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Deutscher Personalberatertag: Zukunft aktiv gestalten

Trotz aller Digitalisierung beruhigte Kabarettist Vince Ebert beim Personalberatertag die Zuhörer: Die Menschheit wird sich nicht abschaffen, da Denken nun mal unser USP ist. Bild: BDU, 2018
Trotz aller Digitalisierung beruhigte Kabarettist Vince Ebert beim Personalberatertag die Zuhörer: Die Menschheit wird sich nicht abschaffen, da Denken nun mal unser USP ist. Bild: BDU, 2018

Die Aussicht vom Petersberg auf die gegenüberliegende Stadt Bonn ist nicht so berauschend an diesem Junitag, dafür scheint die Personalberaterbranche in eine nicht allzu düstere Zukunft zu blicken: Die Branchenstudie, die im Juni 2018 auf dem 20. Personalberatertag vorgestellt wurde, weist jedenfalls positive Zahlen auf und der Kongress schwor die Mitglieder des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater e. V. (BDU) auf die anstehende große Herausforderung Digitalisierung ein.

Digitale Tools bei der Kandidatensuche nutzen – aber richtig

Diesbezüglich rieten die Experten den über 200 Teilnehmern in ihren Vorträgen vor allem zu bedachtem Umgang mit den Tools. Nicht nur, dass jedes Profil eines anderen Tools bedarf, um Sucherfolg zu generieren, wie Personalberaterin Gabriela Jaecker ausführte. Wichtig sei, dass der Verwender verstehe, was passiere, so Professor Torsten Biemann, Dozent für Personalmanagement und Führung an der Universität Mannheim.

Und: die Digitalisierung selbst sei aktiv zu gestalten, mahnte Martin Kersting, Professor für psychologische Diagnostik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie biete einen großen Vorteil: die Möglichkeit, Situationen zu diagnostizieren – eine sehr wichtige Angelegenheit. Denn das Verhalten einer Person ist Interaktion zwischen Mensch und Situation; die Analyse der Person allein hilft beim Matching also nicht wirklich weiter.

Die Personalberaterbranche steht gut da

Im Personalberatermarkt selbst läuft es: Im Jahr 2017 verzeichnete er ein Umsatzplus von 10,3 Prozent – erstmals zweistellig seit 2011 –, wobei die mittelgroßen Personalberatungsfirmen den größten Zuwachs verbuchten. Für 2018 rechnet man mit einem weiteren Plus von neun Prozent. Vor allem im traditionellen Segment Maschinenbau, aber auch in den Professional Services und der Gesundheitsbranche sieht man Potenzial. Letztgenannte wird sogar als stärkste Triebfeder gesehen: Neben der Digitalisierung steht dort das Problemfeld Pflegekräfte an. Und zur Problemlösung werden Personalberater vermehrt herangezogen: Die schwer lösbaren Fälle werden vielfach und erst dann an sie gegeben, wenn Unternehmen im Recruiting bereits gescheitert sind.

Bei rund jeder zehnten Besetzung waren die Personalberater 2017 mit der Suche nach Mitarbeitern mit digitalem Bezug betraut. Generell brauchten Abschlüsse mehr Zeit, denn die Kandidaten sind nicht mehr so leicht für eine Stelle zu begeistern. Und auch die Entscheidungsfindung auf Unternehmensseite dauerte durchschnittlich länger: Bedenkenträger verlangsamen die Prozesse, an denen zudem mittlerweile mehr Personen beteiligt sind. Der Mittelstand war mal wieder Motor des Marktes: Zunehmend lassen sich KMU bei der Besetzung von Beiräten beraten, auch um in diesen Gremien mehr Transparenz zu schaffen.

HR und die Personalberatung

Eines geht aus der Studie und den Erfahrungen von BDU-Vizepräsidentin Dr. Regina Ruppert und ihren Kollegen ebenfalls hervor: Für HR selbst ist nicht die Digitalisierung das Schreckgespenst. Viel besorgniserregender für den Berufsstand ist die Verlautbarung des BDU, dass Personalberatungen ihre Zukunft in der strategischen Beratung der Geschäftsführungen sehen, in der Definition von Positionen und Strukturen sowie im Onboarding. Denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass HR sich in Sachen Strategie immer noch nicht positioniert hat. Zwar dürfen die unteren und mittleren Positionen von der HR-Abteilung aus besetzt werden, die großen Tiere traut das Managementboard den eigenen Recruitern aber nicht zu. Gerade auch die sich momentan etablierende Position des Chief Digital Officer (CDO) wird vielfach über Personalberatungen besetzt. Aber: Vermehrtes Active Sourcing vonseiten der Unternehmen macht den Personalberatungen das Leben mittlerweile deutlich schwerer.

Rollenwechsel: vom Headhunter zum Digitalberater

Laut Professorin Christel Gade, Dozentin für International Management mit Schwerpunkt Organisation und Personal von der IUBH, wurden 65 Prozent der Kandidaten fürs Top Management von Personalberatern gesucht. Sie gab in ihrem Vortrag Einblicke in eine Studie, die wohl im Spätsommer zur Veröffentlichung kommen wird.
In Kooperation von BDU, DGFP und IUBH geht es um die Kundenerwartungen und die zukünftige Rolle der Personalberater. So bezahlen Unternehmen Personalberater in erster Linie für Auswahl und Ansprache von Kandidaten. In Zukunft suchen sie in ihnen vor allem Begleiter durch die digitale Welt, erwarten sich einen guten Überblick über digitale Tools. Gade betonte, dass das Wissen um digitale Tools nur Basiswissen sein kann. Die Rolle des Personalberaters wird neu definiert. Für die Dax-Konzerne definiert Dr. Thymian Bussemer, Personalstratege von Volkswagen, die Fragestellungen so: Wie lässt sich das Massengeschäft – auch in Schnittstelle mit Personalberatungen – automatisieren und wie können die Systeme kompatibel gemacht werden? Elke Ebeling, Partnerin von Intersearch Executive Consultants, erwartet aufgrund der Transparenz des Talentmarkts zukünftig eine engere Zusammenarbeit von HR und Personalberatung.

Denken als menschlicher USP

Diplom-Physiker und Kabarettist Vince Ebert, der mit seinem Vortrag den Schluss markierte, hatte aber keine Bedenken, dass der Mensch sich selbst abschafft: “Denken ist unsere evolutionäre Nische.” Oder wie es im Panel “People Analytics” formuliert wurde: Maschinen können Daten nicht alleine interpretieren. Dirk W. Eilert, Experte in Sachen Mimik, wies ebenfalls auf wichtige menschliche Fähigkeiten hin, die nicht an Computer zu delegieren seien: Emotionserkennungsfähigkeit und Empathie. Letztere gehe aber mehr und mehr durch die Digitalisierung verloren.

Die Studie zum Personalberatungsmarkt 2017 können Sie unter www.bdu.de/mediathek bestellen.