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Das Recruiting-Navi neu programmieren

Active Sourcing ist einer der Wege, die zum Mitarbeiter von morgen führen. Wie weit die Unternehmen in Deutschland diesen schon gehen, welche alternativen Routen sie nehmen und was das für die Praxis bedeutet, zeigen die gerade erschienenen “Recruiting Trends 2017”.

Die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt haben sich umgekehrt, denn in vielen Bereichen sind passende Kandidaten rar. Die Folge: Unternehmen müssen sich heute bei potenziellen Mitarbeitern bewerben und ihr Recruiting-Navi neu programmieren, zum Beispiel auf den Weg des Active Sourcings. Die aktive Suche und die Kontaktaufnahme zu potenziellen Mitarbeitern, die zum Unternehmen oder konkret auf eine bestimmte Position passen – das ist im Personalmanagement eigentlich nichts Neues. Direkte Kontaktaufnahmen durch Headhunter oder über Gespräche an Messeständen oder bei Veranstaltungen gibt es schon lange. Im Zeitalter von Internet und sozialen Netzwerken bieten sich den Unternehmen allerdings weitaus mehr Möglichkeiten, um passende Bewerber zu finden und aktiv anzusprechen.

Mit Active Sourcing lassen sich geeignete Kandidaten auch schon vor dem eigentlichen Bewerbungsprozess finden. Die Beziehung kann direkt nach der ersten Kontaktaufnahme gehalten und ausgebaut werden – mit den Möglichkeiten des Internets lässt sich das sehr viel einfacher gestalten. Die “Recruiting Trends 2017” zeigen: Viele Unternehmen haben das Potenzial der direkten Ansprache im Recruiting erkannt. Ihre Sicht macht deutlich, dass Active Sourcing für die Unternehmen inzwischen ein unverzichtbarer Teil des Recruiting- Prozesses sein sollte.

1. Social Media ist im Tagesgeschäft der Recruiter angekommen

Fakt: Sieben von zehn Unternehmen bewerten die Nutzung von Social Media im Recruiting als positiv. Im Mittelstand stimmen inzwischen dreimal so viele Unternehmen ihr Social-Media-Engagement mit anderen Personalbeschaffungsmaßnahmen ab als noch vor zwei Jahren.
Transfer: Xing, Linkedin, Facebook und Co. – für Unternehmen wird es heute immer wichtiger, in Social Media präsent zu sein, um sich selbst zu positionieren und um aktiv potenzielle Mitarbeiter anzusprechen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn es um die Generation Y geht. Laut Studie finden es zwei Drittel der Kandidaten dieser Generation gut, wenn Unternehmen Social Media für ihr Recruiting nutzen. Active Sourcing über diese Kanäle bietet die Möglichkeit, informelle Kontakte zu knüpfen und gezielt Jobangebote zu unterbreiten.

2. Active Sourcing gewinnt an Bedeutung

Fakt: Active Sourcing wird immer wichtiger: Im Mittelstand wird bereits bei knapp 40 Prozent der offenen Stellen auch aktiv nach Kandidaten gesucht. In 8,5 Prozent der Fälle sprechen die befragten mittelständischen Unternehmen Kandidaten sogar ausschließlich direkt an.
Transfer: Passende Bewerber finden sich heute nicht mehr allein durch eine Stellenausschreibung. Personaler müssen auch in die aktive Mitarbeiteransprache investieren. Entscheidend sind dabei die umfassende Vorbereitung und Recherche im Vorfeld der Kontaktaufnahme, die passgenaue Ansprache je nach Zielgruppe und Kanal und die Vermittlung von authentischem Interesse. Nach dem ersten Kontakt müssen die Recruiter am Ball bleiben, die Beziehung aufrechterhalten, pflegen und im Bedarfsfall dem Kandidaten ein optimal abgestimmtes Angebot vermitteln, das auf dessen Vorstellungen zugeschnitten ist. Sonst wird die Ansprache schnell als “Spam” empfunden. Wer inhaltlich und fachlich nicht auf Augenhöhe kommuniziert, wird ebenfalls schnell abgestraft.

3. Recruiting-Kanäle on- und offline

Fakt: Unternehmen und Jobsuchende haben bei der Nutzung von Active-Sourcing-Kanälen nicht immer dieselben Präferenzen: So setzen Kandidaten in hohem Maße auf externe Lebenslaufdatenbanken (ungefähr 75 Prozent), die Top-1000-Unternehmen eher weniger (4,3 Prozent). Karriere-Events für Studenten oder Absolventen werden von Unternehmen, insbesondere der IT-Branche, dagegen als wichtige Active-Sourcing-Kanäle eingeschätzt, von Jobsuchenden aber als weniger chancenreich beurteilt.
Transfer: Active Sourcer müssen ihre Zielgruppen und deren Nutzungsgewohnheiten genau kennen, um die Direktansprache zielgerichtet über die geeigneten Kanäle einzusetzen. Die Studie zeigt auch: Neben externen Lebenslaufdatenbanken und Karrierenetzwerken ist der eigene unternehmensinterne Talentpool ein wichtiger Kanal für die Direktansprache. Insbesondere im Mittelstand wird bei sechs von zehn Vakanzen im eigenen Talentpool nach geeigneten Kandidaten gesucht.

