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Foto: © fizkes / stock.adobe.com
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Der viel zitierte Bewerbermarkt hat den Recruiting-Prozess in mancherlei Hinsicht verändert. Bewerber werden zu Jobinteressierten und formulieren ihrerseits selbstbewusst, was sie sich von einem Job versprechen. Antworten darauf erwarten sie in Stellenanzeigen, auf Karrierewebseiten und nicht zuletzt im Vorstellungsgespräch. Legt man die Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von mehr als 3,5 Millionen Neueinstellungen jährlich zugrunde und rechnet mit zwei bis drei Bewerbungsgesprächen je Neueinstellung, dann gab es 2018 nahezu zehn Millionen Jobinterviews.

Wenn sich Arbeitgeber und potenzieller neuer Mitarbeiter persönlich treffen, ist der Prozess der Personalauswahl auf Hochtouren. Beide Seiten loten aus, ob sie zueinander passen und suchen nach dem jeweiligen perfekten Match aus ihrer individuellen Sicht. In Zeiten der Digitalisierung finden solche Gespräche zunehmend auf digitalen Wegen statt, etwa über Video-Recruiting-Tools. Doch unabhängig von Medium und Weg verändern sich die Inhalte des klassischen Vorstellungsgesprächs kaum. Das allerdings passt nicht mehr zur aktuellen Situation, in der sich Unternehmen gegenüber sehr gefragten Kandidaten befinden. Viasto hat auch aus diesem Grund gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Respondi mehr als 1000 Menschen, die in den letzten zwölf Monaten an einem Vorstellungsgespräch teilgenommen haben, zu ihren Erfahrungen befragt. Das Ergebnis ist ein Bild dessen, wie Bewerber potenzielle Arbeitgeber im direkten Kontakt wahrnehmen, wie sie die Gespräche bewerten und was sie daran stört.

Bewerbermarkt führt zu Absagen

Fakt: Mehr als ein Drittel der Kandidaten, die von Unternehmen bereits zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden, sagen die angebotene Stelle noch während des Auswahlprozesses selbst ab. 13 Prozent entscheiden sich sogar dann dazu, wenn sie bereits eine Zusage des Arbeitgebers in der Tasche haben, weitere 21 Prozent, nachdem sie die Unternehmensvertreter im Jobinterview kennengelernt haben.

Transfer: Der Bewerbermarkt ist Realität und keine Erfindung. Bewerber treten öfter von einem Jobangebot im laufenden Prozess zurück, als sie umgekehrt von Unternehmen abgelehnt werden. Dies erlebten nur 26 Prozent der Studienteilnehmer. Arbeitgeber müssen sich von der alten Selektionslogik verabschieden und sich selbst in die Rolle des Bewerbers hineinversetzen.

Interviewleitfäden modernisieren

Fakt: Für annähernd die Hälfte der Befragten sollte das Vorstellungsgespräch klar strukturiert sein. 60 Prozent ist es wichtig, dass die fachlichen Fragen zielführend sind; gleiche Ansprüche stellen sie auch an die persönlichen Fragen (53 Prozent). Dieser Erwartung halten Vorstellungsgespräche in der Realität aber selten stand. Die Auswahl der Fragen wird stattdessen oft von althergebrachten Gesprächsleitfäden dominiert. So wurden 82 Prozent der Kandidaten im Vorstellungsgespräch nach ihren größten Stärken oder größten Schwächen befragt. Ein Drittel der eingeladenen Bewerber sollte einen Ausblick liefern, wo sie sich in drei Jahren sehen, und immerhin noch neun Prozent wurden aufgefordert zu erzählen, was sie über ihren letzten Vorgesetzten denken.

Transfer: Viele Arbeitgeber greifen immer noch auf Interviewfragen zurück, die mittlerweile vor allem deshalb veraltet sind, weil zahlreiche Kandidaten sie schon in vielen Vorstellungsgesprächen gehört oder zumindest in einschlägigen Bewerbungsratgebern gelesen haben. So entsteht kein wirkliches Gespräch, an dessen Ende ein ernsthaftes fachliches wie persönliches Matching steht. Eher gleicht das Prozedere einem Frage-und-Antwort-Spiel, das von beiden Seiten mechanisch abgespult wird und keine Merkmale einer Gesprächsführung enthält, in der der Fragesteller ein ehrliches Interesse zeigt. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass sich 36 Prozent der eingeladenen Kandidaten nicht umworben fühlen und 54 Prozent das Gefühl haben, sich in einer Prüfungssituation zu befinden.

Kandidaten fachlich herausfordern

Fakt: Kandidaten wollen im Interview gefordert werden: Das wünschen sich 68 Prozent explizit. Aber nur 19 Prozent der Befragten fanden ihre Vorstellungsgespräche wirklich herausfordernd. Diese kleine Gruppe der herausgeforderten Bewerber bewertete dafür die fachlichen Fragen zu 95 Prozent als gut und annähernd gleich viele fällten ein positives Urteil über das gesamte Interview.

