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Digital HR Manifesto – Plädoyer für wertschöpfende Personalarbeit

Symbolische Menschenfiguren, eine zentral, die Hand eines Managers zeigt darauf
Die Digitalisierung der Personalarbeit sollte den Menschen als Wertschöpfungs- und Differenzierungsfaktor fördern, fordert das Digital HR Manifesto.
Foto: © Sikov/StockAdobe

Auch die Personalabteilungen stehen inzwischen stark unter Digitalisierungsdruck. Der Goinger Kreis, eine Gruppe deutscher Personalmanager, warnt jedoch davor, diesem Zwang blind zu folgen. HR laufe Gefahr, angesichts des Hypes um die Digitalisierung administrativer Prozesse strategische Erfolgsfaktoren aus dem Blick zu verlieren und die eigene Innovationskraft aufs Spiel zu setzen. Mit dem Digital HR Manifesto hat die Gruppe kürzlich zwölf Anforderungen an digitale und gleichzeitig wertschöpfende Personalarbeit formuliert.

Der Goinger Kreis, zu dem Personalverantwortliche großer europäischer Unternehmen sowie Wissenschaftler und Berater zählen, hat beobachtet, dass sich HR-Manager von der Digitalisierung unter Zugzwang gesetzt fühlen. In der Konsequenz würden administrative und strategische Aufgaben zum Teil unreflektiert vermischt und Personalchefs hinterfragten nicht, ob die jeweiligen Systeme auch Wettbewerbsvorteile schaffen.

Obwohl Personalmanager seit Jahren versuchen, aus der Ecke des Administrators herauszukommen, lassen sie sich jetzt unkritisch, ja fast schon begeistert in rigide Prozesse einsperren, nur weil diese das Etikett Digitalisierung tragen. Dies färbt auch auf den Bereich der strategischen Personalarbeit ab,

sagt Thomas Marquardt, Global Head of Human Resources bei Infineon Technologies und Sprecher des Goinger Kreises.

Nicht die digitale Reisekostenabrechnung macht erfolgreich

Zwar könnten und sollten digitale Tools administrative Prozesse effizienter machen, doch im strategischen Bereich, wo es nicht um genormte Lösungen gehe, gälten andere Kriterien. Nicht die digitale Reisekostenabrechnung entscheide darüber, wer am Markt die Nase vorn habe, sondern es komme darauf an, bei der Auswahl, Führung, Entwicklung und Zusammenarbeit von Menschen die richtigen Weichen zu stellen. Deshalb dürften Prinzipien einer effizienten Verwaltung nicht einfach auf strategische Handlungsfelder übertragen werden.

Digitale Systeme müssen Freiräume schaffen, auch für Querdenker

Wertschöpfende Personalarbeit zielt nach Ansicht des Goinger Kreises darauf ab, Systeme zu implementieren, die Freiräume für Entwicklung, Vielfalt und Innovation schaffen. Stattdessen seien zum Beispiel im Recruiting digitale Instrumente allein auf die optimale Übereinstimmung zwischen Anforderungs- und Kandidatenprofil ausgerichtet, sagt Axel Klopprogge, Leiter der Arbeitsgruppe Digitalisierung und Personalarbeit. ” Systeme versprechen, die Persönlichkeit eines Menschen aus seiner Stimme, seinem Gesicht oder seinen Gesten ableiten zu können, zum Beispiel durch den Abgleich mit entsprechenden Eigenschaften erfolgreicher Manager. Dabei wird übersehen, dass Menschen viele Facetten haben, dass ihre Taten unterschiedlich bewertet werden können – und dass sie sich ändern können”, so Klopprogge. Gebraucht würden Querdenker und offene digitale Systeme. So seien etwa Video-Bewerbungen eine sinnvolle Anwendung, “aber nicht, um einen Menschen maschinell auf eine definierte Passgenauigkeit zu prüfen, sondern um ihn als lebendige Person sichtbar zu machen.” Darüber hinaus seien Algorithmen denkbar, die – vergleichbar mit den Amazon-Empfehlungen – zusätzliche Kandidaten vorschlagen, interessante Abweichungen vom Standardprofil aufweisen. Digitale Instrumente sollten die kreativen Fähigkeiten von Menschen nicht nur zulassen, sondern unterstützen, ergänzt Marquardt.

Mit seinem Digital HR Manifesto plädiert der Goinger Kreis für eine Personalarbeit, die den Menschen als Wertschöpfungs- und Differenzierungsfaktor fördert. Empathie, Vertrauen, Freiraum, Verantwortung und Vielfalt seien entscheidende Faktoren für die Innovations- und Veränderungsfähigkeit und damit für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Das Digital HR Manifesto – Zwölf Anforderungen an digitale HR Instrumente

Offene Gestaltungsräume sind wichtiger als vorstrukturierte Lösungen.
•   Digitale Instrumente mehren die Vielfalt an Alternativen und Denkrichtungen, statt sie möglichst  schnell auf eine Lösung zu reduzieren.
•   Digitale Instrumente fördern Mut, Entscheidung und Beharrlichkeit, statt zu suggerieren, eine gute Datenlage ersetze die aktive Entscheidung.
•    Digitale Instrumente laden bei allen Tätigkeiten zum aktiven Mitdenken, Ausprobieren und Verbessern ein, statt Menschen zu willenlos Ausführenden zu degradieren.

Fähigkeit zur Veränderung ist wichtiger als irrtumsfreie Prognose.
•    Digitale Instrumente lassen zu, dass sich Menschen entwickeln, statt das Bild eines in sich konsistenten und unveränderlichen Wesens zu zeichnen.
•    Digitale Instrumente ermöglichen, dass sich Aufgaben und Anforderungen wandeln, statt eine statische Passgenauigkeit anzustreben.
•    Digitale Instrumente unterstützen die empathische Beziehung zwischen Menschen als Erfolgsfaktor, statt sie zu eliminieren, zu automatisieren oder vorzutäuschen.

Vertrauensvolle Beziehung ist wichtiger als starre Normierung.
•    Digitale Instrumente machen Ideen und Probleme in ihrer Unterschiedlichkeit sichtbar, statt Meinungen und Verhalten zu vereinheitlichen.
•    Digitale Instrumente schaffen konkrete und praktisch erlebbare Entscheidungsmöglichkeit, statt alles in vorgeprägte Muster zu zwängen.
•    Digitale Instrumente erlauben feedbackfreie Räume für Geheimnisse und Vorläufiges, statt alles sofort der Bewertung auszusetzen.

Individuelle Verantwortung ist wichtiger als anonyme Prozesse.
•    Digitale Instrumente stärken auch in der Netzwerkarbeit die Verantwortung des einzelnen, statt sie durch folgenlose Beliebigkeit zu verwässern.
•    Digitale Instrumente halten den außergewöhnlichen Weg offen und ermöglichen bewusste Ausnahmen, statt Initiativen jenseits des Status quo zu blockieren.
•    Digitale Instrumente machen die Maßstäbe und Methoden transparent, nach denen Menschen und ihre Leistungen beurteilt werden, statt sich hinter Algorithmen zu verstecken.

Mehr Informationen gibt es unter: www.goinger-kreis.de.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.