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Mit Risiken und Nebenwirkungen

Cartoon.

Kaum ein Tag vergeht derzeit, ohne dass uns aus Werbespots oder den Lokalnachrichten entgegenschallt, wie wichtig Unternehmer X oder Großkonzern Y die Gesundheit seiner Beschäftigten ist. Das muss sie auch sein: Aufgrund neuer Arbeitsschutzstandards zur Vermeidung von Ansteckungen sollen Mitarbeiter zum Beispiel nicht erkältet zur Arbeit kommen. Statt zu loben könnte man jetzt fragen: Warum galt das schon nicht in der letzten Grippewelle? Nötig wäre es dringend gewesen. Mit durchschnittlich 18,5 Fehltagen je Arbeitnehmer erreichte der Krankenstand bereits 2018 einen neuen Höchststand.

Doch nicht nur tapfer niesende Kollegen im Großraumbüro wären vielleicht schon vor der Krise besser früher zum Arzt gegangen: Insbesondere psychische Erkrankungen wie Depressionen nehmen unter Arbeitnehmern seit Jahren zu. Ursachen sind vor allem Arbeitsverdichtung, hoher Zeit- und Veränderungsdruck und schlechte Führung. Zwar stufen laut der Studie “BGM im Mittelstand 2019/2020” 87 Prozent der Arbeitgeber die Bedeutung der Mitarbeitergesundheit hoch ein, aber es fehlen konkrete Strategien. Bei den Maßnahmen dominieren Bewegungsangebote. Kaum mehr als jedes zweite Unternehmen führt die psychische Gefährdungsbeurteilung durch. Manche fokussieren sich aus Kostengründen auf Online-Kurse, andere geben Geld für zweifelhafte Coachs aus, die isolierte Maßnahmen anbieten – Kosmetik statt überzeugender Lösungen. Was ist Arbeitgebern die hochgepriesene Mitarbeitergesundheit also wirklich wert, außer einem Schild, doch bitte die Treppe statt des Lifts zu nehmen?

Besonders höhnisch klingt die Debatte um Gesundheit am Arbeitsplatz den Mitarbeitern im Pflegebereich in den müden Ohren. Probleme wie die dünne Personaldecke, starke körperliche und seelische Belastung sowie schlechte Bezahlung brachten bereits vor der Pandemie die Belegschaft in Arztpraxen, Krankenhäusern und Altenheimen an ihr Limit. Jetzt, in der Corona-Krise, werden sie zwar als Helden gefeiert, doch was nützt Applaus vom Balkon, wenn die eigene Gesundheit offensichtlich so wenig zählt?

Auch wer dank neuer Schutzstandards nun ansteckungssicher im Homeoffice verweilt, ist zwar vor Covid-19 geschützt, doch nicht unbedingt gesünder. New-Work-Vertreter jubeln schon, dass nach Corona auch für die Zukunft das Arbeiten vom heimischen Schreibtisch aus den Siegeszug antritt, vergessen jedoch oft, dass nicht jeder dort unbedingt besser aufgehoben ist, ob während oder nach der Krise. Beengte Wohnverhältnisse, fehlende Ausstattung, anfallende Kinderbetreuung und Isolation können daheim ebenso belasten wie die Entfernung zu Kollegen.

So sehr Mitarbeitergesundheit jetzt angeblich im Fokus steht, bleiben doch zu viele Fragen offen. Ist nach der Pandemie überhaupt noch Geld da für die Gesundheitsförderung? Wie wird es nach dem Wiederhochfahren der Wirtschaft um die BGM-Hygiene stehen? Wird die zum Teil erhöhte Sensibilisierung für die Mitarbeitergesundheit die neue Normalität? Man kann es nur hoffen. Im schlechtesten Fall werden Verluste mit Überstunden kompensiert, gekoppelt mit der Bitte, Abstand vom Urlaub zu nehmen. Den habe man ja gerade gehabt.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in der Juni-Ausgabe der Personalwirtschaft erschienen.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.

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