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Investitionen in Mitarbeiter zahlen sich aus

(Foto: rawpixel.com/Pexels)
(Foto: rawpixel.com/Pexels)

Eine schwächelnde Weltkonjunktur, ein unklarer Verlauf des Brexits und Handelskonflikte bereiten der exportabhängigen Industrie in Deutschland zunehmend Bauchschmerzen. Nach bisherigen Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erreicht das Wirtschaftswachstum nicht das Level der vergangenen Jahre. Demgegenüber steigt die Beschäftigungsrate stetig in die Höhe – wenn auch langsamer.

Die Personalberatung Page Group befragt Kandidaten aus zwölf Ländern in Kontinentaleuropa jedes Quartal nach ihrer Einschätzung der aktuellen Wirtschaftsund Arbeitsmarktlage und ihren Motiven für die Jobsuche. Die Ergebnisse des Bewerber Index im vierten Quartal 2018 für Deutschland zeigen die Herausforderungen für HR-Abteilungen und geben Anhaltspunkte zur Verbesserung.

Wer im Bereich Personal vorschnelle Entscheidungen trifft, verliert

Fakt: 85,1 Prozent der Arbeitnehmer, die im Rahmen des Bewerber Index befragt wurden, erwarten keine Verschlechterung der Wirtschaftslage in den kommenden sechs Monaten. Gleichzeitig gehen 85,9 Prozent von einer weiterhin positiven Arbeitsmarktsituation im nächsten Halbjahr aus.

Transfer: Offensichtlich zeigt sich ein Großteil der Studienteilnehmer von den sich verschlechternden Wirtschaftsprognosen unbeeindruckt. Nach wie vor schätzt die Mehrheit der Arbeitnehmer ihre Chancen auf dem Kandidatenmarkt als sehr gut ein und macht sich keine Sorgen um die berufliche Zukunft. Spezialisten und High Potentials, die sich ihres Marktwerts bewusst sind, können sich ihr Wunschunternehmen in der Regel aussuchen. Stimmen dort die Bedingungen nicht, ist die Hürde, den Arbeitgeber zu wechseln, deutlich geringer als noch vor einigen Jahren. Dennoch sollten sich Personaler auf dem hart umkämpften Bewerbermarkt nicht zu vorschnellen Personalentscheidungen verleiten lassen. Um richtige und fundierte Entscheidungen zu treffen, sollten sie sich bewusst Zeit für die Auswahl der Kandidaten lassen und sich die Frage stellen: Passt der Bewerber wirklich zur Unternehmenskultur und ins Team? Zu oft werden aus der Not heraus Mitarbeiter eingestellt, die nach einer kostenintensiven Einarbeitungsphase womöglich noch innerhalb der Probezeit das Unternehmen wieder verlassen. Zu kurz denkt auch, wer sich bei der Personalplanung von wirtschaftlichen Schwankungen leiten lässt und auf Neueinstellungen verzichtet. Gerade in unvorhersehbaren Zeiten sollten Personalentscheidungen langfristig und strategisch angelegt sein.

Facettenreichtum bei der Mitarbeiterbindung zahlt sich aus

Fakt: 53,9 Prozent der befragten Jobsuchenden gehen davon aus, dass sie in weniger als drei Monaten einen neuen Job finden werden.

Transfer: Arbeitnehmer rechnen mit einer kurzen Jobsuche. So spielen unzufriedene Mitarbeiter heute schon früher mit dem Gedanken an eine Kündigung. Und auch, wenn es immer noch häufig heißt, dass jeder Mitarbeiter zu ersetzen ist, ist die Ausschreibung einer Stelle für Unternehmen in der Regel mit einem hohen Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Der Fokus von HR-Verantwortlichen muss heute also gleichermaßen auf der Stärkung der Mitarbeiterbindung als auch auf der Rekrutierung neuer Talente liegen. Das fängt bei der Gestaltung des Onboarding-Prozesses an und hört mit dem Angebot an individuellen Zusatzleistungen auf. Ein strukturierter Einarbeitungsplan sowie ein persönlicher Mentor tragen dazu bei, dass sich neue Mitarbeiter von Anfang an willkommen fühlen. Zudem können Initiativen, die zur individuellen Lebenssituation der Mitarbeiter passen und den Arbeitsalltag angenehmer gestalten, die Bindung zum Arbeitgeber fördern. Viele Unternehmen bieten mittlerweile zum Beispiel kostenloses Frühstück, zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten, Überstundenausgleich, Fitnesskurse während der Arbeitszeit sowie eine kostenlose Kinderbetreuung an. Die Möglichkeit, ein Sabbatical einzulegen, ist bei Mitarbeitern ebenfalls beliebt.

