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Tarifrente – nur ein Luftschloss?

Ein Schloss in den Wolken

Statt Aufbruchsstimmung, wie es das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) versprach, brennen Arbeitgebern vor allem das Sozialpartnermodell und die Zuschusspflicht untern den Nägeln. Die großen tarifgebundenen Unternehmen und auch mittelständische Betriebe blicken gespannt auf erste Lösungen. Manche haben ihre Versorgungswerke in der Hoffnung auf die reine Beitragszusage umstrukturiert, aber sind notgedrungen im Wartemodus. Warum fehlen tarifliche Lösungen ein Jahr nach in Kraft treten des BRSG? Dafür gibt es mehrere Gründe: Eine Ursache liegt in einem grundsätzlichen Konflikt, den die Gewerkschaften haben. Während ihre bAV- Fachleute schnell erkannt haben, dass die reine Beitragszusage Chancen bietet, kostet es bei den Kollegen viel Zeit, sich mit dieser Form überhaupt anzufreunden. Erst wenn das gelungen ist, können sie beginnen, ihre Mitglieder zu überzeugen.

Die Sozialpartner sind am Zug

Trotzdem bleibt die Kernfrage: Warum hat sich in den letzten zwölf Monaten nichts getan? Ist die Tarifrente schon tot? Die Diskussionsteilnehmer vertreten unterschiedliche Meinungen. Ob und wann das Sozialpartnermodell seine Wirksamkeit entfaltet, ist noch nicht klar. Daher sollten Arbeitgeber nicht nur auf die Tarifrente warten, sondern mit den bestehenden Instrumenten eine gute und risikoarme bAV gestalten. Es gibt bewährte Lösungen, mit denen diese heute schon erfolgreicher vorankommen können.

Produktanbieter, die spezielle Versicherungslösungen für die Tarifrente entwickelt haben, zeigen sich optimistischer und haben Verständnis für die Wartezeit, weil sie nur nach außen Stillstand bedeutet. Hinter den Kulissen der Sozialpartner wird nämlich heftig diskutiert, zum Beispiel über die Durchführung und Steuerung der Kapitalanlage. Oder wie die richtige Mischung zwischen Sicherheit und Rendite erreicht werden kann. Denn die Sozialpartner haben verstanden, dass die reine Beitragszusage kein neuer Tarif ist, sondern ein umfassendes Modell, das verschiedene Komponenten hat, die abgewogen werden müssen.

Die Anbieter von Versicherungslösungen für eine Rente nach dem Sozialpartnermodell würden sich zwar über mehr Tempo freuen, aber lieber ist ihnen, dass es zu keinem Schlingerkurs kommt. Zudem spüren sie in der Praxis, dass der Beratungsbedarf hoch ist. Die Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften wollen vor allem eine Gewähr dafür, dass ihnen die Anbieter auf sehr lange Zeit die Treue halten – schließlich geht es um die Rente tausender Menschen.

15-Prozent-Zuschuss und viel Kopfzerbrechen

Die Neuerung mit dem aktuell größten Einfluss auf die bisherige Welt der betrieblichen Altersversorgung ist die Einführung eines verpflichtenden Arbeitgeberzuschusses zur Entgeltumwandlung. Der Arbeitgeber soll 15 Prozent des umgewandelten Entgelts zusätzlich als Arbeitgeberzuschuss an den Pensionsfonds, die Pensionskasse oder die Direktversicherung weiterleiten, soweit er durch die Entgeltumwandlung Sozialversicherungsbeiträge einspart. Dies gilt ab Januar 2019 für Neuverträge, für Altverträge ab 2022.

Klingt einfach, ist aber hoch komplex und mit vielen juristischen Fallstricken versehen. Was ist zum Beispiel, wenn der Arbeitgeber die eingesparten Sozialversicherungsbeiträge schon vor 2019 weitergegeben hat? Zudem ist die Zuschussregel für Unternehmen sehr aufwendig, weil sie mit jedem einzelnen Versicherer die Frage nach der Umsetzung klären müssen. Kein Versicherer wird bereit sein, unlimitiert bei jedem Alttarif den Vertrag zum bisherigen Rechnungszins zu erhöhen. Zusätzlich stoßen Kunden auf Versicherungen im Run-Off, die keine Neuverträge mehr annehmen und ihre Bestände an Abwicklerversicherer abgeben. Letztlich, so der Rat der bAV-Spezialisten, seien Arbeitgeber gut beraten, sich bei der rechtssicheren Umsetzung des Zuschusses Expertise für den Einzelfall zu holen.

BAV 4.0 zukunftsfähig

Große Unternehmen haben eine Vorreiterfunktion bei der Umstellung ihrer bAV- Verwaltung von analog auf digital. Doch alle Arbeitgeber werden über kurz oder lang die Vorteile der Digitalisierung in der Administration zu schätzen wissen. Eine unabhängige digitale Plattform zur bAV-Verwaltung und -Beratung macht es für alle Stakeholder einfacher und transparenter. Der Beschäftigte hat jederzeit die Übersicht über seine bAV und sieht, wie sich verschiedene Maßnahmen auf seine Rentensituation auswirken. Ob Software oder sogenannte intelligente Systeme die Beratung ersetzen, darüber herrscht keine Einigkeit. Allerdings schließen sich alle Experten der Prognose an, dass sich in der Bilanzierung und Verwaltung der bAV die Prozessautomatisierung und smarte Lösungen inclusive KI-Funktionen durchsetzen werden.

Macht Arbeitgeberfinanzierung Sinn?

Trotz BRSG und Sozialpartnermodell: Die Gedankenspiele, wie eine großflächige Verbreitung der bAV unterstützt werden kann, gehen weiter. Die Annahme einiger bAV- Spezialisten lautet: Sowohl in Tarifverträgen, als auch bei den Unternehmen selbst rückt die Arbeitgeberfinanzierung der bAV in den Vordergrund, um Arbeitskräfte im engen Markt für sich zu gewinnen. Die Entgeltumwandlung wäre dann nur noch ein Add-on. Allerdings: Eine arbeitgeberfinanzierte bAV funktioniert nur in Zeiten annähernder Vollbeschäftigung. Und: ein gewisser Prozentsatz von Arbeitnehmern wertschätzt die bAV nicht. Unternehmen, die eine arbeitgeberfinanzierte bAV anbieten, würden bei einem Teil der Mitarbeiter die Ausgaben in den Sand setzen.

Hier finden Sie die wichtigsten Aussagen der Experten als Bilderstrecke.


Der Round Table ist im bAV-Guide 2019 erschienen. Den gesamten Guide können Sie › hier bestellen.

Christiane Siemann ist freie Journalistin und Moderatorin aus Bad Tölz, spezialisiert auf die HR- und Arbeitsmarkt-Themen, die einige Round Table-Gespräche der Personalwirtschaft begleitet.

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