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Wie das Unternehmen Ottobock Spaziergänge für das Recruiting nutzt

Julia Tschmarke, Recruiterin für den Bereich Operations bei Ottobock, beim Spaziergang mit einem Kandidaten. (Foto: Ottobock)
Julia Tschmarke, Recruiterin für den Bereich Operations bei Ottobock, beim Spaziergang mit einem Kandidaten. (Foto: Ottobock)

“Für mich ist Recruiting wie Dating”, sagt Charlotte von Riess, Head of Talent Acquisition & Employer Branding bei Ottobock. “Man schreibt ja nicht nur über Tinder oder Bumble und entscheidet dann, ob man zusammenkommen möchte. Bevor man sich füreinander entscheidet, will man sich in die Augen schauen.” Und genauso wie beim Dating ein Telefonat selbst mit Video dafür nicht reiche, könnten Bewerbende auch bei virtuellen Vorstellungsgesprächen nur schwer ein Gefühl dafür bekommen, ob das Unternehmen mitsamt der Unternehmenskultur auch wirklich zu ihnen passt.

Dritter Teil des Bewerbungsaustauschs

Weil aber die Corona-Maßnahmen eine direkte Kommunikation in geschlossenen Räumen für eine lange Zeit nicht möglich machten, entschied sich das Recruiting-Team dazu, den als nötig angesehenen Face-to-face-Austausch nach draußen zu verlagern. Dieser ist nun der dritte Teil der Kommunikation mit den Bewerbenden, erklärt von Riess: Meist findet ein Telefonat zwischen einer Person aus dem Recruiting-Team und dem Kandidaten oder der Kandidatin statt. Es folgt ein virtuelles Video-Bewerbungsgespräch. Wenn das Video-Bewerbungsgespräch erfolgreich war, gehen die Führungskraft und der Bewerber oder die Bewerberin gemeinsam spazieren.

Da am Anfang der Pandemie Externe das Betriebsgelände von Ottobock nicht betreten durften, sei man gemeinsam durch den Ort der jeweiligen Niederlassung – Duderstadt, Berlin und Königsee – gelaufen, habe das Heimathaus des Inhabers Hans Georg Näder besucht oder einen kleinen Berg erklommen, um sich das Firmengelände von oben anzuschauen. “So können vor allem auch diejenigen den Ort kennenlernen, die für den Wohnort wechseln würden”, sagt von Riess.

Als die Hygienemaßnahmen gelockert wurden, konnten die Kennlern-Spaziergänge auch auf dem Firmengelände stattfinden. So erhalten die Kandidatinnen und Kandidaten einen besseren Eindruck von der Produktionsstätte und würden die Unternehmenskultur ein Stück weit kennenlernen. “Das kann über den Screen nicht so gut vermittelt werden”, sagt von Riess. Die umgebaute Brauerei beispielsweise, die in Berlin als Firmengebäude dient, strahle eine Atmosphäre aus, die das Arbeitsgefühl vor Ort ausmache.

Vorbereitung trotz simpler Methode nötig

Der Spaziergang sei nicht verpflichtend – weder für die Führungskraft noch für den Bewerber oder die Bewerberin. 2020 gab es 417 Einstellungen bei Ottobock, dazu wurden rund 160 Spaziergänge unternommen. “Jeder soll sich bei der Begegnung sicher fühlen”, sagt von Riess. Beim Spaziergang gelten die zum jeweiligen Zeitpunkt geltenden Hygieneregeln wie zum Beispiel 3G, Maskentragen und mindestens 1,5 Meter Abstand halten. Das Ottobock-Recruiting-Team informiere beide Seiten dazu vorher. “Es ist zudem wichtig, zu sagen, dass festes Schuhwerk benötigt wird und eine Jacke. Die Spaziergänger sollten immer auch auf Regen vorbereitet sein”, sagt von Riess. Sie selbst sei bei einem Kennlern-Spaziergang mit einer Recruiterin “eiskalt vom Regen erwischt worden”. Die beiden hätten sich dann bei der Warenannahme eines Supermarkts untergestellt und sich dort “festgequatscht”. “Wir lachen heute noch darüber”, sagt von Riess.

Der Spaziergang komme bei den Führungskräften und den Bewerbenden so gut an, dass auch nach der Corona-Pandemie keinesfalls Schluss mit dem ungewöhnlichen Kennenlernen sein soll. “Warum sollten wir weiterhin im Bewerbungsraum sitzen, wenn wir informell nebeneinander herlaufen können und so meist tiefere Gespräche entstehen?”, fragt von Riess.

Verbesserung der Candidate Journey

Die persönliche Note sei auch den Bewerbenden aufgefallen. So merkt man, ob es menschelt”, habe ein Kandidat gesagt. Denn anders als beispielsweise bei einem Probearbeitstag konzentriere man sich beim Spaziergang nicht auf die Arbeitssache an sich, sondern mehr aufeinander. Eine andere Bewerberin gab als Feedback: “Ich konnte so besser verstehen, wo Ottobock herkommt und mich mit dem Unternehmen identifizieren.” Abgesehen vom positiven Feedback hätten sich nach der Einführung des Kennlern-Spaziergangs die “No-Show”-Quote und die Anzahl der Eigenkündigungen in der Probezeit verringert. Sogar die Bewertung  des Unternehmens auf der Arbeitgeberbewertungsplattform Kununu habe sich verbessert.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.