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Die Dosis macht den Witz

Portrait Eva Ullmann.
Eva Ullmann ist Humorexpertin, Rednerin und Gründerin des Deutschen Instituts für
Humor. Ihr Buch “Humor ist Chefsache: Besser führen, verhandeln und präsentieren – so entwickeln Sie Ihren humorvollen Fingerabdruck” erscheint diesen Monat bei Springer. Foto: Johannes Wosilat

Christian Lindner, FDP-Spitzenpolitiker, kam jüngst in die Schlagzeilen wegen eines “Herrenwitzes” bei der Verabschiedung seiner Generalsekretärin Linda Teuteberg. In seiner Rede erwähnte Lindner, dass er gerne daran zurückdenke, mit Teuteberg mehr als 300 Mal den Tag begonnen zu haben. Nach einer Kunstpause fügt er mit gespieltem Augenrollen hinzu: “Nicht, was ihr jetzt denkt”. Es hagelte böse Kritik. Der falsche Spruch zur falschen Zeit – auch Personalverantwortliche wissen, dass Humor eine ganz besondere Dosis erfordert. Manche von Ihnen würden ihn deshalb in heiklen Situationen ganz weglassen. Dabei kann sich Humor im Arbeitsumfeld als überaus nützliches Werkzeug erweisen – auch und gerade im Personalwesen. Doch Humor ist dabei nicht gleich Humor.

Die Humorforschung unterscheidet sozialen (aufwertenden) von aggressivem (abwertendem) Humor, wie ihn Lindner bei seinem Witz verwendete. Der Unterschied ist entscheidend, besonders wenn man sich nicht auf der Kabarettbühne, sondern in einem Unternehmen befindet. Vereinfacht gesagt ist sozialer Humor solcher, der keinem weh tut, Humor, der nicht auf Kosten anderer geht. Diese Art von Humor kann von erheblichem Vorteil im Personalwesen sein. Im geschäftlichen Umfeld, auch im Recruiting, ist ausschließlich wertschätzender, aufwertender Humor angebracht – insbesondere in Krisenzeiten.

Ein humorvoller Fingerabdruck lohnt sich vor allem im Kampf um Fachkräfte.

Am Klinikum Dortmund suchte man so auf ungewöhnliche Weise junge Mitarbeitende im Freiwilligendienst. Die Klinik produzierte einen Film nach dem Vorbild des Volvo-Werbespots “Epic Split”, in dem Jean-Claude Van Damme einen Spagat zwischen zwei fahrenden Trucks absolviert. Im Klinikvideo macht eine Krankenschwester auf zwei nebeneinander geschobenen Klinikbetten den Spagat-Stunt, verbunden mit der Botschaft, man möge sich bewerben. Das Klinikum erhielt sofort 20 Prozent mehr Bewerbungen. Viele der ungewöhnlichen Kampagnen des Klinikums nutzen sozialen Humor.

So auch die Berliner Stadtreinigung: Ihr Außenmarketing räumt regelmäßig mit dem Klischee auf, Deutsche hätten keinen Sinn für Humor und zieht so seit über 20 Jahren Talente magisch an. Die “Men in Orange” bewerben ebenso das Unternehmen wie das Müllauto, auf dem steht: “Ich bring nur schnell den Müll weg, Schatz.” Mittlerweile fotografieren Touristen in der Hauptstadt die Mülleimer der BSR. Denn auf ihnen stehen schlaue Sprüche wie “Eimer für alle”. Die Berliner Stadtreinigung ist eines der wenigen Unternehmen, die keinen Mangel an Bewerbungen beziehungsweise an Fachkräften haben. Auf ihre BSR sind die Berliner und die Mitarbeitenden der Stadtreinigung gleichermaßen stolz. Das kann Humor also leisten.

Noch in den 1980er Jahren war es in der Beratung und Therapie verpönt, Humor einzusetzen, weil er nicht neutral genug war. Inzwischen können beeindruckend präzise Wirkungen durch gezielten Humoreinsatz beschrieben und Gefahren viel besser benannt werden. Trainieren Sie Humor als eine Ressource im Fortbildungskatalog. Nutzen Sie Humortechniken als einen Aspekt von Rhetorik. Mit einem geschärften Humormesser können Sie den großen Brocken “Fachkräftemangel” oder “Personalmanagement” in mehrere Brotscheiben schneiden, und es wird für alle leichter verdaulich.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer November-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.