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Seismograph mit Imageproblemen

Illustration eines Mannes, der auf einem Graphen herunterrutscht
Foto: © katakari / stock.adobe.com

Zwischen den beiden Stühlen sitzt das Thema des Fachkräftemangels. Es ist in vielen Bereichen grundlegend virulent und nicht auf die Zeitarbeit beschränkt. Dass es dort aber nach der Krise, wo doch vielerorts Personal abgebaut oder zumindest kein neues eingestellt wurde, so stark auftritt, war nicht unbedingt erwartbar. In vielen Branchen werden händeringend Leute gesucht. Insgesamt aber haben die Anbieter in den vergangenen anderthalb Jahren die Chance genutzt, eines ihrer Kern-Leistungsversprechen unter Beweis zu stellen: Flexibilität zu ermöglichen und kurzfristige Lösungen für einen Personalmangel oder -überschuss anzubieten. Darin sind sich die Teilnehmenden der Expertenrunde einig.

Gefragt waren und sind nicht nur die bei ihnen angestellten Arbeitskräfte, sondern auch Rat und Tat zu HR-Themen bei der Transformation mancher Geschäftsmodelle. Branchen wie die Gastronomie und der Tourismus erholen sich derzeit zwar ein wenig, doch werden sie auf absehbare Zeit kein Vor-Krisen-Niveau mehr erreichen. Das bietet Zeitarbeitnehmenden die Chance – manchmal ist es auch die Notwendigkeit –, sich neu zu orientieren. Einige von ihnen suchen nach Anstellungen in Berufsfeldern, die krisensicherer erscheinen. Wenn dazu noch der ungedeckte Personalbedarf vieler Unternehmen kommt, muss man doch nur noch eins und eins zusammenzählen. Oder?

Mehr Branchendurchlässigkeit

So einfach ist es in der Realität leider nicht. Ein Grund dafür ist, dass viele Arbeitgeber immer noch (zu) viel Wert auf Zeugnisse und Zertifikate legen. Wer 20 Jahre lang in einer anderen Branche gearbeitet hat, wird erst einmal kritisch beäugt – auch wenn er dort genau die Skills aufbauen konnte, die das Unternehmen sucht. Die Fachrunde appelliert daher für mehr Offenheit und die Beurteilung dessen, was ein Mensch tatsächlich für Fähigkeiten mitbringt. Fehlt etwas, kann das meist mit Qualifizierung nachgeholt werden. Viele Unternehmen der Zeitarbeitsbranche bauen die Beratung und Begleitung ihrer Kundinnen und Kunden in diesem Bereich daher aus.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass das mögliche Wachstum von anderer Seite ausgebremst wird – der Politik, die die Daumenschrauben für die ohnehin schon regulierte Branche immer weiter anzieht. Gegen das Arbeitsschutzkontrollgesetz wurde mittlerweile Verfassungsbeschwerde eingelegt. Viele Personaldienstleister fühlen sich dadurch pauschal für Missstände bei einzelnen Anbietern verantwortlich gemacht. Ein weiteres Ärgernis für die Expertin und die Experten am Round Table ist die Höchstüberlassungsdauer, die mit der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes 2017 eingeführt wurde. Es schadet den Mitarbeitenden mitunter mehr, als dass es ihnen nützt – und das war so nicht im Sinne des Gesetzgebers.

Apropos Mitarbeitende: Erfreulicherweise sind Zeitarbeitnehmende während der Krise in vielen Fällen nicht schlechter behandelt worden als die Stammkräfte. Homeoffice war auch für sie möglich – wenn es möglich war. Denn in einigen Branchen, die traditionell viel Personal auf Zeit beschäftigen, setzen die Arbeitsinhalte eine Präsenz voraus. Für sie gilt aber wie für alle anderen auch, dass remote zu arbeiten zwar Vorteile bringen kann, aber der soziale Kontakt zum Team und zum Vorgesetzten nicht verlorengehen darf.

Personaldienstleister als Sparringspartner

Wie hier zeigt sich auch an anderen Stellen: Es geht nur miteinander, wenn es gut werden soll. Neben der intensiveren Beratung zur Personalpolitik in Unternehmen sehen die Anbieter weitere Chancen, ihr Know-how gewinnbringend einzusetzen. Etwa, wenn es um eine neutrale und externe Bewertung von Faktoren wie Führungsverhalten oder Recruiting-Prozessen geht. Eine engere Verzahnung wäre aus ihrer Sicht auch in der Personalplanung förderlich. Je mehr Vorlauf sie haben, desto eher können sie die Bedarfe der Kundinnen und Kunden passgenau decken. Allerdings stehen vielen von ihnen noch ihre eigenen, teils suboptimalen Personalprozesse im Weg. Des Weiteren vermeiden manche Arbeitgeber auch bewusst eine zu enge Bindung an einen Personaldienstleister: Sie beauftragen mehrere, um sich dann für das günstigste Angebot zu entscheiden. Und das in einem ohnehin schon engen Markt von Arbeitnehmenden.

Ein Querschnittsthema ist da die Weiterbildung. Sie tut aus mehreren Gründen not, sei es der Fachkräftemangel, die digitale Transformation oder die demografische Entwicklung. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Hemmschwelle zur Nutzung von E-Learning-Tools deutlich sank. Bei den Kundenunternehmen ist zudem die Bereitschaft gestiegen, Kandidatinnen und Kandidaten, die sich bewährt haben, in Zusammenarbeit mit den Personaldienstleistern weiterzubilden. Auch hier könnte die Politik nach Ansicht der Anbieter jedoch noch einiges besser machen. Zum Beispiel, indem Qualifizierung und der Wille zum beruflichen Fortkommen finanziell stärker gefördert wird, anstatt Arbeitslosigkeit zu subventionieren.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.