Transfer: Mut zum herausfordernden Gespräch: Die gesteigerte Erwartungshaltung der Kandidaten bedeutet nicht, dass ihm oder ihr ausschließlich Honig um den Mund geschmiert werden sollte. Kandidaten wollen ein ernsthaftes Gespräch mit Ecken und Kanten, an dessen Ende das Ergebnis steht, ob beide Seiten zueinander passen.

Gespräche intensiver vorbereiten

Fakt: Die Kandidaten wundern sich über die Zusammensetzung der Teilnehmer in einem Vorstellungsgespräch. Nur an gut zwei Dritteln aller Gespräche nimmt mindestens eine Person aus der Personalabteilung teil. In etwas mehr als der Hälfte aller Interviews (52 Prozent) ist der potenzielle Vorgesetzte aus der Fachabteilung dabei und in einem Drittel aller Fälle der Geschäftsführer. Dabei äußern die Bewerber, dass nur vier von zehn Personalern und Fachvorgesetzten wirklich gut auf das Gespräch vorbereitet sind. Bei den Geschäftsführern beläuft sich der Anteil nur auf ein Drittel.

Transfer: Selbstverständlich sind in einem persönlichen Bewerbungsgespräch die Anzahl der Teilnehmer von Arbeitgeberseite und deren Funktion auch von der Größe des Unternehmens abhängig. Wichtig ist jedoch die Frage, warum die Kandidaten die Besetzung als negativ wahrnehmen. Wo liegen die Gründe? An schwierigen internen Abstimmungsprozessen? Fehlender Transparenz und mangelnder Kooperation im Auswahlprozess? Sind Unternehmen nicht gerüstet für digitale Talente? HR-Abteilungen sollten sich diese Fragen stellen und Lösungen suchen, damit mehr als nur jeder vierte Bewerber im Vorstellungsgespräch sieht, dass Personaler überzeugende Arbeit leisten.

Umwerben mit Videointerviews

Fakt: 88 Prozent derjenigen, die bereits Erfahrungen mit Video-Recruiting gemacht haben, sind der Meinung, dass sich Videointerviews im Recruiting durchsetzen werden. Bewerber, deren Auswahlprozess auch ein Videointerview enthielt, fanden Personaler im persönlichen Vorstellungsgespräch um zwölf Prozent überzeugender und um zehn Prozent besser vorbereitet. Und: Die große Mehrheit dieser Bewerber (89 Prozent) fühlte sich bei diesem Vorgehen vom Arbeitgeber umworben.

Transfer: Durch Videointerviews kann die sehr hohe Anspruchshaltung an persönliche Bewerbungsgespräche etwas abgepuffert und der gegenseitige Prozess des Kennenlernens beschleunigt werden. Genau das wünschen sich viele Bewerber. Arbeitgeber, die das erfüllen, stellen sich als attraktiver Arbeitgeber dar und optimieren ihren Recruiting-Prozess.

Ziel: Die Erwartungshaltung der Kandidaten erfüllen Kandidaten wollen sich in einem Jobinterview nicht mehr als Prüflinge fühlen. Sie treten mit einer klaren Erwartungshaltung und äußerst selbstbewusst auf. Sie wissen, wen sie treffen möchten, wie das Gespräch aus ihrer Sicht ablaufen soll und was sie erfahren möchten. Diese Anspruchshaltung macht ein gutes Vorstellungsgespräch zu einer echten Herausforderung und das sollte jedes Unternehmen verinnerlichen. Es ist Aufgabe der gesamten Organisation, diesem Anspruch gerecht zu werden: HR-Abteilung, Führungsetage und Fachabteilung müssen gemeinsam Lösungen finden, um auch auf den digitalen und anspruchsvollen Marktwerttester, zu dem sich der Kandidat entwickelt hat, überzeugend zu wirken.

Über die Studie
Für die Studie befragte das Marktforschungsunternehmen Respondi im Auftrag von Viasto, einem Anbieter von Software für videobasierte Vorstellungsgespräche, 1049 Arbeitnehmer im Alter von 18 bis 69 Jahren, die 2018 ein Vorstellungsgespräch geführt haben. Die Teilnehmer verfügen über einen akademischen Hintergrund und sind in ganz Deutschland zu Hause.

Dieser Praxistransfer ist im Sonderheft „E-Recruiting“ der Personalwirtschaft 11/2019 erschienen. Sie können das gesamte Heft auf  › dieser Seite kostenfrei herunterladen.

Grafik: Viasto

Wer steht im Mittelpunkt? Vor allem junge Bewerber fühlen sich in Vorstellungsgesprächen nicht immer umworben.

Grafik: Viasto

Vorbereitung ist alles: HR-Verantwortliche, die voll im Thema sind, wirken überzeugender als unvorbereitete Kollegen.

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Bewerber finden Fachfragen überwiegend relevant. Bei Fragen zum Werdegang und zur Persönlichkeit ist das Feedback gespalten.

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Ein Potpourri der gefürchtetsten Fragen aus Bewerbungsratgebern: Einige Evergreens sterben in Vorstellungsgesprächen leider nie aus.

Grafik: Viasto

Klare Vorstellungen auf Kandidatenseite: Klare Struktur, gute Atmosphäre und es darf durchaus herausfordernd sein.