf das Thema Ausbildung. Von einem “Berufsbildungspakt” war dabei die Rede, der die Situation auf dem Azubi-Markt deutlich verbessern solle.

Nachdem über viele Jahre der Blick nahezu ausschließlich auf der akademischen Ausbildung von Fach- und Führungskräften auf Hochschulebene ruhte, ist diese Initiative sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig wird es aber sein, Auszubildende in ihren Bedürfnissen, ihrem digitalen Mediennutzungsverhalten sowie in ihrem Informationsbedürfnis rund um die Berufswahl abzuholen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat Talents Connect eine Umfrage (Smash-Trends) unter mehr als 1000 aktuellen und ehemaligen Azubis durchgeführt, die sich eben genau mit dem Informationsverhalten von Berufsstartern beschäftigt.

1. Mehr Orientierung für eine hochemotionale Lebensentscheidung

Fakt: Auszubildende in Deutschland wünschen sich in ihrer Berufsorientierungsphase mehr Unterstützung. Gemäß unserer Smash-Trends vermissen fast acht von zehn der aktuellen und ehemaligen Auszubildenden mehr Möglichkeiten in diesem Kontext. Besonders ausgeprägt ist das Anliegen in der aktuellen AzubiGeneration: Denn hier fordern satte 86 Prozent mehr Angebote zur besseren Orientierung.

Transfer: Junge Berufsstarter wollen in der für sie außerordentlich wichtigen Lebensphase des Jobeinstiegs sichergehen, sich richtig zu entscheiden. Die Festlegung auf einen Beruf oder Arbeitgeber stellt die Weichen dafür, womit sie sich fortan den Großteil ihres Lebens beschäftigen – eine hochemotionale Entscheidung. Arbeitgeber, die dem dadurch entstehenden signifikanten Informationsbedürfnis nachkommen, stehen zukünftig sicher weit vorne, was zeitgemäßes AzubiRecruiting betrifft.

2. Berufsorientierung als Markenwert der Employer Brand

Fakt: Den Wunsch nach deutlich verbesserten Informationen rund um den Berufseinstieg verbinden die meisten Auszubildenden mit der Forderung nach einem besseren Angebot schon in der Schule (73 Prozent). Darüber hinaus ist auch das Angebot im Internet aus Sicht der Azubis deutlich ausbaubar. Gerade die aktuelle Generation fordert mehr digitale Möglichkeiten – mehr als die Hälfte (53 Prozent) würde entsprechende OnlineInformationsportale befürworten. Einen konkreten Ansatz haben weitere 50 Prozent vor Augen: Sie schlagen vor, die Berufsmöglichkeiten über Online-Fragebögen zu filtern, indem die eigenen Fähigkeiten mit dem Angebot auf dem Arbeitsmarkt abgeglichen werden.

Transfer: Arbeitgeber, die nicht länger darauf warten wollen, dass öffentliche Stellen wie Schulen oder die Bundesagentur für Arbeit aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, sind gut beraten, selbst digitale Informationsangebote zu schaffen und zu gestalten. Damit erfüllen sie den Wunsch der Berufsstarter, verbessern ihr eigenes Recruiting und stärken ihre Arbeitgebermarke. Wer etwa Online-Portale schafft, die Arbeitgeberangebote und Berufsbilder fernab von austauschbaren Floskeln und generischen Behauptungen beschreiben, und darüber hinaus einen Abgleich von Angebot und eigenen Fähigkeiten anbietet, ist damit auf dem goldrichtigen Weg.

3. Digital Natives greifen oft mangels Alternative auf das “alte Internet” zurück

Fakt: Trotz des beschriebenen Mangels an OnlineInformationen, findet die Job- und Berufsorientierung der aktuellen Azubi-Generation größtenteils im Internet statt. Während satte 52 Prozent der heute 40- bis 49- Jährigen mangels Möglichkeiten während ihrer Ausbildungsphase nicht online nach Jobinformationen suchten, liegt dieser Anteil bei den derzeitigen und angehenden Azubis bei nur noch sechs Prozent. TopInformationsquellen für den heutigen Jahrgang sind Online-Jobbörsen (45 Prozent), allgemeine OnlineArtikel mit Berufsbezug (41 Prozent) sowie Karrierewebseiten (34 Prozent). Karrieremessen besuchen immerhin 13 Prozent der aktuellen Azubis. Weitere 17 Prozent suchen in Zeitungen nach Job- und Arbeitgeberinformationen.

