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Flexibel bis zum Gehtnichtmehr

Portrait Anette Dowideit
Anette Dowideit ist Journalistin und Autorin. Foto: © Privat

Beschäftigungsverhältnisse werden in Deutschland von Jahr zu Jahr lockerer und unverbindlicher. Unternehmen spart das zunächst Ressourcen – aber ist es tatsächlich ein Gewinn?

Die Recherche begann vor rund vier Jahren mit einem Beispiel, das mir die Augen öffnete. Ich arbeitete damals an einem Zeitungsartikel über die Spielzeugladenkette Toys R Us. Mir war zu Ohren gekommen, dass die Geschäftsführung in Deutschland heftige Probleme mit unzufriedenen Mitarbeitern hatte, die ihre Filialen bestreikten.

Ich forschte der Sache nach, sprach mit Betriebsräten und einfachen Verkäufern. Es stellte sich heraus: Ein enorm großer Anteil – bis zu 90 Prozent der Mitarbeiter in den Filialen, schätzte damals der Gesamtbetriebsrat – arbeitete nicht mehr in einem normalen Angestelltenverhältnis, mit festen Arbeitszeiten und festem Monatseinkommen. Stattdessen bekamen sie nur noch sogenannte Kapovaz- Verträge. Die Abkürzung steht für “kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit”.

Solche Verträge, häufig auch flexible Teilzeit genannt, sehen vor: Der Verkäufer ist in Teilzeit eingestellt. Allerdings ist nicht festgelegt, ob er etwa 50 oder 80 Prozent einer Vollzeitstelle ableistet. Dies nämlich, so die Intention des Arbeitgebers, variiert von einem Monat zum nächsten – abhängig davon, wie oft der Kollege jeweils gebraucht wird. Dem Arbeitgeber verschafft dies Flexibilität: Herrscht Flaute in den Läden, teilt er die Verkäufer einfach seltener ein, als wenn sie voll mit Kunden sind.

Und wer nicht eingeteilt wird, der muss auch nicht bezahlt werden.

Aus Sicht von Geschäftsführungen und Personalverantwortlichen klingt ein solches Anstellungsverhältnis auf den ersten Blick enorm gut: Man verlagert das Umsatzrisiko auf die Mitarbeiter. Kein Wunder, dass die flexible Teilzeit in vielen Branchen auf dem Vormarsch ist. Bundesweit arbeiten nach Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung rund 1,5 Millionen Menschen mit solchen Arbeitsverträgen – besonders häufig im Einzelhandel, aber auch in der Gastronomie, manchmal sogar in der Altenpflege.

Das Problem ist, dass es den Mitarbeitern mit diesen Verträgen oft gar nicht gut geht. Bei Toys R Us etwa erzählten mir viele, sie könnten ihr Leben kaum planen, weil sie nie wüssten, wie viel Geld sie am Monatsende auf dem Konto hätten. Gleichzeitig konnten sie sich keinen Zweitjob suchen, weil sie sich für kurzfristige Einsätze in den Läden der Spielzeugkette bereithalten mussten. So kam es, dass diese Personaleinsatzstrategie negativ auf das Unternehmen zurückschlug – indem es wütende Proteste gab, die zum Medienthema wurden und auch bei vielen Kunden Empörung auslösten.

Die flexible Teilzeit ist nur ein Beispiel für eine ungute Entwicklung in Personalabteilungen: Es gibt viele Ausprägungen der “schönen, neuen Arbeitswelt”, in der sich das klassische Beschäftigungsverhältnis auflöst und den Mitarbeitern immer mehr Flexibilität abverlangt wird. Dazu gehören Minijobs, Leiharbeit, aber auch die sich ausbreitende Taktik vieler Unternehmen, auf Freelancer zurückzugreifen. Gemeinsam ist diesen Beschäftigungsverhältnissen, dass sie den Firmen zwar kurzfristig Vorteile verschaffen und Risiken auf die Mitarbeiter verlagern – dass aber langfristig alle dabei Schaden nehmen, zumindest, wenn die Unternehmen die Modelle so ausreizen, dass sie für Angestellte nur noch Frust bedeuten.

Denn wenn sich ein immer größerer Teil der Arbeitnehmer nicht mehr fair behandelt und entlohnt fühlt für das, was sie leisten, verliert nicht nur das einzelne Unternehmen, das schlechte PR fürchten muss. Es verliert auch die gesamte Gesellschaft, die es nicht gewährleisten kann, trotz enorm guter Wirtschaftslage für Beschäftigungsverhältnisse zu sorgen, mit denen jene, die die Arbeit leisten, auch zufrieden sind.

Anette Dowideit ist Chefreporterin im Investigativteam der WELT-Gruppe.
Am 21. August ist ihr neues Buch erschienen: „Die Angezählten – Wenn wir von
unserem Geld nicht mehr leben können“.