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„Wir haben bei vielen Menschen einen Nerv getroffen“

Die Gründer der Jobbörse workeer.de David Jacob (r.) und Philipp Kühn; Bild: workeer.de
Die Gründer der Jobbörse workeer.de David Jacob (r.) und Philipp Kühn; Bild: workeer.de

David Jacob und Philipp Kühn haben im Rahmen ihres Bachelor-Abschlusses eine Jobbörse gegründet, die sich speziell an Flüchtlinge richtet. Schon kurz nachdem die Plattform workeer.de online ging, stieß sie auf breite Resonanz in den Medien und den sozialen Netzwerken. Im Interview erläutert David Jacob die Beweggründe für die Idee, die Umsetzung und die Pläne für die Zukunft.

Personalwirtschaft: Was war Ihre Motivation, eine Jobbörse für Flüchtlinge ins Leben zu rufen?
David Jacob: Im Rahmen unseres Abschlussprojekts nahmen wir uns vor, ein reales Produkt zu entwickeln, das nicht wie viele Uniprojekte nach deren Abschluss in der Schublade verschwindet. Zusätzlich bot sich eine gute Chance, aus persönlichem politischem Interesse konkretes politisches Handeln werden zu lassen. So entstand die Idee, eine Webplattform für Geflüchtete zu entwickeln. Auf das Thema legten wir uns aufgrund der Aktualität und der vielen vorherrschenden Missstände fest.

Das heißt, dass es eine Jobbörse werden sollte, stand nicht von Anfang an fest?
Nein, nur dass es eine Webplattform für Geflüchtete werden sollte. In einem ersten Schritt recherchierten wir ausführlich, um zu erfahren, wie die verschiedenen Beteiligten die aktuelle Situation wahrnehmen. Von Interesse war für uns zusätzlich, welche Probleme und Lösungspotenziale sie sehen. Wir sprachen mit engagierten Initiativen, besuchten Unterkünfte für Geflüchtete, tauschten uns mit Organisationen und Behörden aus und kamen selbstverständlich auch direkt mit Geflüchteten ins Gespräch. So erkannten wir mögliche Themenfelder, denen wir uns hätten widmen können. Unsere verschiedenen potenziellen Ansätze bewerteten wir dann anhand der Faktoren Machbarkeit, Voraussetzungen, potenzieller Nutzen und Sinnhaftigkeit. Das Thema Arbeitsvermittlung stellte sich als das beste Gesamtpaket heraus, sodass im Anschluss unsere Arbeit an workeer begann.

848 Stellensuchende und rund 1.078 registrierte suchende Arbeitgeber sind stolze Zahlen in so kurzer Zeit. Was macht den Erfolg der Stellenbörse aus?
Ich denke, wir haben schlicht ein sehr gutes Timing gehabt und dadurch mit einem hochaktuellen Thema bei vielen Menschen einen Nerv getroffen. Auf Seiten vieler Arbeitgeber und der arbeitssuchenden Geflüchteten scheint man geradezu auf solch ein Projekt gewartet zu haben, wenn man sich die Reaktionen durchliest, die uns zahlreich per Mail erreichen. Zusätzlich war es uns sehr wichtig, die Webseite besonders anwenderfreundlich, unkompliziert und für alle Seiten niedrigschwellig umzusetzen. Beim Thema Arbeitsvermittlung ist das keine Selbstverständlichkeit und das wird sicher auch seinen Teil zum Erfolg beitragen.

Für Unternehmen welcher Branchen ist die Stellenbörse interessant? Welche Beschäftigungsangebote gibt es für Flüchtlinge, und welche werden vorrangig nachgefragt?
Wir sehen eine sehr große Bandbreite an Angeboten von einfachen Hilfstätigkeiten bis hin zu sehr anspruchsvollen Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss voraussetzen. Das gleiche Bild sehen wir im Übrigen auch aufseiten der Bewerber, wo die ganze Bandbreite an Qualifikationen und Arbeitserfahrungen vorhanden ist. Besonders schnell kann die Integration natürlich in Berufsfeldern gelingen, in denen Englisch die vorherrschende Sprache im Berufsalltag ist, also zum Beispiel im Bereich IT. Die sonst nicht zu vernachlässigende Sprachbarriere steht dort deutlich weniger im Weg.

Welche Matching-Technologie wird für die Stellenbörse verwendet und was ist darüber hinaus das Besondere?
Die Funktionsweise ist noch sehr simpel. Arbeitgeber können einfach selbst nach passenden Bewerbern suchen. Konkret kann nach einer Stellenbezeichnung gesucht werden. Die Ergebnisse können zusätzlich nach weiteren Kriterien, wie Sprachkenntnisse oder Wohnort der potenziellen Bewerber, gefiltert werden. Genauso funktioniert es auch andersherum. Die Geflüchteten können nach passenden Jobs oder Arbeitgebern suchen. Die Besonderheit von workeer besteht darin, dass beide Seiten Profile bei uns haben, sodass auch Arbeitgeber sehr einfach die Initiative ergreifen können und auf den Profilen direkt mehr über die Bewerber erfahren. Auch die Hürde des Erstellens von adäquaten Bewerbungsunterlagen durch die Geflüchteten wird damit umgangen.

