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Bedrohungsmanagement: Vorboten der Gewalt

Portrait Holger Pressel.
Dr. Holger Pressel ist Leiter der Stabsstelle “Politik, Verbände und Gremienmanagement” bei der AOK Baden-Württemberg. Ende 2020 erschien sein Buch “Umgang mit Gewalt am Arbeitsplatz” bei Haufe.

Wohl nahezu jeder Mensch ist angesichts der andauernden Corona-Pandemie müde und wünscht sich nichts sehnlicher als die Rückkehr zur Normalität. Beim ARD-Deutschlandtrend von Februar 2021 zeigte sich über die Hälfte der Befragten weniger oder gar nicht zufrieden mit dem Corona-Krisenmanagement der Regierungen des Bundes und der Länder. Das ist problematisch, denn Unzufriedenheit kann schnell in Frustration umschlagen und in physischer und psychischer Gewalt münden.

Die Gewalt in der Arbeitswelt ist auch ein Ausdruck der oft genannten “Verrohung der Gesellschaft”. Eine wesentliche Ursache hierfür besteht in der Verunsicherung vieler Menschen durch zahlreiche Veränderungen, die beispielsweise durch die Digitalisierung entstehen. Dies schlägt bei manchen Menschen in ein Gefühl der Bedrohung um. Als Folge suchen sich diese Personen Sündenböcke als Ventile für ihre Frustrationen: Kollegen bedrohen und beleidigen andere oder werden handgreiflich. Wollen Unternehmen Gewalt am Arbeitsplatz aktiv entgegenwirken, müssen sie die Ursachen verstehen. Es gibt Fälle, die aus einer Situation heraus entstehen und andere, die nach einer Phase der Planung zielgerichtet, also mit Vorsatz, ausgeübt werden. Dieser zweite Gewalttyp ist häufig Resultat einer über einen längeren Zeitraum angestauten Frustration oder von Kränkungen und Demütigungen, in deren Folge sich jemand entscheidet,
sich an seinem Peiniger zu rächen.

Gutes betriebliches Bedrohungsmanagement lässt es gar nicht erst so weit kommen. Eskalationsgefahren bei einzelnen Mitarbeitenden werden möglichst früh von qualifizierten Personen erkannt und entschärft. Denn in vielen Fällen geht Gewaltdelikten auffälliges Verhalten voraus. Hierzu zählen neben explizit geäußerten Drohungen beispielsweise auch das Zeigen von Waffen sowie verbale oder nonverbale Grenzüberschreitungen. Aber wie können Unternehmen ihr eigenes Bedrohungsmanagement aufbauen? Voraussetzung ist zunächst, dass das Top-Management und der HR-Bereich zeigen, dass sie weder psychische noch physische Gewalt am Arbeitsplatz dulden.

Der erste Schritt besteht in der Sensibilisierung möglichst vieler Beschäftigter, um die erforderliche Aufmerksamkeit für bedrohliche Verhaltensweisen zu schaffen. Alle Mitarbeitenden sollen erkennen können, wenn es eine potenzielle Bedrohung gibt oder Kolleginnen und Kollegen bedrängt oder beleidigt werden. Diese Sensibilisierung sollte durch den HR-Bereich erfolgen. Schritt  besteht in der Qualifizierung von geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sogenannten “Erstbewertern”. Diesen Erstbewertern kommt eine ganz wesentliche Aufgabe zu: Sie müssen eine Einschätzung der Gefährdungslage vornehmen. Der dritte Schritt besteht – sofern tatsächlich Gefahr im Verzug ist – in der Eliminierung der Gefahr. Dies ist aller Regel eine Angelegenheit der Polizei und erfolgt im Rahmen sogenannter “Gefährderansprachen”. Das Personalmanagement sollte sich gemeinsam mit den zuständigen Sozialversicherungsträgern – etwa im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements – verstärkt dem Thema Gewalt am Arbeitsplatz widmen. Denn das Phänomen kommt häufiger vor, als viele glauben, und vergiftet das Betriebsklima nachhaltig. Deshalb sollten HR-Abteilungen das Thema systematisch betrachten und angehen. Auch dann, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer März-Ausgabe erschienen.

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