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„Dieses Gesetz braucht kein Mensch“

Christian Baumann, pluss Personalmanagement, im Interview mit Personalwirtschaft
Christian Baumann, Geschäftsführer der pluss Personalmanagement GmbH

Personalwirtschaft: Equal Pay nach neun Monaten, Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten. Das sind die Eckpunkte der AÜG-Reform. Wie wird diese Reform die Zeitarbeit verändern?

Christian Baumann: Das Gesetz sollte ein Arbeitnehmerschutzrecht werden. Das einzige, was es aber bewirkt, ist ein massiver Bürokratieaufbau auf allen Seiten. Zudem reduziert es die Chancen von Zeitarbeitnehmern, in den Kundenbetrieben integriert zu werden. Dieses Gesetz braucht also kein Mensch. Die Weiterentwicklung der Branche ist Sache der Tarifpartner, nicht des Gesetzgebers. Unser Unternehmen hatte auch nie Probleme mit Tarifanpassungen.

Bekommen Sie Anrufe von verunsicherten Kunden?

Sowohl von Kunden als auch von unseren Mitarbeitern. Die Arbeitnehmer fragen, warum sie nur noch 18 Monate bei einem Kunden beschäftigt werden können. Und die Kunden fragen sich, wie die Administration von Equal Pay geschehen soll. Bis heute lässt der Gesetzgeber die Beteiligten im Unklaren darüber, wie Equal Pay zu berechnen ist, welche Lohnbestandteile eines vergleichbaren Stammmitarbeiters einzubeziehen sind. Die Bundesagentur für Arbeit wird erst Ende März eine Geschäftsanweisung zum Gesetz veröffentlichen. Wir haben Szenarien entwickelt, wie es vermutlich aussehen wird. Und so beraten wir auch unsere Kunden und glätten die Wogen.

Durch die bestehenden Branchenzuschlagstarife, die die Zeitarbeit mit den Gewerkschaften bereits vor Jahren ausgehandelt haben und die erfolgreich praktiziert werden, ist der Weg zu Equal Pay doch bereits geebnet.

Das ist unser Vorteil, dass über die Hälfte aller Zeitarbeitsverträge durch unterschiedliche Branchenzuschlagstarife abgedeckt sind. Dort praktizieren wir also bereits einen tariflich vereinbarten Equal-Pay-Begriff. Wir haben zudem Branchen ohne einen Branchenzuschlagstarif, in denen aber auch keine Lohndifferenz besteht, wie zum Beispiel in der Pflege. Hier erhalten unsere Zeitarbeitskräfte zum Teil mehr Lohn als das Stammpflegepersonal des Kunden, weil sie flexibler sind. Aber es gibt auch noch Bereiche ohne Branchenzuschlagstarife mit Lohndifferenzen. Da müssen die Tarifpartner ran.

Diese Bereiche hat Ministerin Nahles vermutlich bei der AÜG-Reform im Blick gehabt.

Ich finde es völlig richtig, dass Zeitarbeitnehmer und vergleichbare Stammbeschäftigte das gleiche Geld verdienen. Aber diese Vergleichbarkeit in Leistung und Lohn ist nicht so einfach, wie sich das der Gesetzgeber vorstellt. So sind Zeitarbeitskräfte in der Regel deutlich jünger als vergleichbare Stammkräfte. Und gerade im gering qualifizierten Bereich ist die Zeitarbeit ein hervorragendes Integrationsinstrument für Menschen mit Vermittlungshemmnissen. Die Holzhammer-Methode des Gesetzgebers setzt dies leichtfertig aufs Spiel.

Der größte Engpass der Branche sind die Mitarbeiter, heißt es allenthalben. Wie schaffen Sie es in Ihrem Unternehmen, gute Leute zu gewinnen?

Wir haben eine sehr gute Personalgewinnungsstrategie. So bekommen wir auch begehrte Pflegekräfte.

Wieso gewinnen Sie eher Pflegefachkräfte als beispielsweise eine Universitätsklinik?

Weil wir gezieltes Personalmarketing und Active Sourcing betreiben. Man muss mit den Menschen in Kontakt treten. Viele Menschen sind in ihren bestehenden Jobs unzufrieden. Deshalb stoßen wir auf offene Ohren mit unseren Projekten. Wir haben unser Recruiting nach Zielgruppen differenziert und die Kanäle der Ansprache professionalisiert. Es gibt bei uns Spezialisten für Active Sourcing, für Stellenausschreibungen oder für die Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit. Wir sind sicherlich einer der innovativsten Dienstleister auf dem Markt.

Was ist mit den Entgelten?