Welche technischen Voraussetzungen brauchen die Flüchtlinge, um überhaupt die Jobbörse nutzen zu können?
Zugang zu einem Smartphone, Tablet oder Computer mit einem Internetzugang. Da uns bewusst war, dass Smartphones häufig der einzige Weg sind, wie Geflüchtete das Internet nutzen können, war es uns besonders wichtig, workeer auch mobiloptimiert zu gestalten.

Auf Ihrer Plattform finden sich auch Angaben zum Gehalt, beziehungsweise zum Stundenlohn. Inwiefern ist es wichtig, dies transparent zu machen?
Mit transparenten Angaben zum Gehalt und auch den anderen Rahmenbedingungen eines Stellenangebots wollen wir ausbeuterische Jobangebote verhindern. Wir hoffen, dass die Transparenz dieser Angaben dazu führt, dass Arbeitgeber sich nicht anmaßen, solche unseriösen Stellen zu inserieren.

Die Jobbörse richtet sich nicht nur an Flüchtlinge. Auf der Plattform haben sich auch Migranten registriert, die in Deutschland aufgewachsen sind und über sehr gute Deutschkenntnisse verfügen. Welche Chancen haben demgegenüber Flüchtlinge mit wenig bis gar keinen Deutschkenntnissen?
Es sollte natürlich das Ziel der Geflüchteten sein, Deutsch zu lernen, da die Integration dadurch enorm erleichtert wird. Eine regelmäßige Beschäftigung kann dabei auch ein sehr hilfreicher Faktor sein, zumal es Arbeitgeber gibt, die die Menschen dabei auch explizit unterstützen wollen und ihnen daher auch eine Chance geben, wenn noch keine oder nur grundlegende Sprachkenntnisse vorhanden sind. Dass workeer noch nicht mehrsprachig ist, ist eine reine Zeitfrage während unseres Projekts gewesen. Die Mehrsprachigkeit ist aber für die Zukunft geplant.

Wo gibt es kurz- bis mittelfristig noch Verbesserungsbedarf?
Zusätzlich zu den bereits genannten Punkten gibt es unzählige kleinere und größere funktionale und inhaltliche Verbesserungen, die wir umsetzen möchten. Wir haben sehr viel hilfreiches Feedback von allen Seiten bekommen, das uns dabei sehr helfen wird. Große Erweiterungen werden ein Blog und neue Benutzerrollen sein. Mit dem Blog sollen unter anderem Erfolgsgeschichten nach außen getragen oder Geflüchtete und Arbeitgeber vorgestellt werden. Die Möglichkeit der Registrierung für Initiativen, Paten und andere Organisationen wird auch ein großer Schritt sein, mit dem wir diesen ein effizientes Werkzeug bieten wollen, um im Bereich der Arbeitsvermittlung zu arbeiten.

Gibt es Informationen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusätzlich auf der Plattform erhalten?
Leider noch wenige. Wir verlinken aktuell auf andere nützliche Quellen, die Informationen für Arbeitgeber bereitstellen. Im Rahmen unseres Abschlussprojekts war es nicht möglich, alles, was wir uns gewünscht haben, direkt umzusetzen. Deshalb stehen Infoseiten für Arbeitgeber und auch für Geflüchtete genau wie die Mehrsprachigkeit noch auf unserer To-do Liste.

Soll die Stellenbörse auch auf andere Länder ausgeweitet werden?
Denkbar wäre es. Da wir im Moment noch alle Hände voll damit zu tun haben, in Deutschland eine runde Sache aus workeer zu machen, stehen solche Ideen aber hinten an.

Welches Feedback geben Unternehmen, die bereits über Ihre Plattform mit Flüchtlingen Erfahrungen gesammelt haben?
Wir bekommen viel sehr positives Feedback mit Lob und Dank, dass es endlich einen Zugang zum Potenzial der Geflüchteten gibt, den sich die Arbeitgeber schon lange gewünscht haben. Gelegentlich informieren uns Arbeitgeber auch darüber, dass sie auf workeer jemanden gefunden haben, den sie nun einstellen werden, was uns natürlich immer besonders freut. Vereinzelt bekommen wir aber natürlich auch Rückmeldungen, dass Bewerber nicht zu Vorstellungsgesprächen erschienen sind oder technische Probleme auftreten. Wir versuchen uns darum bestmöglich zu kümmern. Manches liegt aber natürlich auch einfach nicht in unserer Kraft. Insgesamt ist die Resonanz aber absolut überwiegend positiv.

Dieses Interview stammt aus dem aktuellen Sonderheft “E-Recruiting”. Das Gespräch führten Annette Neumann und Elke Schwuchow.