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Folge IV: Die Zufriedenheit im Beruf abklopfen

Bild: Alexander Pokusay/Fotolia.de
Bild: Alexander Pokusay/Fotolia.de

Frage 4: Wenn Sie sich Ihre Zufriedenheit im Beruf als Kurve vorstellen, wie würde diese Kurve im Zeitverlauf aussehen?

Zu dieser Fragestellung geben Sie dem Kandidaten einen Stift und ein Blatt Papier mit einem vorbereiteten Koordinatensystem (x-Achse = Zeitverlauf, y-Achse = Grad der Zufriedenheit), in das er seine persönliche Zufriedenheitskurve einzeichnet.
Die Frage ist ungewöhnlich, weil sie nicht nur auf Worte setzt, sondern (zunächst) auf das konkrete Tun. Damit finden Sie einen anderen, meist direkteren Zugang zum Bewerber.

Erwartungshorizont

Die “Antwort” auf diese Frage erlaubt Ihnen Rückschlüsse auf zwei verschiedenen Ebenen. Im ersten Schritt haben Sie Gelegenheit zu beobachten, wie der Kandidat mit der Aufgabe umgeht:

• Wie lange denkt er über die Frage nach, bevor er tätig wird? Stellt er Rückfragen?
• Trägt er Zeiteinheiten auf der x-Achse ab oder zeichnet er seine Kurve ins Blaue hinein?
• Ist eine durchgängige Linie zu erkennen oder werden einzelne Punkte eingetragen?
• Wie oft korrigiert sich der Bewerber?
• Wirkt die Kurve authentisch oder haben Sie den Eindruck, eine sozial erwünschte Version zu bekommen (z.B. eine Diagonale von links unten nach rechts oben oder eine horizontale Linie auf hohem Niveau)?

Im zweiten Schritt, wenn Sie die gezeichnete Zufriedenheitskurve besprechen, können Sie einiges über die Motivation des Kandidaten in Erfahrung bringen. Je nach Kurvenverlauf gibt es zahlreiche Ansatzpunkte, um gezielt nachzufragen:

• Warum hat die Zufriedenheit des Bewerbers an bestimmten Stellen eine hohe, mittlere oder niedrige Ausprägung?
• An welchen Stationen ist Bewegung in der Kurve, wo verläuft sie flach?
• Was ist jeweils an den Wendpunkten passiert?
• Wofür stehen signifikante Ausreißer nach oben oder unten?

Achten Sie darauf, wie schlüssig die Ausführungen des Kandidaten sind: Entsprechen sie dem Verlauf der Kurve oder tun sich Widersprüche auf?

Diese Interview-Frage wirkt auf den ersten Blick nicht übermäßig kompliziert, wird Ihre Bewerber bei der Umsetzung aber fordern. In der Assessment-Praxis ist es sogar schon vorgekommen, dass Kandidaten für gehobene Führungspositionen die Aufgabenstellung nicht verstanden haben. Daher empfiehlt sich eine entsprechende Anmoderation.

Die Frage ist sowohl zu Beginn als auch im späteren Verlauf eines Auswahlgesprächs einsetzbar. Von ihr profitieren Sie als Interviewer besonders, wenn Ihre Gesprächspartner Vielredner oder aber eher wortkarg sind.

Je nach Interessenlage bietet es sich an, die Aufgabenstellung um das Thema “Erfolg im Zeitverlauf” zu ergänzen.

Tipp für die Praxis
Es lohnt sich, in Auswahlgesprächen von bewährten, aber angestaubten Routinen abzuweichen und individuelle Akzente zu setzen. Das funktioniert besonders gut mithilfe kreativer Fragen abseits des üblichen Weges (im Englischen auch “Offbeat Questions” genannt), auf die sich die Kandidaten nicht oder nur eingeschränkt vorbereiten können.

Setzen Sie kreative Fragen im Auswahlgespräch gezielt ein: zum Beispiel, um die Eröffnungsroutine aufzulockern, wenn Sie nicht an den Kandidaten herankommen. Oder um neue Fahrt aufzunehmen, wenn der Dialog ins Stocken gerät. Oder um Themen anzusteuern, die der Bewerber von sich aus nicht anspricht.

Stellen Sie unkonventionelle Fragen auf keinen Fall, um Bewerber unter Druck zu setzen. Das wäre völlig kontraproduktiv. Allerdings dürfen sie durchaus mal knifflig oder provokant ausfallen. Deshalb ist es bei dieser Fragetechnik besonders wichtig, den Bewerbern fair und auf Augenhöhe zu begegnen. Empfehlenswert ist hier eine kurze Anmoderation – etwa mit folgendem Tenor: “Die nächste Frage klingt vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich würde gerne von Ihnen wissen …”

Dieser Beitrag ist Teil der › Reihe “Kreative Interviewfragen”. In zehn Folgen wird jede Woche eine weitere ungewöhnliche Fragestellung und ihr Nutzen für Sie als Recruiter oder Personalentwickler dargestellt.

Autor:

Jochen Gabrisch, Autor der Fachbücher “Die Besten entdecken” und “Die Besten im Gespräch”

Quelle: personalpraxis24.de