Transfer: Die Quellen, die die Digital Natives heute nutzen, sind im Vergleich zu anderen Lebensbereichen noch arg konventionell. Online-Jobbörsen, informelle Jobwebseiten oder der herkömmliche Karrierebereich auf der Unternehmensseite sind dem “alten Internet” zuzurechnen. Arbeitgeber sind daher gut beraten, innovative digitale Angebote anzubieten – mobil, mit relevanten Informationen ausgestattet und mit dem Fokus auf den individuellen Bedürfnissen der jungen Berufsstarter.

4. Nicht nur die Jobsuche, sondern auch die Berufsorientierung findet mobil statt

Fakt: Berufsorientierung und Jobsuche von Azubis sind längst mobil. Für ihre Recherche nutzen heutige Azubis den Laptop (53 Prozent). Stark ansteigend ist der Anteil des Smartphones, das bereits 29 Prozent aller Azubis nicht nur zur Jobsuche, sondern eben auch zur Information rund um die Berufswahl einsetzen. Jeder Fünfte setzt zudem auf ein Tablet, um sich zu informieren.

Transfer: Zwar sieht der derzeitige Anteil der Smartphone-Nutzer mit 29 Prozent unter den aktuellen Azubis auf den ersten Blick noch vergleichsweise gering aus – der Trend zeigt aber: Dieser Anteil wächst rasant. Talents Connect registriert bei seinen Projekten, dass mehr als die Hälfte der Erstzugriffe auf Karriereinhalte von mobilen Endgeräten kommt. Wer sich dem also immer noch verschließt und beispielsweise Karrierewebseiten baut, die nicht mobiloptimiert sind, der verschläft jetzt den Zugang zu gefragten jungen Berufsstartern.

5. Digitalisierung fördert die intensive Auseinandersetzung mit der Berufswahl

Fakt: Die Verlagerung auf digitale Geräte führt interessanterweise zu mehr Tiefsinnigkeit in der Auseinandersetzung mit Themen der Berufsorientierung. Azubis nehmen sich heute mehr Zeit dafür. Denn während nur ein Drittel der ehemaligen Azubi-Generation in seiner Bewerbungsphase täglich mehr als eine halbe Stunde in die individuelle Berufsorientierung investierte, liegt der Anteil in der aktuellen Ausbildungsgeneration schon bei über der Hälfte (53 Prozent).

Transfer: Das Vorurteil, dass die Digitalisierung zu einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit informellen Zusammenhängen führt, stimmt für die Berufsinformation nicht. Vielmehr führen digitale Möglichkeiten zu einer verdichteten und zeitlich intensiveren Auseinandersetzung mit Karrierethemen. Das ist eine gute Nachricht für Arbeitgeber, denn es bedeutet: Unternehmen, die hier ein gutes Angebot bieten, sind deutlich im Vorteil und können Kandidaten darüber schon in der Informationsphase entscheidend an sich binden. Das heißt: Berufsorientierung wird unwiderruflich zum Teil der Employer-Branding-Strategie und zur Voraussetzung für erfolgreiches Recruiting.

Die Studie
Für die Smash-Trends 01/2018 befragte das Marktforschungsunternehmen Respondi im Auftrag von Talents Connect 1019 ehemalige und aktuelle Auszubildende zu ihrem Verhalten und ihren Bedürfnissen rund um die Orientierung zum Berufseinstieg.

Autoren:

Lars Wolfram,
Geschäftsführer,
Talents Connect, Köln,
lars.wolfram@talentsconnect.com

Robin Sudermann,
Geschäftsführer,
Talents Connect, Köln,
robin.sudermann@talentsconnect.com