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Hat der Lebenslauf ausgedient?

Eine alte Schreibmaschine mit einem Blatt, beschriftet mit
Der Lebenslauf – ein Relikt aus alten Zeiten? Aus Bewerbersicht gibt er kein aussagekräftiges Kandidatenbild ab. Foto: © Bits and Splits/Fotolia.de

Fast zwei Drittel der Job-Anwärter (62 Prozent) glauben, mindestens eine ihrer letzten Bewerbungen sei daran gescheitert, dass der Lebenslauf ihre eigentlich vorhandene Eignung für eine Stelle nicht transportieren konnte. Aus Frust bewirbt sich mehr als jeder fünfte abgelehnte Kandidat dann nicht noch einmal beim gleichen Unternehmen. Auch hat jeder zweite Kandidat (51 Prozent) kein Verständnis dafür, dass in Zeiten des Fachkräftemangels nur die wenigsten Bewerber zu einem persönlichen Gespräch eingeladen werden. Das geht aus der aktuellen Bewerber-Studie “Hidden Talents” im Auftrag von > Viasto hervor. Dafür wurden 845 Menschen mit akademischem Hintergrund im Alter von 18 bis 69 Jahren befragt, die in den letzten zwölf Monaten einen Bewerbungsprozess durchlaufen hatten.

Kandidaten möchten, dass Arbeitgeber ihre Soft Skills stärker gewichten

Die befragten ehemaligen Bewerber bezweifeln, dass ihre Job-Eignung im Lebenslauf zum Ausdruck kommt. Vor allem nicht-fachliche Fähigkeiten, die Soft Skills, werden ihrer Meinung nach im klassischen Bewerbungsprozess vernachlässigt. Ein Drittel (32 Prozent) bewertet den Lebenslauf als mangelhaft oder ungenügend, um die persönlichen Stärken in einer Bewerbung zu vermitteln. Mehr als jeder zweite Studienteilnehmer (56 Prozent) ist der Meinung, dass empathische Eigenschaften viel mehr Gewicht haben sollten; von den jungen Bewerbern zwischen 18 und 29 Jahren denken dies sogar 60 Prozent. Außerdem findet die Hälfte der Befragten, dass Unternehmen die jobspezifische Motivation zu wenig beachten.

Zwar wählen 41 Prozent der Kandidaten potentielle Arbeitgeber selbst primär danach aus, ob ihre fachlichen Kenntnisse zu den Anforderungen einer ausgeschriebenen Stelle passen, doch 31 Prozent prüfen ebenso, ob sie auch charakterlich zu einem Arbeitgeber passen, während das Gehalt nur für 29 Prozent ein wichtiges Entscheidungskriterium ist.

Lebenslauf bekommt aus Bewerbersicht nur eine schlechte Durchschnittsnote

Die Studienteilnehmer wurden auch darum gebeten, Noten dafür zu vergeben, wie einzelne Bewerbungswege die Persönlichkeit eines Kandidaten transportieren. Der klassische Lebenslauf bekam eine Durchschnittsnote von 3,6; Frauen bewerteten ihn nur mit 3,8. Das persönliche Gespräch hingegen schnitt mit der Note 1,7 wesentlich besser ab. Junge Bewerber bewerteten auch das Video-Interview mit einer guten Note (2,2).

Anschreiben, tabellarischer Lebenslauf und Arbeitszeugnisse sind keine geeigneten Stilmittel mehr, um passende Mitarbeiter zu finden. Sie listen nur Stationen und vermeintliche Fachkenntnisse auf. Über die persönliche Eignung sagen sie dagegen nichts aus,

kommentiert Martin Becker, Geschäftsführer von Viasto, die Studienergebnisse. Viele sogenannte Hidden Talents, die eigentlich geeignet seien, würden über klassische Selektionsprozesse nicht mehr erkannt. Daher sollten Unternehmen Bewerbern auch dann eine Chance geben, sich persönlich vorzustellen, wenn sie nach dem ersten Blick in den Lebenslauf nicht hundertprozentig zum Suchprofil passten.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.