Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Diskussion auf der ZP Europe: Was kann gegen den Fachkräftemangel helfen?

Einig waren sich alle Panellisten der Diskussionsrunde auf der Keynote Stage „An der Realität vorbei? Ressourcenknappheit, Fachkräftemangel, drohende Rezession und der Ruf nach einer Vier-Tage-Woche”: Wir müssen die Arbeitswelt der Zukunft gemeinsam gestalten. Wir, damit sind Talente, HR-Abteilungen, Institutionen und die Politik gemeint. 

Arbeitsmarktforscher Enzo Weber zeichnete allerdings zunächst ein düsteres Bild: „Wir haben eine Krise, einen demografischen Wandel, Inflation, Krieg: Die Stimmung kennt nach unten keine Grenzen.“ Und er ergänzte: „Früher war Krise, wenn ganz viele Menschen entlassen werden. Heute ist Krise, wenn kein Mensch mehr entlassen wird.“ Das liege daran, dass Arbeitskräfte „wahnsinnig knapp“ geworden seien.  

Es sei aber nicht alles schlecht: „Wir haben die Riesenchance, die Zukunft zu gestalten, eine ökologische Transformation zu schaffen.“ Dabei sollten Unternehmen die individuellen Wünsche der Talente kennen. Auch wenn es oft formuliert werde, stimme es nicht, dass irgendeine Generation pauschal weniger arbeiten wolle. Damit spielte er auf die falsch verstandenen Wünsche der Generation Z an. „Die Wünsche nach Arbeitszeit sind gleichgeblieben, aber der Trend ist: Die Generation Z möchte individueller arbeiten als früher. Sie will, dass ihre Arbeit zum Privatleben passt“, erklärte Weber. So sollten Unternehmen demjenigen und derjenigen eine Vier-Tage-Woche gewähren, der oder die sie haben möchte, aber eben auch nur dem.  

Die Kraft von Communities

Seinem Aufruf: „Kopf aus dem Sand und nach vorne schauen“, schloss sich Eva Degener, Director Client Relation bei der ada Learning GmbH, an. „Es braucht in den Unternehmen Innovationen, um nach vorne kommen zu können“, meinte sie. Aus ihrer Sicht müssten Unternehmen 

  1. Büros als Orte der Begegnung gestalten, 
  2. lebenslanges Lernen als Wachstumstreiber begreifen und  
  3. Communities stärken.

Immer wieder betonte sie in der Debatte den Wert von Netzwerken: „Wir unterschätzen alle die Kraft, die aus Communities entsteht. Ich hoffe, dass Organisationen in Zukunft mehr in Communities denken, sich vernetzen, unternehmensübergreifend zusammenarbeiten und dadurch Kompetenzen aufbauen.“  

Als wichtig erachtete sie auch lebenslanges Lernen. Da Lernen kein Lebensabschnitt sei, müssten sich Organisationen als Plattformen für Weiterbildung verstehen und diese ermöglichen. „Lernen hört nicht mit der Berufsausbildung auf“, so Degener. Weber ergänzte: „Die Erstausbildung muss nahtlos mit der Weiterbildung und mit flexiblen Lernformaten in den Unternehmen verbunden werden.” Schließlich geben derzeit zwei Drittel der Arbeitnehmer an, dass sie sich nicht weiterbildeten, weil sie zu lange aus dem Lernen heraus sind.

Redesign der Arbeit 

Generell wünschten sich die Diskussionsteilnehmenden ein „Redesign der Arbeit“. Es gehe nicht nur darum, „Klempner zu sein“ und ein Problem zu beseitigen, indem schnell Regeln für virtuelle Meetings aufgestellt würden. Vielmehr müsse alles, was früher im Büro stattgefunden habe, überdacht werden, so Degener. 

Thomas Sattelberger, Parlamentarischer Staatssekretär a.D., fasste das noch weiter: Die Frage nach Beteiligungs- und Entscheidungsprozessen, Mitarbeiterbeteiligung sowie Mitsprache bei Führung hätten auch mit dem Thema New Work zu tun. „Diese Debatte findet mir viel zu wenig statt“, bedauerte er. Er warnte: „Wenn Personaler nicht beginnen zu verstehen, dass der Innovationsstandort Deutschland auch ein Hinderungsgrund ist, zu uns zu kommen, verlassen weiterhin mehr wissenschaftliche Forscher den Standort, als dass sie zu uns kommen.“

Talente nach Deutschland holen und hierzulande halten 

Um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, haben die Experten verschiedene Ideen. Sattelberger zum Beispiel nannte drei Stellschrauben, an denen Politik und Wirtschaft drehen könnten: 

  1. gute Lehre 
  2. bessere Ausbildung in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, in denen es viele Studienabbrecher gebe 
  3. kultureller Austausch auf Augenhöhe 

Der Ex-Personaler und frische Ex-Politiker betonte insbesondere die Wichtigkeit der kulturellen Begegnung auf Augenhöhe: „Das ist ein Schlüsselthema, damit gute Fachkräfte nach Deutschland kommen und hierbleiben.“ Zudem hätten wir viele Millionen Menschen ohne berufliche Qualifikation und müssten über eine Reform der deutschen Berufsausbildung sprechen.  

Weber empfahl in dem Zusammenhang eine qualitative Verbesserung des Arbeitens: „Wir sollten Konzepte entwickeln, um Menschen nach Deutschland zu holen und besser zu integrieren. Wir müssen aber auch Frauen besser integrieren und es schaffen, dass wir in allen Berufen Ältere länger im Beruf halten.“ Nur nach einer Erhöhung des Rentenalters zu rufen, sei aus seiner Sicht nicht zielführend.  

Im Hinblick auf die Anerkennung ausländischer Abschlüsse sagte er: „Wir müssen die Kompetenzen, die aus dem Ausland kommen, in Deutschland anerkennen und mit Bausteinen aus Deutschland ergänzen.“ Das bedeute nicht, die bewährten deutschen Standards und Titel abzuschaffen, sondern flexibler zu agieren. Auch müssten Berufsschulen Kompetenzen, die heutzutage gebraucht werden, besser vermitteln und trainieren, beispielsweise abstraktes Denken und Vernetzungsfähigkeit. Denn die Berufe bleiben bestehen, die Anforderungen an die Talente verändern sich stark.

Kirstin Gründel kümmert sich als Redakteurin um das Portal Total Rewards sowie das F.A.Z.-Personaljournal.