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Lost in Translation

Portrait Hans Rusinek.
Hans Rusinek ist Associate Strategy Director bei Brighthouse, BCGs Purpose-Beratung, und wurde kürzlich mit dem Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet.
Ab Oktober wird er an der Universität St. Gallen zum Thema “Purpose” forschen. Foto: Ulrike Schacht

“Most corporations have no idea what they are here for” – mit dieser Provokation rief Harvard-Professor Christopher Bartlett 1994 den “Purpose” ins Leben. Er nannte Unternehmen sprachlos in Hinsicht auf ihren Daseinsgrund und daher orientierungslos in ihrem Tun. Wie viel sich seitdem getan hat, sieht man an der
Leichtigkeit, mit der Unternehmen heute über ihren Purpose reden. Doch das trügt.

Purpose, also soziale Selbstverortung, verspricht Organisationen überlebenswichtige Fähigkeiten. Eine sinnorientierte Devise wie “Democracy Dies in Darkness” der Washington Post vereint Unternehmensbereiche unter einem gemeinsamen Handlungsideal, überzeugt Stakeholder, Kunden und Mitarbeiter von der Bedeutsamkeit des Unternehmens und schafft die Basis für Neuerfindung. Er fordert den Status quo heraus und motiviert dazu, die Kluft zwischen Sein und Sollen zu überwinden. Und dies so offen, dass er sowohl für die große Fünf-Jahres-Strategie als auch für die individuelle Gehaltsverhandlung Relevanz hat.

Warum kann Purpose das alles? Entscheidend sind nicht die blumigen Worte, sondern der Paradigmenwechsel. Purpose macht die Organisation von der isolierten Profitmaschine zum sozial eingebetteten Verantwortungskollektiv, verwandelt das Handeln der Einzelnen vom egoistischen Nullsummenspiel zum organischen Wirtschaften. So verstanden, macht Purpose Unternehmen zu verantwortungsvollen Teilnehmern komplexer adaptiver Systeme, die diese Systeme unterstützen statt sie weiter auszuhöhlen.

So die Theorie. Die Praxis sieht oft anders aus. Mit Purpose ist es da wie mit Sex unter Teenagern: Alle behaupten, dass sie es machen, es stimmt nur bei wenigen, und die, die es machen, machen es auch noch furchtbar schlecht. Statt sich mit dem Sinn der gesamten Organisation und Bartletts Provokation auseinanderzusetzen, geht es Unternehmen nur darum, den Mitarbeitern einen Sinn zu “geben”. Sie sollen sich mehr einbringen, das Arbeiten soll zu ihrem Sinnzentrum im Leben werden. Wenn man sich aber nicht fragt, auf welchem neuen großen Gemeinschaftsgedanken dies fußen soll, stabilisiert Purpose nur den Status quo, infantilisiert die Mitarbeiter und erntet dann nicht die oben beschriebenen Früchte.

Denn statt auf eine Systemeinbettung einzugehen, zielt dieser oberflächliche Mitarbeiter-Purpose auf etwas anderes: dass in der spätmodernen Arbeitswelt ein enormer Sinndruck auf uns lastet. Andere Sinnquellen, wie Glaube und Heimat, sind geschwächt. Ein gutes Gehalt alleine erfüllt uns auch nicht mehr. In der Kultur der erfolgreichen Selbstverwirklichung, der Fusion aus Hippie- und Bürgertum, reicht es nicht, einen Job zu machen – wir müssen ihn besonders machen.

Mit Sinndruck im Leben umzugehen ist Privatsache der Belegschaft, genauer: der Menschen dahinter. Oft ist dies nur auf einer transzendenten Ebene zu lösen.

Es ist übergriffig, Mitarbeitenden “Sinn” aufzuzwingen.

“Gierige Organisationen” nennt es die Soziologie, wenn Personen mit all ihrer Emotionalität beansprucht werden, wie bei Sekten. So auch, wenn im Namen von Purpose mehr Arbeit mit größerer Begeisterung abverlangt wird, wenn sich Firmen plötzlich “Familie” oder “Tribe” nennen und dabei vergessen, dass die Meisten zum Erwachsenwerden von ihrer Familie wegziehen und wir auch die Stammesstrukturen aus ähnlichen Gründen überwunden haben.

Statt eine zynische Verhärtung nach innen zu erreichen, brauchen wir Purpose dringend für eine Öffnung nach außen, für eine post-egoistische Wirtschaft, die nicht den Status quo glasiert, sondern ihn ernsthaft herausfordert. Denn auch die Mitarbeitenden verstehen, dass nur das wirklich Sinn macht – ihre Begeisterung wird von ganz alleine kommen!

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Oktober-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.