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Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Die Work-Life-Balance ist nicht totzukriegen. Der Begriff, der seit geraumer Zeit durch die Arbeitswelt wabert, lebt immer wieder auf – und sei es in Abwandlungen. Die machen die Sache aber auch nicht stimmiger. Im Gegenteil.

Balancierender Mensch

Wie geht das mit der Work-Life-Balance? Es liegt nahe, Vertreter der Generation Y zu befragen. Den zwischen den frühen 80ern und späten 90ern Geborenen wurde mal nachgesagt, sie seien nicht sonderlich karriereambitioniert, hätten aber hohe Ansprüche, unter anderem an Selbstverwirklichung und Freizeit. Manche bezeichneten sie auch als verwöhnt oder faul. Andererseits galten ihre Vertreter als flexibel und bereit, bei Bedarf auch nach Feierabend, vom Homeoffice aus zu arbeiten – digitale Techniken machen es möglich.

Doch auch die Antworten der vermeintlich Hauptbetroffenen würden das Problem nicht lösen. Dass nämlich “Work-Life-Balance” eine Schimäre ist, weil sie auf einem künstlichen Gegensatz basiert: Hier die Arbeit, da das Leben – als würde beides abgespalten voneinander ablaufen. Beginnt das (richtige) Leben erst nach Feierabend? Auch wenn nicht jede Arbeit aus Berufung ausgeübt wird, ist sie für die meisten Menschen doch Teil des Daseins.

Und was heißt Balance, Gleichgewicht? Das ist der Aspekt, der Dr. Steven Poelmans, Mitbegründer des Internationalen Zentrums für Arbeit und Familie an der IESE Business School in Madrid, an dem Begriff am meisten stört. Er impliziere, dass ein Mehr an Zeit auf der einen Seite der Waagschale ein Weniger auf der anderen bedeute. Unternehmen und Mitarbeiter sollten lieber darüber nachdenken, das Arbeitsleben zu harmonisieren und die Dinge unabhängig vom Lebensbereich zu priorisieren; es gehe um Purpose.

Im täglichen Sprachgebrauch ist mit Work-Life-Balance der Ausgleich zum oder Erholung vom Job gemeint – und vor allem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Arbeitgeber werben oft damit, ihren Mitarbeitern eine bessere Work-Life-Balance in diesem Sinne zu ermöglichen. Allerdings wird darüber umso mehr geredet, je stärker die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschmelzen.

Andere sprechen deshalb nicht mehr von Balance, sondern propagieren die Work-Life-Integration oder auch das Work-Life-Blending – sie behaupten, die Menschen wollten genau dies. Ist das nicht noch scheinheiliger?

Mitarbeitern wird flexibles und mobiles Arbeiten als Souveränität schmackhaft gemacht.

Erkauft wird sie mit permanenter Erreichbarkeit. Und den Grad an Flexibilität bestimmt der Arbeitgeber.

Aber vielleicht haben die Befürworter von Work-Life-Integration die Rechnung ohne die Generation Z gemacht. Laut dem Wirtschaftswissenschaftler und Autor Christian Scholz tickt die jüngste Arbeitsmarktgeneration ganz anders als ihre Vorgänger. Arbeitszeit sei für sie genauso relevant wie Privatleben, daher wünschten sie sich einen Job, in dem sie sich wohlfühlen. Vor allem seien die Digital Natives aber Fans klarer Strukturen: Nach Feierabend und am Wochenende werde nicht gearbeitet; dann sei nur noch das private Smartphone eingeschaltet. Flexible Arbeitszeit? Gern, aber nach eigenem Gusto. Die Generation Z wolle keine Work-Life-Integration, sondern Work-Life-Separation.

Manche finden das spießig. Zumal diese Altersgruppe, teils von Helikopter- Eltern großgezogen, auch wieder den Wunsch nach klassischen Familienmodellen hegt. Doch die Instagram-Selfie-Generation ist nicht nur selbstbezogen, sondern auch selbstbewusst und vielleicht ist ihr Wunsch, nach der Arbeit schlagartig abzuschalten, ja gesund? Es bleibt abzuwarten, ob sich die Verfechter von New Work an den Jungen die Zähne ausbeißen.

Und die Work-Life-Balance? Lebt munter weiter, trotz allem. Wobei der Begriff immer mehr verwässert wird. Neuerdings küren Magazine die Großstädte mit der angeblich besten Work-Life-Balance – als könne man Orte mit so einem Label auszeichnen. Darunter sind oft Metropolen, in denen es für viele Menschen kaum noch bezahlbaren Wohnraum gibt. Wie es wohl um das Privatleben und die Balance der dort lebenden Mittel- und Geringverdiener bestellt ist, wenn sie rund um die Uhr für die Miete ackern müssen?

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.