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404 – Hose nicht gefunden

Cartoon Dresscode.

Vor ein paar Jahren kursierte in den sozialen Netzwerken ein abfotografierter Aushang aus einem unbekannten Unternehmen. Im Hinblick auf einen Rundgang der Geschäftsleitung wurde die IT-Abteilung dringend darum gebeten sicherzustellen, “dass dieses Mal !!!ALLE!!! Mitarbeiter Hosen anhaben”. Dass es mit der Kleiderordnung in dieser Branche nicht besonders weit her ist, bleibt ein sich hartnäckig haltendes Gerücht. Vielleicht haben die betreffenden Hosenlosen jedoch einfach nur kapituliert, denn kaum etwas ist härter zu knacken als der Dresscode eines Unternehmens.

Waren früher oft Anzug oder Kostüm die sichere Wahl, um beim Vorstellungsgespräch zu punkten, ist die Navigation zwischen den Kleidungsstilen heute wesentlich komplizierter. Wer im hippen Start-up zum Vorstellungsgespräch im strengen “business style” aufschlägt, wirkt so deplatziert wie im Fußballtrikot beim Galadinner. Um eine Richtlinie zu geben, schreiben manche Personalabteilungen bereits in der Stellenanzeige, welcher Kleidungsstil gewünscht ist.

Schlagworte wie “business casual”, “smart casual” und “casual chic” sorgen vor allem für eine Imageauflockerung, nicht jedoch für bessere Orientierung, denn die Grenze zwischen Kleidungsstilen ist so fein wie willkürlich. Gibt man die modischen Schlagworte in eine Suchmaschine ein, spuckt diese kryptische Ergebnisse wie “semi-ordentliches Outfit” oder “Freizeitkleidung ohne zu strenge Regeln” aus. Wundert es da, wenn eine IT-Fachkraft, sich ihrer Unverzichtbarkeit im Unternehmen bewusst, den Dresscode selbst umprogrammiert und eine Hose als “zu strenge Regel” definiert? Allein über die Frage, ob schon das Tragen einer Jeans das gewählte Outfit in die legere Kategorie “casual” degradiert oder nicht, streiten sich die Modegeister.

Am besten wäre es wohl, man macht es wie in einer neuen Beziehung: Beim ersten Date wird sich noch fleißig aufgeputzt. Doch kaum ist die Partnerschaft etabliert, atmet man figurativ und wörtlich auch mal locker durch die Hose. Und mutet dem oder der Liebsten auch mal den Anblick des in der Oberstufe erworbenen Bandshirts oder – na klar – den des ebenso nicht mehr taufrischen Jogginganzugs zu.

Letzterer gewann mit der Corona-Krise und dem weitgreifenden Rückzug ins Homeoffice neue Bedeutung. Wer sich bereits im Office freimütig der Hose entledigt hatte, spürte beim gnädigen Auge der Webcam in Videokonferenzen sicher erst recht kein Verlangen, unterhalb des Schreibtischs für gesellschaftskonforme Bekleidung zu sorgen. Und auch in Branchen mit strengeren Kleidervorschriften wird es vielen bestimmt schwerfallen, wieder Vollzeit in Hemdkragen und Halbschuhe zu schlüpfen. Der sich stetig verlängernden Liste mit prognostizierten Änderungen nach der Pandemie könnte also eine Abschaffung des Dresscodes hinzugefügt werden – man muss die Hose ja trotzdem nicht gleich ganz fallen lassen.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Oktober-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.