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Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst: „Wir müssen jetzt ran“

Personalwirtschaft: Herr Bernnat, Herr Halsch, Sie warnen in Ihrer Studie vor einem sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst. Mehr als eine Million Beschäftigte könnten in wenigen Jahren fehlen. Was würde das bedeuten, wenn diese Stellen nicht besetzt werden?
Volker Halsch: Das kommt natürlich auf den Bereich an. Schauen Sie sich zum Beispiel die Lebensmittelkontrolle an. Da ist es heute schon so, dass aus Personalmangel immer weniger geprüft werden. Und wenn zum Beispiel im Rettungsbereich irgendwann nicht mehr genügend Beschäftigte da sind, dann kann es passieren, dass der Krankenwagen nicht mehr so schnell da ist, wie es eigentlich nötig ist.
Rainer Bernnat: Oder schauen Sie sich die innere Sicherheit an, insbesondere die Cybersicherheit. Auch da fehlt es schon heute an qualifizierten Auswertern, die in der Lage sind, das gesammelte Material zu sichten und zu verstehen. Das öffnet der organisierten Kriminalität Tür und Tor. Wobei man hier nicht nur Fachkräfte braucht, sondern auch die entsprechende Technik. Überhaupt merkt man an vielen Stellen, dass uns die Kombination aus fehlender Digitalisierung und fehlender Fachkräfte mehr und mehr auf die Füße fällt.

Die Digitalisierung nennen Sie in der Studie ja auch als einen der Punkte, mit denen der Fachkräftemangel zumindest entschärft werden kann.
Halsch: In der Tat. Dort haben wir extrem viel Nachholbedarf.

Welches sind denn weitere wichtige Hebel?
Halsch: Wenn Sie sich die Studie anschauen, dann sehen Sie, dass sich die eine Hälfte der Lücke durch mehr Personal – zum Beispiel durch Fachkräfte aus dem Ausland – schließen lässt. Und die andere Hälfte dadurch, dass sie die Arbeit anders organisieren und zum Beispiel mithilfe der Digitalisierung die Produktivität erhöhen.

Der ehemalige Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Volker Halsch ist seit vergangenem Jahr Senior Advisor bei PwC. (Foto: PwC)
Der ehemalige Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Volker Halsch ist seit vergangenem Jahr Senior Advisor bei PwC. (Foto: PwC)

Das sind ja alles keine neuen Vorschläge. Auch Sie haben schon vor fünf Jahren vor dem Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst gewarnt. Wieso ist seitdem so wenig passiert?
Halsch: Das ist eine gute Frage. An einigen Stellen gab es Verbesserungen, im Employer Branding zum Beispiel sind viele Arbeitgeber schon einen Schritt weiter als vor einigen Jahren. Auch die Zuwanderung hat sich erhöht – wenn auch eher unabsichtlich und ungeordnet. Und einige Prozesse in den Behörden haben sich verbessert.

Und wo hapert es außer bei der Digitalisierung noch?
Halsch: Wenn wir uns zum Beispiel die Durchlässigkeit zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst anschauen, da ist einiges liegengeblieben. Und beim Thema öffentlich-private Partnerschaften und Managed Services, also der Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen, fehlt oft der politische Wille.

Sie haben gerade das Thema Employer Branding angesprochen. Müssten in einer Zeit, in der viele gerade junge Talente Wert auf Purpose legen, Arbeitgeber der öffentlichen Hand nicht gute Chancen haben?
Bernnat: Das kommt auf die Stelle an. Klar sind viele Menschen purpose-orientiert, was erst einmal kompatibel zum öffentlichen Dienst ist. Allerdings gilt das eher für höhere ministeriale Stellen, etwa im Auswärtigen Amt. Nicht aber für nachgelagerte Behörden auf Landesebene oder im kommunalen Bereich.

Woran liegt das? Eigentlich sind das doch gerade die Bereiche, wo man den „Sinn“ der Arbeit tagtäglich spürt …
Bernnat: Da fehlt es meist vor allem am Geld, da wird es besonders bei IT-Stellen schwierig. Der öffentliche Dienst kommt hier nicht hinterher. Klar muss das Werte- und Sinnversprechen noch breitflächiger transportiert werden, aber das alles bringt nichts, wenn Sie nicht gleichzeitig die Arbeitsbedingungen anpassen.

Prof. Dr. Rainer Bernnat ist Senior Partner bei Strategy& und leitet bei PwC den Bereich Government & Public Services. (Foto: PwC)
Prof. Dr. Rainer Bernnat ist Senior Partner bei Strategy& und leitet bei PwC den Bereich Government & Public Services. (Foto: PwC)

Das kostet viel Geld. In Zeiten explodierender Schulden trotz Schuldenbremse dürfte das alles schwierig durchzusetzen sein.
Bernnat: Das ist immer die Entschuldigung. Wir können es natürlich so angehen wie die Digitalisierung, wo wir seit 20 Jahren kaum weiterkommen. Und wenn wir die nächsten 20 Jahre so weiter machen, dann passiert auch in den kommenden 20 Jahren wenig. Wir können uns aber auch die Bundeswehr anschauen …

Wie meinen Sie das?
Bernnat: Auch da hat man seit Jahrzehnten vor allem gespart. Jetzt hat man gesellschaftlich begriffen, dass es gut ist, wenn Deutschland eine funktionierende Armee hat. Da bewegt sich jetzt was.

Was bedeutet das für das Personal im öffentlichen Dienst?
Bernnat: Da muss man jetzt an die grundlegenden Bedingungen ran: Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, die Digitalisierung forciert, alles! Man kann nicht sagen: Das läuft alles ganz gut, das wird schon. Dieser Illusion kann man sich vielleicht bei der Digitalisierung hingeben, bei der Demografie geht das nicht. Da wissen wir ziemlich genau, wie es weitergeht.
Halsch: Ich glaube, wir müssen die Debatte anstoßen, und genau das versuchen wir mit der Studie. Wenn viele Leute das Thema als wichtig erachten, dann kann schnell vieles passieren. Auch das zeigt ja das Beispiel Bundeswehr. Es darf aber keine reine Personalerdiskussion werden, sondern muss gesellschaftlich breit thematisiert werden. Und: Es darf keine Maßnahme ausgeschlossen werden, wenn wir das Problem lösen wollen.

Aber was kann der einzelne Personaler oder die einzelne Personalerin im öffentlichen Dienst tun?
Halsch: Auch die können und sollten alle Augen offenhalten. All die Dinge anschauen, die man verbessern kann. Menschen davon überzeugen, vielleicht erst später in den Ruhestand zu gehen. Quereinsteiger einstellen. Zusätzlich die internen Prozesse verbessern. Die Lösungen werden nicht für jeden Bereich die gleichen sein.
Bernnat: Unsere wichtigste Botschaft ist: Wir müssen jetzt ran an die Thematik.

Info

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.