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Sind Sie eine Autorität?

Randolf Jessl ist HR-Fachjournalist und Gründer der Agentur Auctority, die Menschen
und Organisationen in Kommunikations- und Leadership-Initiativen berät. Foto: Bernd Roselieb
Randolf Jessl ist HR-Fachjournalist und Gründer der Agentur Auctority, die Menschen
und Organisationen in Kommunikations- und Leadership-Initiativen berät. Foto: Bernd Roselieb

Eigentlich brauchen wir ein klares Bekenntnis zu Führung und die Wertschätzung von Wissen, Können und Erfahrung. Beides aber widerspricht dem Zeitgeist. HR kann das ändern.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich frage ganz altmodisch: Sind Sie eine Autorität? Und meine damit: Sind andere bereit, Ihnen zu folgen? Ich frage Sie das, weil wir Autoritäten dringend brauchen. Gerade dann, wenn wir unter Druck stehen, Neues ausprobieren und den richtigen Kurs suchen. Nur weckt das Wort “Autorität” oft die falschen Assoziationen.

Was also ist Autorität? Sie ist das Vermögen, die freiwillige und aktive Gefolgschaft anderer zu gewinnen. Das gelingt nicht über Druck und Zwang, wie es Menschen mit Macht gerne tun, die “autoritär” auftreten. Es gelingt nur “autoritativ”, mit Wissen, Können und Überzeugungskraft.
Um die Wirkmöglichkeiten echter Autoritäten ist es in unseren Unternehmen aber schlecht bestellt. Zwar haben wir autoritäres Führungsverhalten von Menschen mit Macht etwas zurückgedrängt. “New Work” hat hierzu Gutes beigetragen. Doch haben wir im selben Zug individuelle Führung und Expertenwissen abgewertet. Auf beidem fußt die zukunftsweisende, “autoritative” Spielart von Autorität, ohne die auch die neue Arbeitswelt nicht auskommt.

Folgende Beobachtungen bereiten mir Sorgen. Der “Schwarm” ist vielen zum Inbegriff der kollektiven Intelligenz und Zusammenarbeit geworden. Wer hier heraussticht und die Führung übernimmt, verlässt das Kollektiv. Das Mantra der Augenhöhe hat zudem den Blick dafür getrübt, dass sich Menschen per se in Sachen Wissen, Können, Erfahrung unterscheiden. Dabei sollten in selbst organisierten genauso wie in hierarchisch geführten Teams die Menschen die Richtung weisen, die im fraglichen Thema einen Vorsprung, sprich eine Autorität haben.

Auf der anderen Seite erleben wir zunehmend Polemik gegen Expertentum und Wissen. Vermeintliche Vordenker empfehlen gerne, Generalisten statt Experten, Künstler statt Könner, ja schlechthin “Verrückte” (O-Ton Steve Jobs, Jack Ma) einzustellen. Wissen scheint im Überfluss vorhanden – und Können geht offenbar immer öfter ohne Wissen und Erfahrung. Zudem ist “einfach machen” in. Nicht analysieren, planen, umsetzen – nein, “just do it”.

Das Mantra der Augenhöhe hat den Blick dafür getrübt, dass sich Menschen per se in Sachen Wissen, Können und Erfahrung unterscheiden.

Diese Zeitgeist-Phänomene tönen gut. Doch sie gefährden die Schlagkraft und Zielgerichtetheit unserer Arbeits- und Wertschöpfungsprozesse. Denn sie tragen nicht dazu bei, in diffuser Gemengelage Orientierung und Sicherheit zu geben. Das aber vermögen “Menschen mit Autorität”, denen eine Führungsrolle zugebilligt wird. Wir haben im letzten Jahr eine Studie mit tausend Deutschen zum Thema “Autorität” durchgeführt. Es zeigte sich: 55 Prozent der Befragten stehen Autorität positiv gegenüber, mit ihr verbinden die Befragten heute noch stärker eine gemeinschaftsstiftende (“kohäsive”) Wirkung, als das 2010 in einer Erhebung des Allensbach-Instituts der Fall war. Autorität hat daher beste Chancen, wieder zum Maßstab von Führung und Zusammenarbeit zu werden.

Für Sie als Verantwortliche ergeben sich daraus ganz konkrete Fragen: Wird Autorität, die auf Wissen, Können und Erfahrung beruht, bei Ihnen auf allen Ebenen wertgeschätzt? Bekommen solche Autoritäten Unterstützung und Gehör? Qualifiziert sie ihr Wissen und ihr Können für Führungs- und Expertenlaufbahnen oder machen doch wieder jene das Rennen, die das macht- und mikropolitische
Spiel beherrschen?

Geben Ihre Führungskräfte Sicherheit und Orientierung oder vermitteln sie das Gefühl: “Ich habe zwar die Richtung bestimmt, weiß aber auch nicht, wohin uns das führt?” Ermöglichen Sie Ihren Mitarbeitern, strukturell und kulturell denen zu folgen, die Autorität besitzen, statt jenen zu gehorchen, die über Macht verfügen? Ist Expertentum bei Ihnen verpönt oder sind Sie stolz auf Ihre Experten und integrieren sie in Weiterbildungs-, Kommunikations- und Marketingmaßnahmen?

Dies alles sind Fragen, die sich Personalprofis in Unternehmen stellen sollten. Und auf die sie klare Antworten geben müssen. Denn in Sachen Führung, Organisation und Zusammenarbeit sollte HR eine Autorität sein und bleiben, auf die man hört.


Der Blick von außen ist ein Kommentar von Nicht-Personalern auf die Arbeit und Wirkung von HR auf Mitarbeiter und Unternehmen oder die Gesellschaft. Diese Folge ist in der Personalwirtschaft 05/2019 erschienen.

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Weitere Blicke von außen aus vorigen Ausgaben:

– Der Weg zum Erfolg: Glückliche Mitarbeiter von Nelly Kostadinova

– Das Recht auf Meinungslosigkeit bei Führungskräften von Info Rademacher

– Gesundheit fördern ohne teuren Schnickschnack von Argang Ghadiri