4. So beurteilen Kandidaten das Active Sourcing

Fakt: Jobsuchende und Karriereinteressierte wollen angesprochen werden. Über die Hälfte der befragten Kandidaten (51,4 Prozent) bevorzugt heute die persönliche Ansprache durch ein Unternehmen anstatt einer aktiven Bewerbung. In den letzten sieben Jahren ist dieser Anteil um 11,5 Prozent gestiegen. Ein Viertel der befragten Kandidaten ist aktuell sogar bereit, für eine bessere Sichtbarkeit in Karrierenetzwerken oder Lebenslaufdatenbanken zu bezahlen, um für Unternehmen besser identifizierbar zu sein.
Transfer: Durch die Offenheit der Kandidaten für da Thema wird einmal mehr das Potenzial von Active Sourcing bestätigt. An dieser Stelle beginnt auf der anderen Seite aber auch der Wettbewerb für die Unternehmen: Recruiter müssen in allen relevanten Kanälen aktiv sein. Um hier aufzufallen und Kandidaten zu überzeugen, müssen sich Personaler vor der Direktansprache intensiv mit dem Profil des Kandidaten auseinandersetzen und ihre Maßnahmen durch eine fundierte Active-Sourcing-Strategie stützen.

5. Der erste Kontakt

Fakt: Der erste Kontakt zwischen Recruiter und Kandidat ist entscheidend beim Active-Sourcing-Prozess. Jobsuchende und Karriereinteressierte möchten individuell und passgenau angesprochen werden – bevorzugt per E-Mail (74,8 Prozent).
Transfer: Zwei von zehn der befragten Unternehmen stimmen die direkte Ansprache noch immer nicht auf den identifizierten Kandidaten ab. Standardisierte Kontaktanfragen und Textbausteine ohne persönlichen Bezug werden jedoch von den Kandidaten abgelehnt. 27,9 Prozent der Befragten fühlten sich durch Ansprachen in dieser Form sogar genervt. Besonders bei der schriftlichen Kontaktaufnahme ist es wichtig, jedem potenziellen Bewerber den Eindruck zu vermitteln, persönlich und seiner individuellen Interessenlage entsprechend angesprochen zu werden.

6. Active Sourcing als Chance

Fakt: 28,1 Prozent der befragten Kandidaten haben sich aufgrund einer direkten Ansprache bei einem Unternehmen beworben, bei dem sie sich ohne dessen Aktivität nicht beworben hätten. 17,8 Prozent haben ihren letzten Job durch die Direktansprache gewechselt, obwohl sie nicht aktiv auf Stellensuche waren.
Transfer: Die Studienergebnisse belegen die Bedeutung von Active Sourcing im modernen Recruiting. Die direkte Kontaktaufnahme kann dem Bewerbungswunsch potenzieller Kandidaten zuvorkommen und einen Wechsel anstoßen. Active Recruiter sollten bei ihrer Ansprache jedoch immer auch Fingerspitzengefühl zeigen: Jeder zehnte Kandidat fühlt sich zu häufig angesprochen.

Für Unternehmen ist im Recruiting heute der richtige Mix von Instrumenten und Kanälen entscheidend. Unabhängig davon, welches Medium für die Kontaktaufnahme gewählt wird: Was immer zählt, ist die professionelle Vorbereitung durch den Recruiter und eine Kommunikation auf Augenhöhe. Nur weil der Jobsuchende sich für einen Urlaub auf der Insel Java interessiert, bedeutet das nicht, dass er sich auch beruflich mit Java auseinandersetzt (es gibt im Active Sourcing nichts, was es nicht gibt). Kurz: Fachlich und sprachlich muss die One-to-One-Kommunikation auf einem Level sein. Wenn es darum geht, den Fachkräftemangel zu mildern, ist für alle Bereiche des Recruitments vor allem Professionalisierung gefragt.

Autorin:
Dr. Katrin Luzar, Pressesprecherin, Monster Worldwide Deutschland GmbH, Eschborn

Die Studie
Bereits im 15. Jahr veröffentlicht das Center of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Universität Bamberg gemeinsam mit dem Karriereportal Monster die jährlich erscheinenden “Recruiting Trends”. Das Themenspecial “Active Sourcing und Social Recruiting” bietet ausgewählte Ergebnisse der Recruiting Trends 2017. Hierzu wurden die Top-1000-Unternehmen (n=126), die Top-1000-Unternehmen des Mittelstands (n=88) sowie die Top-300-Unternehmen aus der IT-Branche (n=37) in Deutschland befragt. Komplettiert werden diese Ergebnisse mit den Einschätzungen von über 3400 Kandidaten. › Hier stehen die “Recruiting Trends 2017” zum Download bereit.

Weitere Ergebnisse der Recuiting Trends finden Sie in unserer › Bilderstrecke.

Erschienen in Ausgabe 04/2017 der Personalwirtschaft