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Nach der Schockwelle

Frau im Papierboot vor Tsunamiwelle
Foto: zenzen / stock.adobe.com

Der Lockdown hat überall Spuren hinterlassen. In den ersten Wochen ging es darum, die Arbeitsabläufe aufrechtzuerhalten und neu zu organisieren. Die Nachfrage nach neuem Personal ging zwischenzeitlich vielerorts stark zurück. Im Mai war der erste Schock verdaut und die Anfragen stiegen wieder, wenngleich viele Folgen der Coronakrise langfristige Auswirkungen haben. Unternehmen, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit geschickt haben, agieren verständlicherweise zurückhaltend, und auch die anderen riskieren gerade nicht viel, sondern warten häufig erst einmal ab.

Für den Nachwuchs gilt das indes nur bedingt. Es sind die dringend benötigten Fachkräfte der Zukunft: Wer ihre Ausbildung heute vernachlässigt, wird den Mangel später um so heftiger zu spüren bekommen. Ohnehin werden langfristige Herausforderungen wie die demografische Entwicklung von der Pandemie nur verdeckt. Insofern schätzen die Experten, dass der Recruitingmarkt auf mittel- und langfristige Sicht eher noch an Bedeutung gewinnen wird – auch wenn die aktuelle Situation sehr heterogen ist. Übrigens nicht nur aufseiten der Arbeitgeber: Das Wertegerüst mancher Arbeitnehmenden hat sich in der Corona-Krise verschoben, was sich in einer vergleichsweise hohen Wechselbereitschaft zeigt. Ein weiterer Grund dafür dürfte aber auch schlicht die Suche nach einem neuen Arbeitgeber sein, der sicherer durch die Krise zu kommen scheint.

Beim Homeoffice geht etwas verloren

Beim Thema Digitalisierung zeigten sich die Experten des Round Tables verhalten optimistisch. Der Umzug ins Homeoffice wurde für viele zum Alltag und verlief im Großen und Ganzen überraschend reibungslos. Von einem Digitalisierungsschub in den Unternehmen kann dadurch aber kaum die Rede sein. Zudem ist es kein Allheilmittel: Das persönliche Gespräch ist beispielsweise für Azubis oder Berufseinsteiger eminent wichtig, und es prägt den sozialen Zusammenhalt in einem Unternehmen. Darüber hinaus gibt es viele Berufe, in denen Telearbeit einfach nicht möglich ist. Für das Recruiting bedeutet das, noch flexibler werden zu müssen. Nachdem virtuelle Recruiting-Messen beispielsweise jahrelang nicht recht vom Fleck kamen, zeigen sich nun viele Unternehmen sehr viel offener dafür.

Führungskräfte müssen Spagat beherrschen

Mehr Offenheit müssen auch die Führungskräfte zeigen. Wer sein Team plötzlich wochenlang nicht mehr im Büro sieht, muss seinen Führungsstil anpassen. Wie motiviert man Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über weite Entfernungen? Und wie geht man mit jenen um, die in Kurzarbeit sind und denen möglicherweise die Decke auf den Kopf fällt? Die Experten sind sich einig, dass das eine große Aufgabe ist – womöglich aktuell größer, als die Digitalisierung mit aller Kraft voranzutreiben. Führung digital heißt zudem, neue Konzepte zu entwickeln, noch strukturierter arbeiten zu müssen und trotzdem auch ausreichend Gelegenheiten für einen zwanglosen Austausch zu schaffen, dann eben beispielsweise beim digitalen Kaffeeklatsch.

In puncto datengestütztes Recruiting hat sich indes wenig verändert, konstatieren die Teilnehmer. Die Hoffnung, dass die Krise hier für einen Schub sorgen könnte, hat sich bisher nicht erfüllt. Die Erkenntnis, wie wichtig Zahlen im Recruiting sind, sei zwar gestiegen. An der praktischen Umsetzung hapere es aber vielerorts noch. Im Gegenteil, die Zunahme an Ökosystemen und Datensilos erschwere die Auswertung einer Candidate Journey beispielsweise noch zusätzlich. Die Marketingbranche gilt da als das Maß der Dinge, sie ist der Personalbranche in diesem Punkt sowohl von der Software als auch vom Know-how her voraus. Predigen nützt allerdings nichts. Es seien die Personaler und Persnalerinnen selbst, die Feuer für das Thema entwickeln und es aus den Unternehmen heraus vorantreiben müssten.

HR sollte handeln

Apropos HR – es hat die Krise bislang gut gemeistert, wenngleich es an mehreren Fronten kämpfen musste: Arbeit neu organisieren, Regelungen kommunizieren, Kurzarbeit managen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass zumindest die Arbeitsplätze vieler Recruiter und Recruiterinnen selbst in Gefahr sind, wenn die Krise weiter andauert und Unternehmen kurz- und auch mittelfristig kaum Einstellungen mehr vornehmen. So oder so raten die Branchenkenner zu einer ehrlichen und transparenten Kommunikation. Das schafft Vertrauen, das sich spätestens auszahlt, wenn das Geschäft wieder anzieht.

Wann das sein wird? Da will sich verständlicherweise niemand genau festlegen. Sicher scheint, dass die Krise mindestens noch einige Monate andauern wird. Daher gelte es, nun proaktiv nach vorne zu schauen und, soweit möglich, bereits jetzt die Weichen für eine modernere Organisation zu stellen. Ob zuerst noch Basisarbeit geleistet werden muss – etwa bei schnelleren Rückmeldungen auf Bewerbungen –, oder HR als Gestalter der Digitalisierung in seinem Bereich auftritt, hängt von der individuellen Ausgangssituation ab. Beides aber ist eine gute Investition in die Zukunft.


Die Langfassung dieses Round Tables ist in unserem Sonderheft E-Recruiting erschienen. Das Heft können Sie › hier kostenfrei runterladen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.