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Fachkräfte bleiben Mangelware

Eine übermüdete/überlastete OP-Schwester lehnt in einem Krankenhausflur an der Wand
Zuviel Arbeit für zu wenig Personal – die Situation in der Kranken- und Altenpflege in Deutschland ist bedenklich.
Foto: © WavebreakMediaMicro/Fotolia.de

Darüber, dass in Deutschland ein Pflegenotstand herrscht, sind sich alle einig – über das Warum und Lösungsmöglichkeiten nicht immer. Selbst für die sowieso schon unzureichende Zahl an freien Stellen finden sich nicht genügend Jobinteressierte. Mittlerweile rekrutieren Unternehmen der Gesundheits- und Pflegebranche vermehrt neue Mitarbeiter aus dem Ausland, doch auch mit ihnen ist der Personalengpass nicht zu beheben.

Dass die neue Bundesregierung mit einem Sofortprogramm 8000 neue Stellen im Pflegebereich schaffen will, ist für Branchenexperten völlig unzureichend und allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein, der dem Pflegenotstand hierzulande nicht entgegentreten kann. Der Paritätische Wohlverbandsverband zum Beispiel spricht von 100 000 zusätzlich notwendigen Pflegekräften. Die Lage ist nicht nur in der Altenpflege brisant, sondern auch in den Intensivstationen der Krankenhäuser. Doch woher sollen die Fachkräfte kommen, wenn nicht einmal die derzeit freien Arbeitsplätze besetzt werden können? Die Arbeitsbedingungen für Jobs in der Kranken- und Altenpflege sind hart, die Tätigkeit wird schlecht bezahlt und ist daher nicht besonders attraktiv. Die Koalition hat zwar höhere Gehälter angekündigt, doch wie dieses Versprechen umgesetzt werden soll, bleibt unklar.

Immenses Missverhältnis zwischen Jobangeboten und -suchen in der Pflege

Eine aktuelle Analyse des Hiring Labs der Jobsuchmaschine > Indeed hat Stellenausschreibungen für Pflegekräfte sowie Suchen nach diesen Jobs zwischen Januar 2015 und Februar 2018 ausgewertet. Danach ist die Nachfrage nach Pflegekräften innerhalb der letzten drei Jahre um 48,6 Prozent gestiegen. Die Suchen nach Stellen im Pflegebereich haben in diesem Zeitraum aber nur um 12,8 Prozent zugenommen. Zwar steigen die Suchanfragen seit Mitte 2017 stärker – um 17 Prozent – an, das reicht jedoch bei weitem nicht, um den Bedarf zu decken.

Aus Sicht des Arbeitsmarktes seien es nicht fehlende Fachkraftstellen, die den Pflegenotstand herbeiführen, sondern die sehr große Zahl an offenen Stellen, die einer viel geringeren Zahl an Jobsuchenden gegenüber steht, heißt es in der Indeed-Analyse. Ob man diese Einschätzung teilt oder nicht: Angesichts des Mangels an Kranken- und Altenpflegepersonal setzen Krankenhäuser, Pflegeheime und staatliche Einrichtungen vermehrt auf qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland, wie die Untersuchung von Indeed zeigt.

Ausländische Pflegekräfte können die Lücke nicht füllen

Aber auch diese Fachkräfte reichen nicht aus, um die freien Stellen zu besetzen: In den vergangenen drei Jahren hat sich der Anteil an Suchanfragen aus dem Ausland nach Pflegejobs zwar von 3,4 über 4,1 auf 4,4 Prozent erhöht, doch die Bedeutung bleibt gering. Die meisten ausländischen Jobsuchenden kamen 2017 aus Österreich mit einem Anteil von 15,9 Prozent an allen Suchen aus dem Ausland, aus Bosnien und Herzegowina mit 11,9 Prozent und der Schweiz mit 9,8 Prozent, gefolgt von Serbien (6,1 Prozent) und Polen (4,9 Prozent). Um den Pflegenotstand zu beenden, müssten Jobsuchen aus dem Ausland viel stärker zunehmen, als es derzeit der Fall sei, sagt Annina Hering, Economist bei Indeed.

Bereits englische Stellenausschreibungen könnten ausländischen Jobinteressenten die Suche erleichtern, wovon bisher im Pflegebereich nur selten Gebrauch gemacht wird,

so Hering. Da Suchanfragen aus dem Ausland nach Pflegejobs vermehrt aus Ländern kämen, die noch keine Mitglieder der EU sind, wie Bosnien und Herzegowina oder Serbien, könnte ein vereinfachter Eintritt dieser Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt weitere Pflegekräfte aus dem Ausland mobilisieren, sagt Hering.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.