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Bereinigter Gender Pay Gap – Deutschland auf dem vorletzten Platz

zwei skizzierte unterschiedliche hohe Säulen mit Geldscheinen, eine Hand zeichnet mit Kreide eine Verbindung der Säulen
Wenn es so weitergeht wie bisher, dürfte die Gehaltslücke erst 2070 überwunden sein. Foto: © fotogestoeber/StockAdobe

Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, den USA, Kanada, Australien und Singapur verdienen Männer im Durchschnitt mehr als Frauen. Das jeweilige unbereinigte Lohngefälle, das zwischen 11,6 Prozent und 22,3 Prozent liegt, verringert sich bereinigt – nach Berücksichtigung verschiedener Arbeits- und Beschäftigungsmerkmale – auf einen Wert zwischen 3,1 Prozent und 6,6 Prozent . Das sind Ergebnisse der aktuellen Studie “Progress on the Gender Pay Gap: 2019” von Glassdoor. Grundlage der Studie sind Hunderttausende von Gehaltsberichten, einschließlich Arbeitnehmer- und Arbeitsplatzinformationen, die Mitarbeiter auf Glassdoor abgegeben haben. Die Daten für Deutschland beziehen sich auf eine Stichprobe von 4794 Gehältern.

Frauen verdienen hierzulande unter gleichen Voraussetzungen 6,4 Prozent weniger als Männer

Die unbereinigte Lohnlücke von 22,3 Prozent bedeutet, dass eine Frau hierzulande für jeden Euro, den ein Mann verdient, im Durchschnitt nur 78 Cent erhält. Der Wert bezieht sich auf die Grundgehälter. Wird die Gesamtvergütung einschließlich Boni, Trinkgelder und anderer Zusätze herangezogen, ergibt sich ein Abstand von 25,1 Prozent zu den männlichen Gehältern. Bereinigt nach Alter, Ausbildung und Berufserfahrung verringert sich das geschlechtsspezifische Lohngefälle beim Grundgehalt auf 15,3 Prozent. Bereinigt man diesen Wert noch um unternehmensspezifische Faktoren und Stellenbezeichnungen, bleibt eine Gehaltslücke von 6,4 Prozent bei der Grundvergütung bestehen. Frauen werden also auch dann schlechter vergütet als ihre männlichen Kollegen, wenn sie die gleiche Stellenbezeichnung haben, beim gleichen Arbeitgeber angestellt sind, in der gleichen Region arbeiten sowie hinsichtlich Alter, Ausbildung und Berufserfahrung vergleichbar sind.

Kleinster bereinigter Gender Pay Gap in Australien

Und so sieht der Gender Pay Gap bei den Grundgehältern in den anderen untersuchten Ländern aus: Frankreich 11,6 Prozent, Singapur 12,8 Prozent, Australien 15,1 Prozent, Kanada 16,1 Prozent, Großbritannien 17,9 Prozent, Niederlande 18,9 Prozent, USA 21,4 Prozent. Deutschland ist also “Spitzenreiter” in Sachen Lohnungleichheit. Bei der unbereinigten Lohnlücke sieht es kaum besser aus, lediglich die Niederlande weisen mit 6,6 Prozent einen höheren prozentualen Anteil auf. Ansonsten ergeben sich die folgenden bereinigten Werte: Australien 3,1 Prozent, Frankreich 3,7 Prozent, Kanada 4 Prozent, USA 4,9 Prozent, Großbritannien 5 Prozent, Singapur 5,2 Prozent.

Erklärbare und nicht erklärbare Anteile der Gehaltskluft

Die Studie unterteilt den Gender Pay Gap in einen erklärbaren und einen nicht geklärten Anteil. Danach sind hierzulande 55 Prozent der Gehaltskluft erklärbar, etwa durch verschiedene Arbeitnehmermerkmale. Die restlichen 45 Prozent können nicht aufgrund der erhobenen Daten erklärt werden. Die Autoren vermuten, dass der ungeklärte Anteil zum Beispiel aufgrund von unterschiedlichen Gehaltsverhandlungsstrategien von Männern und Frauen zustande kommt oder auch durch eine unterschiedliche Behandlung wie etwa die Diskriminierung durch den Arbeitgeber.

Vor drei Jahren war die Lohnlücke in Deutschland noch niedriger

Ein Vergleich mit der Vorläuferstudie aus dem Jahr 2016 zeigt, dass der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschland damals noch 5,5 Prozent betrug, also sogar niedriger war als heute. Außer in der Bundesrepublik hat sich das geschlechtsspezifische Gehaltsgefälle in allen anderen untersuchten Ländern verringert. In den meisten Nationen werden allmählich Fortschritte erzielt. Laut der Studie dürfte ein engerer Arbeitsmarkt, die höhere Erwerbs- beteiligung von Frauen und ein größeres Bewusstsein für ungleiche Bezahlung dazu beigetragen haben. Sollte sich diese Entwicklung in der gleichen Geschwindigkeit fortsetzen wie bisher, könnte die Schließung der bereinigten Lohnlücke noch bis zum Jahr 2070 dauern, so die Studie.

Die vollständigen Ergebnisse des englischsprachigen Reports “Progress on the Gender Pay Gap: 2019” können > hier zum Download abgerufen werden.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.