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Lebenszeit statt Geld

Üppige Gehaltssteigerungen waren gestern. In Zeiten einer zunehmend lahmenden Konjunktur sind neue Wege der Entlohnung gefragt.

Foto: Geber86/istock
Foto: Geber86/istock

Reden wir über Geld. Konkret: Acht Prozent mehr Lohn erhalten die rund 14 500 Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) rückwirkend zum 1. Januar. Gewerkschafter und Arbeitgeber sind angesichts der Einigung voll des Lobes und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Die Arbeitnehmervertreter, weil sie ihre Forderung nach zähem Ringen ohne größere Abstriche durchgesetzt haben, die Verkehrsbetriebe, weil sie eben müssen, ohne als schlechte Verlierer dazustehen. Das Tarifergebnis würdige das “vorbildliche Engagement der Mitarbeiter” und sende “eine positive Botschaft an zukünftige Bewerber”, gibt sich BVG-Personalvorstand Dirk Schulte zweckoptimistisch. Man hört förmlich sein Zähneknirschen.

Wie zeitgemäß sind solche Gehaltssprünge vor dem Hintergrund einer sich abkühlenden Konjunktur? Die fetten Jahre, erklärte unlängst Bundesfinanzminister Olaf Scholz, sind für die (deutschen) Unternehmen nämlich vorbei. Stehen nicht auch die Mitarbeiter in der Verantwortung, mit moderaten Lohnforderungen zur Abfederung einer sich verschlechternden Wirtschaft beizutragen? Die Antwort auf diese Frage liegt, so seltsam es scheint, in einer anderen Frage: Wie funktioniert Wertschätzung im 21. Jahrhundert? Gehaltssteigerungen können darauf nicht die Antwort sein. Zumindest nicht die einzige. Vielmehr brauchen Unternehmen – und damit auch Personaler – eine ganze Palette an Lösungen, aus der sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber individuell bedienen können.

Die IG Metall und die Arbeitgeber in Baden-Württemberg haben Anfang 2018 vorgemacht, wie es gehen kann. Nach einem der härtesten Arbeitskämpfe der vergangenen Jahre einigten sich Gewerkschafter und Arbeitgebervertreter schließlich auf eine Lösung, die eben nicht nur rein monetäre Verbesserungen für die Metaller bringen sollte. Neben 4,3 Prozent mehr Gehalt sowie einer Einmalzahlung von 100 Euro standen vor allem Leistungen jenseits des Geldes auf der Liste. So haben grundsätzlich alle Vollzeitbeschäftigten das Recht, ihre Arbeitszeit vorübergehend von 35 auf 28 Stunden zu reduzieren, maximal bis zu zwei Jahre. Allerdings kann die Kürzung auch wiederholt werden, und es gibt eine Quotenregelung, die es den Unternehmen erlaubt, ab einer gewissen Anzahl von Teilzeitmitarbeitern den grundsätzlichen Anspruch auch zu verweigern. Eltern kleiner Kinder, Pflegende und Schichtarbeiter (“Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen”) haben künftig die Wahl zwischen mehr Geld und mehr Freizeit. Die Arbeitgeber haben im Gegenzug die Möglichkeit, die Arbeitszeit für andere Beschäftigte bis auf 40 Stunden zu erhöhen.

Die Einigung könnte (und sollte) Signalwirkung für andere Branchen haben. “Wir haben den Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem für das 21. Jahrhundert gelegt”, lobt Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Sein Gegenpart, IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sieht den Abschluss als einen “Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt”.

“Arbeit, die zum Leben passt”, lautete das Motto, mit dem die IG Metall die Tarifrunde überschrieben hatte. So könnte auch die Formel heißen, mit der Arbeitnehmer im 21. Jahrhundert für ihre Leistung entlohnt werden. Weg von der rein monetären Wertschätzung, hin zu mehr Flexibilität und Offenheit. Lebenszeit heißt die neue Währung, in der die Mitarbeiter künftig (zumindest teilweise) bezahlt werden. Um klarzustellen: Es geht mitnichten darum, Gehaltssteigerungen in Bausch und Bogen zu verdammen. Auch sind flexiblere Arbeitszeiten und weniger Stunden keine Allheilmittel, die Mischung macht’s.

Das Austarieren der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen wird damit nicht eben leichter. Oder, wie IGMetall- Verhandlungsführer Roman Zitzelsberger in Baden- Württemberg bilanzierte: “Wir haben um jedes Detail hart gerungen.” Die Komplexität des Abschlusses stellt so manches Unternehmen sicher vor große Herausforderungen. “Wir hätten uns einen weniger komplexen Tarifvertrag gewünscht”, kritisiert Bertram Bossardt, Hauptgeschäftsführer des Verbands der bayerischen Metall- und Elektroindustrie. Hier kommen Sie ins Spiel, liebe Personaler: Sie müssen dafür sorgen, dass die Balance zwischen Wertschätzung und Unternehmensinteressen funktioniert. Als Zünglein an der Waage, das die Interessen aller Beteiligten im Gleichgewicht hält.


Diese Stilkritik ist in Ausgabe 05/2019 der Personalwirtschaft erschienen. Das gesamte Heft finden Sie in unserem › E-Paper Archiv

Nicht nur über eine zeitgemäße Entlohnung sollte man nachdenken, sondern auch über aktuelle Arbeitszeiten. Warum, können Sie in › unserer Stilkritik aus der Ausgabe 04/19 nachlesen.

› Lesen Sie in unserer Stilkritik aus der Ausgabe 03/19, warum sich Personalmeldungen und Arbeitszeugnisse eigentlich wie Märchen lesen.

Ist Redakteur der Personalwirtschaft. Er ist spezialisiert auf die Themen Arbeitsrecht und Outsourcing und verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.