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Neues Berufsnetzwerk Polywork: Was hält die Plattform für HR bereit?

Das neue Berufsnetzwerk Polywork möchte LinkedIn und Co Konkurrenz machen. (Foto: Screenshot_Personalwirtschaft/Polywork)
Das neue Berufsnetzwerk Polywork möchte LinkedIn und Co Konkurrenz machen. (Foto: Screenshot_Personalwirtschaft/Polywork)

LinkedIn und Xing haben seit dem Sommer Konkurrenz von einem neuen Berufsnetzwerk bekommen: Polywork Anders als bei den etablierten Netzwerken, liegt bei Polywork der Fokus nicht auf Jobtiteln oder Zertifikaten, sondern auf den Projekten, an denen die User gearbeitet haben. “Wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben, auszudrücken, was sie alles Unterschiedliches tun und sich in all ihren Facetten zu zeigen”, sagt Gründer Peter Johnston in einem Interview mit dem US-amerikanischen Radio-Reporter und Tech-Experten Fred Fishkin. Zahlreiche deutsche Recruiterinnen und Recruiter haben trotz der zumindest bislang begrenzten Userzahl an Usern (im August waren es rund 30.000), sich einen ersten Eindruck der Plattform.

Lea Podgajnik, Inhaberin von Unterwald Recruiting Intelligence, gefällt neben dem bunten und jungen Design von Polywork vor allem das Versprechen der Plattform: “Im Fokus steht, was du machst, nicht, was dein CV tabellarisch aufführt”, fasst Podgajnik dieses zusammen. “Polywork scheint darauf ausgerichtet zu sein, dass man anhand von Arbeitsproben und Ereignissen interessante Talente findet oder sich selbst präsentiert.” Daraus leitet Podgajnik auch gleich eine mögliche Recruiting-Strategie ab: “Wie cool wäre es, wenn Recruiter als Corporate Influencer von Projekten im Unternehmen berichten, die dann Talente spannend finden können und sich an das entsprechende Unternehmen werden.”

Heterogene Fähigkeiten abbilden

Der Fokus auf Projekte ist laut Gründer Peter Johnston bewusst gewählt. Der ehemalige Google-Mitarbeiter bezeichnet Jobtitel, Schulabschlüsse und Unternehmenszuschreibungen als “falsche Signale von Potenzial”. Daran ließe sich nicht erkennen, was eine Person tatsächlich kann. Stattdessen sollen sogenannte Badges, die selbst erstellt werden können, dabei helfen, einen besseren Eindruck von der entsprechenden Person zu bekommen. “Trekkie” oder auch “Plant Mum” findet man als selbsterstellte Badges auf Polywork, aber auch “Introvert”, “Developer” und “Photographer”. Die restlichen Informationen zur Person sollen durch Posts über Projekte auf der eigenen Timeline übermittelt werden.

“Viele der hier präsentierten Kompetenzen würden in Lebensläufen untergehen und müssten auf LinkedIn erst von vielen Kontakten bestätigt werden”, sagt Christin Kräupl, Beraterin für HR-Marketing, die sich auf der neuen Plattform ebenfalls umgesehen hat. “Besonders Kandidaten mit heterogenen Kompetenzen können ihre Fähigkeiten hier besser abbilden.” Gleichzeitig solle nicht vergessen werden, dass es sich immer noch um ein Berufsnetzwerk handelt. “Wie viel Aufrichtigkeit steckt noch in den Hobbys, die im Lebenslauf angegeben werden, wohl wissend, dass altbackene Recruiter hier direkt auf Teamfähigkeit prüfen?”, fragt sich Kräupl.

Das ist ein Hebel, der im Recruiting sicherlich Zeit erspart.

