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Corona als Schub für die bKV?

Grafiken mit Schriftzug Krankenkasse
Foto: CrazyCloud / Adobe Stock

Kurzfristig einen Termin beim Facharzt vereinbaren, den operativen Eingriff im Einbettzimmer auskurieren – derlei Vorzugsbehandlung ist allein Privatversicherten vorbehalten. Wer hingegen gesetzlich versichert ist, muss sich in Geduld üben und für die Behandlung vom Chefarzt kräftig draufzahlen. Diese klaffende Lücke im Gesundheitssystem schließen bereits 7000 Unternehmen mit einer betrieblichen Krankenversicherung (bKV), teilte der Verband Privater Krankenversicherungen (PKV) unlängst mit. Knapp 750 000 Arbeitnehmer profitierten von diesem Benefit.

Während primär Konzerne und Großunternehmen sich für eine bKV verwenden, hinkt der Mittelstand hinterher. Eine Ausnahme ist zum Beispiel die GKN Powder Metallurgy Holding GmbH in Bonn. Gerade in der Corona-Zeit, bekräftigt HR-Managerin Maike Theine, sei die bKV ein wichtiges Signal an die Beschäftigten: “Uns liegt sehr daran, dass Ihr gesund bleibt und Euch wohlfühlt.” Doch der Grund dafür, die bKV anderen Benefits vorzuziehen, liegt offenbar ganz woanders. Denn als Mittelständler erhofft sich GKN vor allem Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte.

“Für uns ist die bKV ein Instrument, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein”,

sagt Theine.

Thema Gesundheit im Fokus

Hier knüpft auch die Verkaufsstrategie der einschlägigen Versicherer an. Für die in Wuppertal ansässige Barmenia etwa hat sich die bKV zuletzt als Zugpferd erwiesen. Die Assekuranz beruft sich auf Statistiken, wonach sich die Zahl der bKV-Kunden zwischen 2015 und 2018 verdoppelt hat. Corona könne diesen Trend kaum aufhalten, sagt Tom Hennig, für das Geschäft mit Firmenkunden zuständig. Ganz im Gegenteil: Nach der zu Beginn der Pandemie herrschenden Unruhe würden viele Unternehmen sich strategischen Fragen zuwenden. “Dazu zählt auch, wie sie als Arbeitgeber attraktiver werden, was eine bKV elementar fördern könnte.” 

Die Gothaer mit Sitz in Köln argumentiert ähnlich. Um das Arbeitgeberprofil zu schärfen, erläutert Prokurist Rainer Ebenkamp, würden Unternehmen derzeit besonders das Thema Gesundheit hervorheben. Die Versicherung erwartet deshalb einen Schub für die bKV, der sich ihrer Ansicht nach bereits Ende 2020 abzeichnen könnte. Die Bindung von Mitarbeitern werde wichtiger, so Ebenkamp, “weil der vor Corona anhaltende Fachkräftemangel nach Ende der Pandemie wieder voll durchschlagen wird”.

Mit Chefarztbehandlung punkten

Ob sich die Erwartungen der Anbieter einlösen, bleibt vorläufig bloß Spekulation. Dass es Unternehmen tatsächlich gelingt, mit dem Angebot einer bKV Kandidaten zur Unterschrift unter den Arbeitsvertrag zu bewegen, ist mangels einschlägiger Untersuchungen ebenso wenig bewiesen, wie die vermutete Bindungswirkung des Benefits. Zumindest bei GKN gibt es Anhaltspunkte dafür. Wie Maike Theine mit Blick auf einzelne Bausteine der Versicherung beobachtet, sind es weniger Vorsorgeuntersuchungen oder Zahnersatz, womit die bKV in der Belegschaft von sich reden mache. Der größte Vorteil für Mitarbeiter, sagt die HR-Managerin, sei die Chefarztbehandlung im Krankenhaus. “Wie ein Lauffeuer” verbreiteten sich entsprechende Berichte. Gerade in dieser Leistung sei der Unterschied zwischen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung für viele Beschäftigten “am gravierendsten” zu erkennen.

Doch mit dem Corona-Ausbruch ist vieles aus den Fugen geraten: Wirtschaftlich in Bedrängnis gekommen, prüfen Unternehmen jede Ausgabe nun kritisch darauf, ob sie wirklich unentbehrlich ist. Zuerst kommen diejenigen Kosten aufs Tapet, die der Arbeitgeber freiwillig trägt, wie die geldwerten Zusatzleistungen. Müssen deshalb liebgewordene Add-ons weichen, verschieben sich gar die Prioritäten in der Rangordnung ausgewählter Benefits? Wie es scheint, agieren Unternehmen in dieser Hinsicht sehr vorsichtig.

So beobachtet Philipp Dienstbühl, Senior Consultant der HR-Managementberatung Lurse, dass Unternehmen zwar die geplante Einführung von neuen Benefits “auf Eis legen”, jedoch die bereits gewährten Leistungen kaum antasten. Zugleich ergäben sich neue Prioritäten für künftige Benefit-Programme. Viele Arbeitgeber orientierten sich mehr und mehr in Richtung Homeoffice.

“Die Frage, wie man als Folge der Pandemie künftig zusammenarbeitet, wird auch die Benefit-Programme in ihrer Konstellation entscheidend prägen”,

sagt Marktinsider Dienstbühl voraus.

