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Die Last im Kopf

Portrait Laura Fröhlich.
Laura Fröhlich ist Journalistin, Autorin und Key-Note-Speakerin mit dem Schwerpunkt Mental Load und finanzielle Unabhängigkeit für Frauen. Im Juni erschien ihr Ratgeber “Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles” im Kösel-Verlag. Foto: privat

Ich sitze am Schreibtisch und möchte mich auf meine Präsentation konzentrieren. Während ich die ersten Worte tippe, schweifen meine Gedanken ab. Die Sommerferien rücken näher und wir haben uns noch nicht um die Kinder-Ferienbetreuung gekümmert. Ich recherchiere im Internet nach Angeboten, denn wenn ich das nicht in die Hand nehme, haben wir bald ein großes Problem. Meist bin ich es, die familiäre Dinge vier Wochen im Voraus plant, und ich habe auch den Überblick über die immense Menge an Kleinigkeiten, die jeden Tag in unserer Familie anstehen. Diese Dinge schwirren in meinem Kopf herum, wenn ich mich um meinen Job kümmern müsste. Mein Mann hingegen kommt dank fokussierter Arbeit schneller zu besseren Ergebnissen als ich mit meinem Kopf-Chaos.

Diese gefühlte Verantwortlichkeit führt schnell zum “Mental Load”, einer Überlastung durch das “an alles denken müssen”. Wer sich kümmert, beherrscht die Kalender-Klaviatur und weiß im Schlaf, in welchem Rhythmus Elterngespräche, Impftermine und Schuhkäufe anstehen. Leider verhindert diese Organisationsplackerei eines: den Kopf frei zu haben für sich und den Beruf.

Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group fand heraus, dass die häusliche Verantwortung samt dieses “Mental Loads” Frauen weltweit davon abhält, Karriere zu machen. Bei einer Umfrage unter 6500 berufstätigen Frauen in 14 Industrieländern wurde gefragt, wieso es vielen Frauen nicht gelinge, einen Führungsposten zu übernehmen. Die Antwort lautete einstimmig, dass es an der Kombination von Berufstätigkeit und dem (unbezahlten) Zweitjob liege – der gleichzeitigen Verantwortung für Haushalt und Familienpflege:

Mal ein paar Überstunden machen oder nach der Arbeit spontan einen Netzwerk-Drink mitzunehmen, ist für viele Mütter schwer möglich, weil sie pünktlich Feierabend machen müssen.

Sie sind eher für den Alltagstrott der Familie zuständig: “Der Kindergarten schließt”, ist ihr Argument, das Büro zu verlassen. Das Argument des Vaters hingegen ist dienstlicher Natur: “Die Präsentation ist noch nicht fertig.”

Wieso betrifft dieses Problem Unternehmen? Teams, in denen Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sind, bringen bessere Ergebnisse, weil sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen und Kenntnisse verschiedene Ansätze für Problemlösungen haben. Ein Unternehmen, das Diversität fördert, profitiert also auch finanziell davon: Es lohnt sich, Vätern Elternzeit möglich zu machen, und Männer, die sich zu Hause kümmern möchten, nicht länger zu stigmatisieren. Führungskräfte können mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass Care-Arbeit dazugehört, wenn man eine Familie hat – das führt dazu, dass sich Eltern im Unternehmen wohl und geschätzt fühlen, weil sie auch mit Kindern beruflich gefördert werden. Sobald Frauen sehen, dass stereotype Rollenerwartungen hinter ihrem übersteigerten Verantwortungsgefühl stecken, wenn mehr Männer erkennen, dass Familienorganisation auch ihre Aufgabe ist, dann verhelfen Unternehmen Frauen zu mehr Karrieremöglichkeiten und sich selbst dank Vielfalt zu mehr Erfolg.

Wie mein Mann und ich unser persönliches Zuständigkeitsdilemma gelöst haben, darüber habe ich ein Buch geschrieben. Und immer mehr Unternehmen zeige ich in Webinaren und Workshops, wie Frauen Care- und Denkarbeit sichtbar machen, Perfektionismus gegen Effizienz tauschen und es gemeinsam mit ihren Partnern schaffen können, die mentale Last gerechter zu verteilen. Ich habe Hoffnung, dass unsere Kinder mehr Freiheit haben werden, das zu tun, was sie möchten, und die nächste Generation Care-Arbeit nicht länger vorrangig als Aufgabe von Frauen betrachten wird.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer August-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.