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Mindestlohn: Deutschland hinkt Westeuropa hinterher

Lupe über Geldscheinen, dazu Taschenrechner
Eine aktuelle Analyse hat die Höhe des Mindestlohns in der EU untersucht. Deutschlands Arbeitnehmer erhalten immer noch weniger Geld als ihre westeuropäischen Nachbarn.
Foto (CCO): pexels.com

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat die Mindestlöhne in Europa untersucht. Danach sind die Untergrenzen im EU-Mittel kräftig angehoben worden. Hierzulande ist der Mindestlohn weiterhin  niedriger als in allen anderen westeuropäischen EU-Staaten.

Seit einigen Jahren ist innerhalb der EU ein Trend zu spürbar höheren Mindestlohnsteigerungen zu beobachten. 2019 hat sich diese Tendenz weiter fortgesetzt. So sind die Mindestlöhne in den 22 EU-Staaten, die über eine gesetzliche Lohnuntergrenze verfügen, zuletzt nominal um 4,8 Prozent und nach Abzug der Inflation um 2,7 Prozent gestiegen. Lediglich in Lettland gibt es aktuell keine Erhöhung. Die stärksten Anhebungen verzeichnen die mittel- und osteuropäischen EU-Länder. In den west- und südeuropäischen EU-Staaten reichte der Anstieg zwischen 1,4 Prozent in den Niederlanden über vier Prozent in Deutschland (allerdings für zwei Jahre) bis zu 22 (Spanien) und 38 Prozent (Litauen). Das geht aus dem neuen Mindestlohnbericht des WSI hervor.

9,60 Euro und mehr sind in Westeuropa die Regel

In Deutschland ist der Mindestlohn mit 9,19 Euro pro Stunde weiterhin deutlich niedriger als in den westeuropäischen Euro-Staaten, die alle – mit Ausnahme Großbritanniens – 9,60 Euro und mehr vorsehen. In Frankreich liegt die Lohnuntergrenze bei 10,03 Euro und in Luxemburg bei 11,97 Euro. In Südeuropa reicht die Spanne von 3,61 (Portugal) bis 5,45 Euro (Spanien). In Mittel- und Osteuropa ist die Lohnuntergrenze in Slowenien mit 5,10 Euro am höchsten. Der niedrigste EU-Mindestlohn mit nur 1,72 Euro wird in Bulgarien gezahlt. Berücksichtigt man die Kaufkraftstandards in den einzelnen Ländern, reduziert sich das Verhältnis zwischen den EU-Ländern mit niedriger und relativ hoher Untergrenze von eins zu vier auf eins zu zwei oder eins zu drei. Danach würde zum Beispiel Rumänien vor Portugal liegen. Die Kaufkraft der Bundesbürger ist niedriger als die von Mindestlohnempfängern in Luxemburg, Frankreich und den Niederlanden.

Vorstöße zur Schaffung eines europäischen Mindestniveaus

Die britische Regierung hat das Ziel ausgegeben, die Lohnuntergrenze bis 2020 auf 60 Prozent des mittleren Lohns zu bringen. Ab diesem Niveau, gemessen am jeweiligen nationalen Median, gälten Löhne nach Ansicht von Armutsforschern als einigermaßen existenzsichernd , so die WSI-Forscher. In Deutschland erreichte der Mindestlohn 2017 (dem letzten Jahr, für das internationale Vergleichsdaten vorliegen) nur 48 Prozent und damit nicht einmal die Hälfte des Medianlohns. Bei 60 Prozent müsste der Mindestlohn hierzulande auf annähernd zwölf Euro angehoben werden. Zwölf EU-Staaten kamen auf höhere Werte als Deutschland, darunter auch Portugal und Polen. An der Spitze rangiert Frankreich mit einer Untergrenze von 61,8 Prozent des Mittelwerts. Nach Analyse der WSI-Experten finden Vorschläge, europaweit ein entsprechendes Mindestniveau zu verankern, zunehmend Unterstützung. Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass sich die deutsche Ratspräsidentschaft im kommenden Jahr um einen “europäischen Rechtsrahmen für Mindestlöhne” bemühen soll.

Der “WSI-Mindestlohnbericht 2019: Zeit für kräftige Lohnzuwächse und eine europäische Mindestlohnpolitik” steht zum > Download zur Verfügung.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.