Die müssen wettbewerbsfähig sein. Aber nur für ein bisschen mehr Gehalt wechselt keiner den Arbeitsplatz. Es geht den Menschen doch um viel mehr als um das bloße Entgelt. Sie brauchen eine gute Betreuung, eine gute Ansprache, gute Einsätze. Mich fragt jeder, wie wir Geld verdienen, da unsere Headcounts so hoch sind. Wir beschäftigen deutlich mehr Innendienstmitarbeiter als der Durchschnitt der Branche. Wir haben feste Betreuungsquoten. Egal ob Krankenschwester, Schlosser oder Ingenieur – sie brauchen eine gute Führung durch den Personaldienstleister.

Gibt es bei den Kandidaten Bedenken gegenüber der Zeitarbeit?

Zu Beginn der Gespräche schon. Aber dann können wir sie mit guten Argumenten überzeugen und sie sind dabei durchaus zufrieden. Wie gesagt, nicht selten sind auch die Konditionen bei uns sogar noch besser.

Sie engagieren sich auch im Bundesvorstand der iGZ. Was sind im Verband die zentralen Themen außerhalb der AÜG-Reform?

Das Thema Digitalisierung und Arbeiten 4.0 beschäftigt uns natürlich sehr. Wie ändern sich Qualifikationsprofile? Welche Berufe werden durch die Digitalisierung wegrationalisiert? Wie sieht Zeitarbeit 2020 und 2030 aus?

Sprechen wir in zehn Jahren noch von Zeitarbeit?

Wir haben heute schon andere Begriffe. Wir reden teilweise heute schon über Projektgeschäft oder Interim-Aufträge. Wir werden an der Qualität unserer Arbeit weiter arbeiten und auch damit das Image der Branche verbessern.

Ein Hebel ist auch die Qualifizierung von Personaldisponenten. Wo setzen sie da an?

Das fängt bereits mit der formalen Qualifikation an. Vor acht Jahren gab es bei uns im Unternehmen nur eine Handvoll Akademiker. Heute sind es über 30 Prozent bei den internen Mitarbeitern. Unsere Personalberater sind fachlich gut ausgebildet und müssen sich auch ständig weiterbilden. Sie müssen in der Lage sein, auf Kundenseite mit Entscheidungsträgern zu diskutieren.

Sie selbst sind als Akademiker nach Abschluss an der Uni in die Zeitarbeit gegangen. War das damals ein Novum?

Ich fing bei einem amerikanischen Konzern an. Dort waren zu der Zeit auch tatsächlich wenige Akademiker beschäftigt. Die Akademisierung der Arbeitswelt ist aber auch in unserer Branche mittlerweile deutlich spürbar. Es hat sich viel verändert. Es ist kein reaktives Geschäft mehr, wo man CV-Brokerage betreibt. Es ist individueller, aufwendiger und kostenintensiver geworden.

Wie nehmen Sie die Personalmanager auf Kundenseite wahr? Hat sich da auch etwas verändert? Hat sich die Macht des Einkaufs zugunsten von HR verschoben?

In Großbetrieben leider nicht. Mein Appell an die Personaler: Wehrt euch gegen den Einkauf. Der Einkauf hat von Personal wenig Ahnung. Es ist ein Unterschied, ob ich vier Tonnen Stahl einkaufe oder eine komplexe Personaldienstleistung. Wir würden viel lieber proaktiv, strategisch mit Personalmanagern sprechen. Natürlich muss man über Preise verhandeln, aber die fachliche Auseinandersetzung ist für den gemeinsamen Erfolg zentral.

Ist die Zufriedenheit der Mitarbeiter auch höher, wenn Sie eng mit HR zusammenarbeiten?

Zweifelsohne ja. Wir haben dort auch viel höhere Übernahmequoten. Das heißt, die Passung ist höher. Wir haben eine größere Chance, die Position mit Kandidaten zu besetzen, weil wir mehr über die Stelle wissen. Die Kooperation ist auch langfristiger.

Stichwort Übernahmequoten. Das ist doch für Sie ein Aderlass, wenn gute Mitarbeiter von Ihnen über die Zeitarbeit vom Kundenunternehmen übernommen werden, oder?

Das ist jedes Mal teuer für uns. Gleichwohl bin ich persönlich froh, wenn Mitarbeiter über uns die Stelle finden, bei der sie sich wohl fühlen und sich entfalten können.

Werben Sie auch mit hohen Übernahmequoten?

Na klar. Das meinen wir auch ernst.

Das Interview führte Erwin Stickling.

Der Interviewpartner:
Christian Baumann, Geschäftsführer der pluss Personalmanagement
GmbH in Hamburg, wurde 2016 in den Bundesvorstand des Interessenverbands
Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) gewählt. Dort engagiert er sich
seit Jahren in der Tarifkommission und in zukunftsweisenden Projekten.

Mehr Informationen zur Zeitarbeit finden Sie auch im aktuellen Zeitarbeitsatlas. Diesen können Sie sich › hier kostenlos herunterladen.