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Studie: Anonymisierte Bewerbungen sind in Deutschland nicht sehr geschätzt

In Ländern wie den USA, Kanada oder auch Belgien gelten anonymisierte Bewerbungen mittlerweile als Standard. Das Argument für den Verzicht auf Bewerbungsfoto & Co soll möglichen Diskriminierungen von Kandidaten und Kandidatinnen vorbeugen. Hierzulande lehnt jedoch rund jeder zweite Rekrutierungsverantwortliche ein solches Verfahren ab. Das zeigt eine aktuelle Befragung im Auftrag der Jobbörse Indeed, an der zwischen dem 25. April und dem 5. Mai dieses Jahres 400 HR-Verantwortliche mit Recruiting-Erfahrung teilgenommen haben.

Jeder zweite Recruiting-Verantwortliche gegen anonymisierte Bewerbungen

52 Prozent der Befragten gaben an, dass sie gegen anonymisierte Bewerbungsprozesse sind. Lediglich 17 Prozent sagten, dass sich in ihrem Unternehmen ein solches Verfahren bereits etabliert hat. Vier Prozent der Personalverantwortlichen erwarten keine persönlichen Angaben im Lebenslauf und fokussieren sich ausschließlich auf fachliche Aspekte wie berufliche Qualifikationen, Zeugnisse und Fähigkeiten. Weitere 16 Prozent befürworten Bewerbungsunterlagen ohne persönliche Angaben wie Namen, Alter oder Herkunft grundsätzlich.

Tatsächlich sortieren 44 Prozent der Befragten Bewerbungen sofort aus, wenn Vor- und Nachname des Bewerbers oder der Bewerberin fehlen. Fast ein Viertel (23 Prozent) reagiert so, wenn kein Geburtsdatum und -ort angegeben wurde. Ein knappes Fünftel (19 Prozent) berücksichtigt die Bewerbung nicht, wenn kein Foto vorhanden ist, und 13 Prozent verzichten auf Kandidaten, die ihre Staatsangehörigkeit verschweigen. Das heißt, anonymisierte Bewerbungsverfahren stehen hierzulande bislang nicht hoch in der Gunst der Recruiter.

Unternehmen wollen sich ein umfassenden Bild von Bewerbern machen

Mit 60 Prozent sind die meisten Recruiting-Verantwortlichen auch der Ansicht, dass sie sich bei Bewerbungen nicht von persönlichen Vorurteilen leiten lassen. Interessant ist allerdings, dass über ein Drittel der Befragten über die Bewerbung hinaus noch mehr Informationen über die Kandidaten und Kandidatinnen in sozialen Netzwerken eruiert und diese Beobachtungen in die Bewertung einfließen lässt. Überhaupt ist die formale Qualifikation nicht das Haupteinstellungskriterium: Während es für 56 Prozent der Personalverantwortlichen zu den wichtigsten Fähigkeiten zählt, werden andere Faktoren wie Soft Skills (73 Prozent), Sympathie (80 Prozent) und Kommunikationsfähigkeit (86 Prozent) deutlich höher bewertet. Insgesamt sind die persönlichen Angaben von Bewerbern und Bewerberinnen immer noch ein zentraler Baustein auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch. Die Unternehmen möchten offenbar Beschäftigte, die nicht nur fachlich zu ihnen passen.

Schulungen und geschlechtsneutrale Sprache sollen Diskriminierung vorbeugen

Gefragt danach, wie und ob sie dennoch für faire Einstellungsbedingungen und Chancengleichheit sorgen, antworten 44 Prozent der Befragten, dass sie ihre HR-Verantwortlichen und -vertretungen diesbezüglich schulen. Gut ein Drittel (36 Prozent) achtet bei Stelleninseraten und bei der Kandidatenkommunikation auf eine geschlechtsneutrale Sprache. Außerdem hat fast jedes fünfte Unternehmen (18 Prozent) einen oder mehrere Diversity-Beauftragte installiert. Hingegen ebenfalls ein Fünftel (20 Prozent) gab an, das Unternehmen treffe bisher keine speziellen Maßnahmen zur Vorbeugung potenzieller Diskriminierung. Dr. Annina Hering, Ökonomin im Indeed Hiring Lab, vertritt die Ansicht, dass eine Anonymisierung und Automatisierung von Bewerbungsprozessen für mehr Chancengleichheit sorgen würde. Eine solche Maßnahme könne relativ einfach etabliert werden und Unternehmen bei der Personalgewinnung entlasten.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.