Kontaktaufnahmen nur mit Zustimmung der User

Polywork zeichnet sich auch dadurch aus, dass Nutzerinnen und Nutzer nur kontaktiert werden können, wenn sie dies möchten und entsprechend angegeben haben. “Das ist ein Hebel, der im Recruiting sicherlich Zeit erspart”, sagt Kräupl. Schließlich könne man sich zahlreiche Anfragen auf diesem Wege sparen. Andererseits fallen damit Möglichkeiten für kaufbare Optionen wie dem Ansprachenkontingent bei LinkedIn weg und Recruiterinnen sowie Recruiter so nicht schnell viele Leute mit ihren Stellenangeboten erreichen können. Auch dies ist laut Gründer Johnston bewusst eingestellt worden. “Wir wollen den Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen, sich miteinander zu vernetzen, ohne zugespammt zu werden”, sagt Johnston gegenüber Fishkin.

Polywork konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich den Menschen mit seinen Handlungen.

Keine Likes und Kommentare

Genervt oder unter Druck gesetzt werden sollen die User auch nicht durch Kommentare oder Likes. Deshalb gibt es bei Polywork nicht die Option, mit solchen auf Beiträge zu reagieren. “Polywork ist kein Beliebtheitswettbewerb”, sagt Johnston. “Die Plattform soll ein Ort frei von Beurteilung sein, an dem sich Nutzerinnen und Nutzer sicher genug fühlen, um sich von einer persönlicheren Seite zu zeigen.” Der Gründer ist davon überzeugt: “Wenn Menschen offen teilen, was sie getan haben, werden sich ihnen mehr Möglichkeiten eröffnen.” Ute Neher, Vorständin bei Queb (Bundesverband für Recruiting, Personalmarketing und Employer Branding), mag die fehlende Like- und Kommentar-Funktion. “Polywork konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich den Menschen mit seinen Handlungen”, ist Nehers erster Eindruck.

Dass dennoch bisher nicht jeder Mensch einen gleich großen Nutzen aus der Plattform ziehen kann, haben alle drei Recruiterinnen beobachtet. “Die meisten User kommen aus dem Tech-Bereich, dem digitalen Marketing oder üben kreative Berufe aus”, sagt Podgajnik. Damit könne die Plattform für Recruiterinnen und Recruiter interessant sein, die in Zeiten des Fachkräftemangels auf der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten im IT-Bereich sind. Und noch etwas falle auf: die meisten User sind Selbstständige. “Auf den ersten Blick vermute ich, dass Polywork eher ein Freelancer-Netzwerk wird”, so Podgajnik weiter. Ute Neher schließt sich an: “Polywork ist ein Netzwerk für alle Projekt-Based-Worker, wie gemacht für Gig-Economy.” Doch diese Zielgruppe ist nicht für jedes Unternehmen interessant – und auch nicht für jeden Arbeitnehmenden. “Mir fehlt außerhalb der Freelancer-Welt noch der Anreiz, für Festangestellte auf der Plattform unterwegs zu sein”, sagt Kräupl.

Das Business-Modell dahinter

Mankos sind laut den Recruiterinnen, dass die Webseite bisher rein auf Englisch ist und die Suchoptionen ausbaufähig sind. Kollaborationspartner kann man nur über die Badges finden. Das soll sich bald ändern – allerdings nur für Premiummitglieder. Denn Polywork muss sich als kostenloses Berufsnetzwerk irgendwie finanzieren. Dafür haben Johnston und sein Team mit weniger als zehn Mitarbeitenden – darunter auch zwei Berliner Designer – zukünftig zwei Angebote geplant. Gegen eine unbekannte Summe können Premiummitglieder ihre Profilseite vom Design her frei gestalten und haben Zugriff auf eine Suchmaschine.

An das Konzept glauben vor allem in den USA große Investoren, die keine Unbekannten sind. Medienberichten zufolge haben neben den US-amerikanischen Kapitalfirmen Caffeinated Capital und Andreessen Horowitz unter anderem auch die Gründer von Youtube, Twitch und Paypal in Polywork investiert. Durch ihre finanzielle Hilfe stehen dem Berufsnetzwerk-Startup nun insgesamt 13 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Mit dem Geld möchte Polywork die Webseite weiterentwickeln und sich als Team mindestens auf rund 40 Mitarbeitende vergrößern.

 

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.