Mit Perspektiven und gezielten Weiterbildungen bei Bewerbern punkten

Fakt: Als Gründe für die Jobsuche geben 47,6 Prozent der Befragten den Wunsch nach der Weiterentwicklung ihrer beruflichen Fähigkeiten und 31,5 Prozent fehlende Karriereperspektiven an. Dementsprechend gehören für 89,2 Prozent berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu den wichtigsten Faktoren im Berufsleben – neben einem spannenden Aufgabenfeld (92,1 Prozent) und dem Gehalt (89,8 Prozent).

Transfer: Seien es Gehalt, Work-Life-Balance oder Aufstiegsmöglichkeiten – ob ein Mitarbeiter mit seiner Stelle zufrieden ist, hängt vom Zusammenspiel mehrerer Faktoren ab. Zentraler Punkt ist aber das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten. “Werde ich gezielt gefordert und gefördert?”, “Lerne ich den Umgang mit neuen digitalen Tools?”, “Kann ich mich persönlich entfalten und auch Kompetenzen in anderen Bereichen sammeln?” – Fragen, mit denen sich Jobsuchende beschäftigen. Ob Jung oder Alt, niemand möchte heutzutage sein Leben lang dasselbe machen, sondern mit der sich schnell wandelnden Arbeitswelt und den neuen Aufgaben, die sich dadurch ergeben, Schritt halten. Für Unternehmen gilt es daher, ein strukturiertes und gezieltes Weiterbildungsprogramm auf die Beine zu stellen, das Praktikanten und Trainees einschließt, aber auch Personalverantwortliche selbst. Dass sie die fachliche und persönliche Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter ernst nehmen, können Arbeitgeber beispielsweise dadurch zeigen, dass sie Fortbildungsmaßnahmen innerhalb der persönlichen Zielvereinbarungen festhalten. Ein weiterer guter Ansatz ist es, die Kultur- und Leistungsträger, Spezialisten und Talente im Unternehmen zu befähigen, ihr Wissen aktiv weiterzugeben. Sie haben durch ihre Kompetenz und Erfahrung einen besonderen Anteil am betrieblichen Erfolg und können den nötigen Spirit an ihre Kollegen übertragen.

Transparente Kommunikation verbessert das Arbeitsklima und beweist Führungskompetenz

Fakt: Für 96,7 Prozent der Befragten stellt das Arbeitsklima einen wichtigen Faktor im Berufsleben dar.

Transfer: Ein gutes Arbeitsklima wird im Wesentlichen durch das Verhältnis zu Vorgesetzten und Teamkollegen bestimmt. Kommunikation ist ein Thema, das dabei häufig unterschätzt wird. Gerade in Zeiten von konjunkturellen Schwächephasen ist sie aber entscheidend, um ein gutes Arbeitsklima aufrechtzuerhalten. Es gilt: Lieber die Tatsachen auf den Tisch legen und einordnen, als Mitarbeiter zur aktuellen Unternehmenssituation im Dunkeln tappen zu lassen. Die richtige Dosis Transparenz schafft klare Fakten, stärkt das Wir-Gefühl und verhindert unnötig schlechte Stimmung im Team. Sie umfasst eine Kommunikation auf Augenhöhe, eine schnelle Reaktion auf Anfragen, Kritikfähigkeit und eine konstruktive Feedbackkultur. Zuhören ist das eine, Feedback ernst nehmen das andere. Fühlt man sich vom Chef ungerecht behandelt oder übergangen, sorgt das für Unmut, welcher sich wiederum negativ auf das Gesamtarbeitsklima auswirkt. Wenn Mitarbeiter also über eine schlechte Work-Life- Balance klagen, können zwei Urlaubstage mehr pro Jahr nicht die einzige Antwort sein. Die sind natürlich eine gute Sache, lösen aber das Kernproblem nicht und schaffen die Unzufriedenheit damit nicht aus der Welt. Auch Konflikte innerhalb des Teams sollten offen angesprochen und gelöst werden.

Fazit: Mitarbeiter sind das wertvollste Kapital für Unternehmen. Diese für sich zu gewinnen, ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Viel schwieriger gestaltet es sich heute aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, diese auch zu halten. Gefordert sind gezielte Initiativen, Anreize und innovative Ansätze. Und auch, wenn solche Maßnahmen mit zusätzlichen Kosten für das Unternehmen verbunden sind: Legt man Kosten und Nutzen auf die Waagschale, zeigt sich, dass sich die Investitionen langfristig auszahlen. Umso wichtiger ist es, dass Personaler eine größere Beratungsfunktion gegenüber der Geschäftsführung übernehmen. Auf dem Weg, alte Unternehmensstrukturen und Herangehensweisen umzukrempeln, bedarf es fähiger Personaler mit viel Fingerspitzengefühl und Durchsetzungskraft.


Dieser Praxistransfer ist in der Personalwirtschaft 06/2019 erschienen.

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