Im Wettbewerb mit anderen Benefits

Ganz in diesem Sinne tastet auch GKN die bisher gewährten Benefits vorerst nicht an. Ziel sei, den Beschäftigten ein Gefühl von Stabilität zu vermitteln: “Wir wollen unsere Mitarbeiter halten und gemeinsam durch die Krise gehen”, bekräftigt Maike Theine die Marschrichtung des Unternehmens. Ihrer Ansicht nach trage die Pandemie dazu bei, dass die Kultur gestärkt werde und der kollegiale Zusammenhalt wachse. Hierzu trage auch die Kurzarbeit ihr Scherflein bei: Trotz Angst vor Verlust ihres Jobs seien Beschäftigte weniger krank. Doch es bleibt eine Politik auf Sicht. Sollte eine zweite Infektionswelle bevorstehen, “müssen wir neu disponieren”, sagt Theine unmissverständlich.

Droht die bKV unter solchen Vorzeichen nun unter die Räder zu geraten? Den Versicherern kann nicht einerlei sein, wenn ihre Stammkunden Beiträge stunden und vom Erwerb ihrer Leistungsangebote vorerst Abstand nehmen. Hinzu kommt die Obergrenze von monatlich 44 Euro für steuerfreie Sachleistungen, die den Wettbewerb unter Benefits anheizt. “Die bKV muss sich gegen viele andere geldwerte Zusatzleistungen durchsetzen”, räumt Barmenia-Manager Hennig offen ein.

Dabei könne die bKV mit überzeugenden Argumenten aufwarten, gibt sich Gothaer-Prokurist Ebenkamp zuversichtlich. Erstens trage “wesentlich zur Bindung von Mitarbeitern bei, mehr für ihre Gesundheit zu leisten”, was sich im anhaltenden Fachkräftemangel als strategisch klug erweise. Zweitens spreche für die bKV, dass sie kostengünstig sei und steuerlich vorteilhaft behandelt werde. Und drittens, so Ebenkamp: “Was der Arbeitgeber investiert, kommt netto beim Arbeitnehmer an.”

Viel Luft nach oben

Doch die Statistiken dämpfen diesen Optimismus. Mit einer Marktdurchdringung von lediglich 2,7 Prozent, räumt Gothaer-Manager Ebenkamp freimütig ein, “ist viel Luft nach oben”. Deshalb appelliert er ebenso wie andere Versicherer an Unternehmen, nicht allein über Gewinnung und Bindung von Fachkräften nachzudenken, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit einer bKV gezielt gegen Ausfallzahlen vorzugehen. Folgt man diesem Argument, könnten die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen dazu beitragen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen: “Bevor sie die Betroffenen möglicherweise lange ans Bett fesseln”, wie Ebenkamp erklärt.

In der Tat lässt sich ein solcher Effekt nicht von der Hand weisen. So ist auch die neuerliche Produktoffensive der Anbieter zu verstehen, die ihr Leistungsangebot entsprechend aufrüsten. Nachdem Gesundheit sowie flexible Arbeit viele Unternehmensentscheidungen auf absehbare Zeit dominieren, springen Versicherer beherzt auf diesen Zug auf. Die Barmenia etwa bietet ab einem Preis von monatlich 8,10 Euro den Baustein Telemedizin an. Manager Tom Hennig ist sogar überzeugt, dass die bKV ein wichtiger Hebel sein könne, um ein stärkeres Gesundheitsbedürfnis von Beschäftigten anzusprechen und darüber hinaus im Wettbewerb mit anderen Benefits die Oberhand zu gewinnen. Ihre Wertigkeit steige sogar gegenüber der betrieblichen Altersversorgung (bAV): “Um die Gesundheit muss ich mich heute kümmern”, sagt Hennig. “Um die bAV hingegen erst, wenn ich aus dem Arbeitsleben ausscheide.”

Schwerer Stand gegenüber der bAV

Doch dieser zweckoptimistischen Einschätzung wollen einschlägige Marktbeobachter nicht folgen. Solange das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich ein hohes Ansehen genieße, sagt etwa Rüdiger Zielke, Geschäftsführer von Pension Capital in Bremen, habe die bKV einen schweren Stand. “Wir gehen auch nicht deshalb häufiger zum Arzt, weil der Arbeitgeber eine entsprechende Leistung anbietet.”

Pension Capital befragt regelmäßig Unternehmen, warum sie bestimmte Benefits anderen Leistungen vorziehen. Klassiker unter den Benefits, allen voran die bAV, nähmen derzeit an Bedeutung zu, widerspricht Zielke den bKV-Anbietern. Jüngere Menschen seien sogar bereit, Abgaben in die bAV umzuwidmen. Noch düsterer sieht es für die bKV laut der letzten Benefit-Benchmark-Studie von Lurse aus. Darin wird die bKV mit keinem einzigen Wort erwähnt. Freilich beziehen sich die Daten auf Erhebungen vor der Corona-Zeit. Es könnte also durchaus sein, dass sich in künftigen Studien das Blatt wendet – und die Pandemie der betrieblichen Krankenversicherung tatsächlich zum Durchbruch verhilft.


Dieser Beitrag ist Teil des Themen-Specials „Compensation &
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