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Aus Vision wird Wischiwaschi

Karikatur, zwei Menschen im Gespräch

New Work, das klingt bedeutender als “Neues Arbeiten”, stylischer als “Zukunft der Arbeit” und ein wenig nach New York: groß, bunt, frei. Welt-Glamour meets Aufbruchstimmung. Doch das Konzept hält immer seltener, was es verspricht.

New Work, das war mal ein großes Versprechen. Der Begriff stammt vom österreichisch-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann, der sich Mitte der 70er mit der Frage nach der Freiheit des Menschen beschäftigte. Er geht davon aus, dass das traditionelle Jobsystem der Lohnarbeit den Menschen in einem Zustand milder Krankheit gefangen hält, die ihn zwar nicht umbringt, aber auslaugt – ein “Lastesel-Dasein”. Die Alternative sei New Work, ein Konzept, das die Frage stelle: “Was willst du im Arbeitsleben wirklich tun?” Die zentralen Werte der Neuen Arbeit sind danach Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft.

Cocktail mit Strohhalm

Vier Jahrzehnte später machte der Begriff “New Work” eine zweite, sehr steile Karriere. Vor allem die mit Globalisierung und Digitalisierung einhergehenden Entwicklungen sowie die Anforderungen der Generationen Y und Z brachten vor einigen Jahren eine Art soziale Bewegung hervor, die Bergmanns Thema aufgriff und die Arbeitswelt ändern wollte. Bald stürzten sich Beratungsfirmen, Start-ups und andere auf den Begriff, die hip waren oder wirken wollten. Aus dem sozialen wurde ein ökonomischer Begriff. Als sich etwa die Xing SE in New Work SE umbenannte, kam das an der New-Work-Basis gar nicht gut an.

Was ist aus dem einstigen Begriffsinhalt geworden? Bergmann kritisiert, das neue “New Work” laufe oft auf “Lohnarbeit im Minirock” hinaus. Tatsächlich geht es vielen aktuellen Protagonisten des Begriffs weniger um ein anderes Verhältnis zur Arbeit, um Freiheits- oder Haltungsfragen. Sie interpretieren ihn kosmetisch statt konzeptionell: heute die Lounge mit Sofa und Kickertisch, morgen ein Feelgood-Manager, übermorgen der Yogakurs, dazu ein wenig Start-up-Flair. Bäm.

Sektglas

Andere gehen immerhin etwas weiter. Ein bisschen Strukturwandel, ein bisschen Mitarbeiterbeteiligung und ganz viel reden: über Kollaboration, Vertrauen und Transparenz, über Werte, Sinn und Kultur – dazu Agilität und etwas Scrum et voilà: der New Work Cocktail à la Cosmopolitan. Klingt gut, kommt gut. Wer will da noch wissen, was genau drin ist und wie es zusammenwirkt?

So passiert es auch, dass die einen dies, die anderen jenes herausschmecken. “Es ist wie ,Burn-out‘. Es ist Pop. Jeder hat dazu eine Meinung, aber keiner weiß so genau, was es ist”, sagte der New-Work-Coach Markus Väth jüngst in “Enkelfähig”, Magazin der Unternehmensgruppe Haniel, über den Begriff. Laut einer Kienbaum-Studie bedeutet Neues Arbeiten für die meisten Unternehmen das Anbieten von Homeoffice und mobiler Technik, orts- und zeitunabhängiges Arbeiten in offenen Bürolandschaften sowie flache Hierarchien, andere verstehen darunter erst mal Digitalisierung. Da hat man ein Codewort, das inflationär in Event- und Buchtiteln auftaucht, und trotzdem wird munter aneinander vorbeikommuniziert.

Cocktail mit Schirmchen

Welches moderne Verständnis auch immer: Mit dem Ansinnen von Bergmann hat es meist wenig tun. Über eine Tagung zum Thema New Work sagte er: “Hier wurde sehr viel über Führungstechniken und Organisationsfragen geredet, also darum, wie Unternehmen ihre Angestellten noch raffinierter domestizieren und ausbeuten können.” Andere Kritiker sprechen von “digitaler Käfighaltung” von Mitarbeitern oder befürchten, dass die (unter dem heutigen Etikett New Work) von vielen Unternehmen allzu gern angebotenen Freiheiten wie Selbstverantwortung und Vertrauensarbeit zu Über- statt Entlastung führen, da Mitarbeiter die unausgesprochene Erwartungshaltung der Chefs im Blick haben. Flexibilität ist gut und schön, fragt sich nur, für wen.

In der Theorie strahlt die neue Arbeitswelt, in der der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Die Mitarbeiter glücklich macht und produktiv dazu, wie die Berater nie zu erwähnen vergessen. Was daraus gemacht wird, ist eine ganz andere Frage angesichts dessen, was wir uns heute als New Work verkaufen lassen. Vielleicht sollte die “Zukunft der Arbeit” mit einer Rückbesinnung beginnen.

Cocktail

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.