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Appetite for Destruction

Cartoon mit zwei Steinzeitmenschen
Cartoon: Kai Felmy

Eines Sommerabends beobachtete ich in Süditalien ein Naturschauspiel: Eine Gottesanbeterin und eine Echse, beide ungefähr gleich groß, hatten sich gegenseitig als Beute auserkoren. Nach qualvollen Stunden gewann die Gottesanbeterin. Öfter kommt es ja vor, dass die Großen die Kleinen fressen, auch in der Wirtschaft. Doch in der digitalisierten Welt kann jeder zum Feind werden, heißt es, vor allem die kleinen Start-ups, die mal eben aus dem Nichts Beta-Apps auf den Markt werfen, die jeder Konsument sofort haben will. Bedroht sind vor allem die großen, etablierten Firmen aller Branchen, die über Nacht und ohne Vorwarnung zerstört werden können.

Seit ein paar Jahren lehrt das Buzzword Disruption die Unternehmen das Fürchten. Dabei wird der Begriff oft einfach mit Digitalisierung oder Innovation gleichgesetzt. Und es wird so getan, als sei es völlig neu, dass Unternehmen geänderte Kundenbedürfnisse und die Konkurrenz im Auge haben müssen. Zu den kleineren Risiken der wirtschaftlichen Dynamik gehört die “Verzwergung” bis zur Bedeutungslosigkeit, zu den größeren die völlige Zerstörung. Alles ist eine Frage des Überlebens, ein Wettlauf gegen die Zeit, denn es gilt schnell zu reagieren, sonst droht man gar kannibalisiert zu werden. Selbst von digitalem Darwinismus ist die Rede – Survival of the Fittest. Apocalypse now, wie bei den Sauriern. Damals haben schließlich auch die kleinen Nager überlebt, weil sie sich den Lebensbedingungen anpassen konnten. Hätten die großen Urtiere dereinst schon von Disruption gehört, wäre ihnen ihr Schicksal womöglich erspart geblieben.

Disruptive Thinking: Perfektionismus ist passé, Schnelligkeit Trumpf

Wie soll nun der Homo sapiens 4.0 mit der drohenden Zerstörungsgefahr umgehen? Na, selbst zum Angreifer werden! Fressen oder gefressen werden, lautet die Devise. Besser ist es daher, wenn man “ganz vorne als Täter dabei” ist, hört man von Beraterseite (die Businesssprache wird immer rüder). Manchmal reicht es aber noch nicht, Täter zu sein. Unternehmen wird geraten, sich – falls nötig – selbst zu kannibalisieren. Nun berichtet ja die Psychologie von seltenen Fällen der Autokannibalisierung, in denen Menschen… na, lassen wir das lieber.

Wie auch immer, mit “Disruptive Thinking” sollen Unternehmen einen “Wertewandel” vollziehen: weg von Perfektionismus, hin zu Schnelligkeit. Der Käufer darf bei der Ausreifung der Innovationen ja mitmachen, kostenlos. Das nennt man Kundenorientierung. Woher Unternehmen die Ressourcen für die Umstellung der Produktionsprozesse nehmen sollen, wird nicht gesagt. Womöglich schneiden sie sich tatsächlich versehentlich ins eigene Fleisch – Disruption der ungewollten Art.

Und was ist mit HR? Ach, die Spezies Personaler wird sowieso wegkannibalisiert. Sie könnte sich aber, sagt man, neue Handlungsfelder erschließen, indem sie auf die strategische Entwicklung des Unternehmens einwirkt (nennt man das nicht HR Business Partner?), für Nachhaltigkeit und mehr Menschlichkeit sorgt. Die nötigen disruptiven, agilen, kreativen, innovativen Mitarbeiter müssen sie ja nicht mehr selbst rekrutieren.

Übrigens, sollten Sie demnächst mal wieder eine Nachricht aus dem Tierreich lesen à la “Schlange frisst ausgewachsenen Platzhirsch”, denken Sie dran: Auch Sie kann es treffen.

Lesen Sie auch die HR Buzzword Bingos der vergangenen Monate:

› Cultural Fit: Pflegeleichte Mitarbeiter gesucht – Unternehmen sollen wählerischer sein und nur die einstellen, die sich nahtlos einfügen

› Schlagwort Out-of-the-box: Raus aus der Kiste – Über den Flachsinn, der Jenseits der Kiste lauern kann

› Achtsamkeit: Friede, Freude, Eierkuchen… – Darüber, wie „Mindfulness“ für eine zufriedene Belegschaft sorgen soll

› Alle Hände voll zu tun – Ambidextrie: klingt nach einer Psychokrankheit, ist aber Managementrealität

+++ Übrigens erscheint in jeder Ausgabe der Personalwirtschaft ein neues Buzzword Bingo und andere lesenswerte Kommentare oder HR-Praxisberichte. › Ein Probeabo lohnt sich. +++

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.