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Gleich berechtigt, ungleich behandelt

Cartoon Homeoffice.

Während durch die Pandemie Kitas und Schulen geschlossen waren und Homeoffice angesagt war, scheinen wir in Deutschland in Sachen Gleichberechtigung um 50 Jahre zurückgefallen zu sein. Selbst wenn Eltern beide in Vollzeit arbeiten, hat der Mann meist nur einen Job seinen Beruf. Die Frau hat gleich drei: Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung und Haushalt. Der Lockdown hat die Probleme nur verschärft, die grundsätzliche Situation hing schon vorher gewaltig schief. Sind Frauen nicht ohnehin besser im Multitasken? Und, hey, ist es nicht toll, eine “Powerfrau” zu sein?

Offensichtlich nicht: Frauen sind laut aktuellen Umfragen und Studien derzeit deutlich belasteter und unzufriedener, mit dem Job und generell mit ihrem Leben. Dazu kommt, dass jede Fünfte in der Krise ihre Arbeitszeit reduziert hat, um mehr – natürlich unbezahlte – Haus- und Sorgearbeit leisten zu können. Warum tun das nicht so viele Männer? Ach ja, Frauen verdienen weniger. Wenn sie dann sowieso schon in Teilzeit arbeiten wie gut jede zweite, wird der Rentenanspruch nicht größer und der Gender-Pay-Gap nicht kleiner.

Warum machen Frauen das mit? In welchem Jahr, in welchem Land, leben wir, wenn selbst junge Akademikerinnen angeben, dass sie deutlich mehr belastet sind als ihre Partner? Was ist mit den jungen Männern los? Sind die Vertreter der Generation Y etwa zu verwöhnt? Waren wir nicht schon einmal emanzipierter? Gut, Frauen dürfen in Deutschland erst seit 1977 ohne Erlaubnis des Gatten arbeiten gehen. Aber schon damals fanden es viele selbstverständlich, dass berufstätige Partner beide für Haushalt und Kinder zuständig sind.

Warum gilt das nicht mehr – in Zeiten, in denen Frau Kanzlerin und Verteidigungsministerin sein kann? In denen es vermutlich niemand mehr wagt, öffentlich von “Frauen und Gedöns” zu sprechen? Sozialwissenschaftlerinnen sprechen von “Retraditionalisierung”, vom Verlust der Würde von Frauen, von Respekt und von Rechten.

Ja, verdammt, liebe Geschlechtsgenossinnen, lasst euch nicht zum Opfer machen! Das steht euch nicht. Schreit “me too”, wenn es um gleiche Chancen geht!

Vielleicht gibt es derzeit auch zu viele Nebenschauplätze, die von den eigentlichen Problemen ablenken, etwa Gender-Diskussionen um Sprache. Statt etwa über Binnen-I und * zu streiten, sollten Frauen und Männer besser für echte Geschlechtergerechtigkeit kämpfen. Da müssten aber alle mitspielen, auch Wirtschaft und Politik.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer August-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.