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Führungsleistung von Verwaltungsräten – eine Herausforderung des Engagements

Andrew Kakabadse
Prof. Andrew Kakabadse, Henley Business School Professor für Governance & Leadership (Foto: © Henley Business School))

“Es geht nur um Engagement!”, rief der Vorsitzende eines großen multinationalen Unternehmens, als er Zeuge des Niedergangs und des bevorstehenden Zusammenbruchs seines Unternehmens wurde. Tatsächlich zeigen unsere Untersuchungen tausender von Organisationen eine unausweichliche Tatsache – es ist das Engagement, nicht die Ausrichtung, welches das Hauptanliegen der Vorstände sein muss.

Vorstände und Boards sind von zentraler Bedeutung für die Funktion und Nachhaltigkeit einer Organisation. Durch ihre Steuerung wird das Unternehmen entweder gedeihen oder scheitern. Haben die Interessen der Aktionäre Vorrang? Welche größeren Stakeholder müssen beschwichtigt werden?
Vorstände haben eine entscheidende Verantwortung, nämlich die Ausübung der Steuerung (“Governance”) unter vollständiger Kontrolle über die von ihnen betreuten Vermögenswerte. Dabei müssen Vorstände zwei wesentliche Hebel einsetzen, um ihre Aufgabe erfolgreich zu erfüllen: Compliance und Stewardship.

Compliance

Board Leadership Function Diagramm
Stewardship und Engagement als Rezept für Erfolg. Grafik: © Henley Business School, 2021

Eine Analyse der wichtigsten Führungsskandale und Finanzkollapse, von der Baring-Bank bis zum jüngsten Post-Skandal in Großbritannien, zeigt, dass Compliance der am meisten bevorzugte Hebel ist.
Unsere laufenden Untersuchungen zeigen, dass Management und Vorstand sich der Hindernisse, mit denen sie konfrontiert sind, sehr bewusst sind.
Allerdings bewältigen sie diese Herausforderungen jedoch nur selten, da sie zu gehemmt sind, unangenehme Probleme anzusprechen und anzugehen. Viele befürchten, dass ein aufrichtiges Ansprechen bekannter Bedenken die Beziehungen erheblich schädigen und irreparable Spaltungen hervorrufen würde.

Dieses klare Handicap bedeutet, dass Vorstände und Management unter Druck zunehmend Kontrollen und Verfahren einführen, in der Überzeugung, dass solche Maßnahmen die Organisation fördert und es ihr ermöglicht, alle Herausforderungen zu meistern.
Stewardship

Im Gegensatz zu Compliance wird Stewardship viel seltener eingesetzt. Wenn es aber effektiv eingesetzt wird, ist die Führung vollständig im Einklang mit den Gefühlen, Erfahrungen, Frustrationen und Handlungen der Angestellten, des Managements und wichtiger Key Stakeholder.
Das Konzept des Stewardship bringt gemeinsame oder sogar ungeteilte Überzeugungen hinsichtlich des Zwecks, der Mission und der Funktion der Organisation zum Vorschein. Bei kluger und angemessener Anwendung stärkt Stewardship das Engagement von Mitarbeitenden und Management zur Optimierung der Strategie der Organisation und geht auf die operativen Herausforderungen ein, die ihr im Weg stehen.

Engagement

Weder den Mut noch die Fähigkeit zu haben, bestehende und erkannte Herausforderungen anzugehen, ist ein Problem für über 66 Prozent der Organisationen weltweit. Dies ist angesichts des wachsenden Verständnisses für Engagement als wichtiges Merkmal bei Führung und Steuerung frustrierend.

Letztendlich gleicht die Fähigkeit des Vorstands die Compliance mit Engagement aus und gibt dem Management und den Mitarbeitern die Mittel, den besten Weg nach vorne zu verfolgen. Die Vermittlung von Engagement seitens des Vorstands ermöglicht leistungsstarken Gremien, interne und externe Differenzen zu überwinden und den Grundstein für leistungsstarke Organisationen zu legen.
Es ist noch ein langer Weg. Unsere weltweiten Untersuchungen zeigen, dass nur 18 Prozent der Verwaltungsräte in der Lage oder bereit sind, Engagement als Hauptbestandteil ihrer Governance- und Führungsaktivitäten auszuüben.

Die effektivsten Vorstände schaffen eine diversifizierte Grundlage, indem sie sowohl Menschen als auch Interaktionen, Strukturen, Strategien und Geschäftsmöglichkeiten berücksichtigen. Dadurch lassen sich Wettbewerbsvorteile erzielen.

Der Weg nach vorn

Der griechische Philosoph Aristoteles unterstrich die “praktische Weisheit” und bezeichnete das Durcharbeiten von Empfindlichkeiten unter Beibehaltung von Beziehungen als die höchste Form des Wissens.

Dies ist möglich, wenn die Kultur des Engagements in die gesamte Organisation integriert wird. Dabei übernimmt der Vorstand die Aufgabe, ein unabhängiges Mindset und eine Kultur der Resilienz zu fördern.

Business Club Hamburg
Das Henley Board Room Skills Programm wird in Deutschland im Business Club Hamburg stattfinden (Foto: © Business Club Hamburg)

Hervorragende Vorstände tun dies durch Engagement. Sie zeigen Fingerspitzengefühl gegenüber anderen und verstehen Kontexte. Darüber hinaus können sie mit Fehlausrichtungen umgehen und diese zum Vorteil der Organisation auf eine Weise nutzen, die positiv differenziert und von Wert ist.
Erfolgreiche Vorstände kombinieren IQ mit EQ. Für sie ist es unerlässlich, Herausforderungen intelligent zu analysieren und zu bewältigen, und gleichzeitig die Gefühle und Bedenken der Beteiligten zu berücksichtigen.

Sobald dieses Gleichgewicht zwischen Intellekt und vorbildlicher Vermittlung hergestellt ist, erzeugt es eine positiv ansteckende Denkweise, die sich über Vorstand, Management und andere wichtige Stakeholder ausbreitet. Dies wiederum gibt den Aktionären das Vertrauen, dass die Führung des Unternehmens ihrer fortgesetzten Investition würdig ist.

Andrew Kakabadse ist Professor für Governance und Leadership an der Henley Business School. Er berät und hält Vorträge in Großbritannien, Europa, den USA, Asien, China, Japan, Russland, Georgien, den Golfstaaten und Australien. Derzeit führt er eine umfassende globale Studie zur Wirksamkeit des Vorstands und die Governance-Praxis im Wert von 2 Millionen britischen Pfund durch, an der eine Reihe von Regierungen beteiligt sind, darunter britische Staatsminister. Seine Top-Team-Datenbank erfasst 17 Nationen und tausende von privaten und staatlichen Unternehmen.

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