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Ein feuchter Händedruck

Schere schneidet Geld.
Grafik: z_wei/istock

Es sind schwere Zeiten – für Unternehmen wie Angestellte gleichermaßen. Da kann man schon einmal, wie Michael Busch, CEO des Buchhändlers Thalia Mayersche, auf kreative Ideen kommen. Busch bat seine Angestellten laut Branchenblatt “Buchreport” per Videobotschaft nämlich darum, zwei unbezahlte Überstunden im Umfang von zwei Wochenstunden zu machen. “Das vor uns liegende Weihnachtsgeschäft ist für unsere weitere Entwicklung immens wichtig. Das freiwillige Engagement unserer Mitarbeitenden trägt dazu bei, flexible Kosten temporär zu reduzieren”, heißt es in einem Thalia-Statement.

Nun könnte man argumentieren, dass Gehaltsverzicht oder Mehrarbeit in Krisenzeiten nichts Neues sind. Wenn ein Unternehmen wirtschaftlich strauchelt, setzen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter an einen Tisch, verhandeln mal mehr, mal weniger hart, und einigen sich am Ende. Die einen verzichten auf Gehalt, arbeiten vielleicht etwas mehr (oder weniger, je nachdem), die anderen verpflichten sich, auf Entlassungen zu verzichten. Keine große Sache, wenn die Verhandlungen von beiden Seiten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit betrieben werden. Zumal Corona die Wirtschaft derzeit ganz besonders beutelt.

Auch bei Thalia waren die Zeiten schon einmal besser. Setzte man 2019 noch circa 1,2 Milliarden Euro um, dürfte nach Branchenschätzungen im bisherigen Jahresverlauf stationär ein hoher zweistelliger Millionenbetrag in den Kassen fehlen, der auch durch wachsende Online-Umsätze nicht kompensiert werden konnte. Die Folge: Befristete Stellen werden beim Buchhändler derzeit nicht verlängert oder neu besetzt. Die dadurch fehlende Arbeitskraft muss allerdings kompensiert werden – am besten eben durch jene von Michael Busch geforderte unbezahlte Mehrarbeit.

Es ist, passend zum Titel dieser Rubrik, eine Frage des guten Stils. Natürlich haben die Mitarbeitenden eine Verpflichtung, ihren Beitrag zum Wohlergehen des Unternehmens zu leisten, wie in diesem Fall auch durch eine gewisse Mehrarbeit. Schlechter Stil ist es dagegen, den Angestellten per Videobotschaft des Chefs quasi die Pistole auf die Brust zu setzen: Von Freiwilligkeit kann hier keine Rede sein. Warum nicht im Dialog auf Augenhöhe eine Lösung aushandeln, die für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen tragbar und akzeptabel ist? So bleibt der Eindruck vom Gutsherren, der seine Bediensteten mit einem feuchten Händedruck abspeisen will: Mein Dank sei Euch gewiss.

Es kommt aber noch ein weiterer Punkt hinzu. Solch fragwürdige Botschaften “von oben” schaden letztlich auch der Arbeitgebermarke Thalia Mayersche. Viele Mitarbeitende machen schon jetzt ihrem Unmut beim Bewertungsportal Kununu Luft, kritisieren die eh schon knappe Besetzung in den Filialen und die schlechte Kommunikation. Das schreckt auch mögliche Bewerber ab. In der derzeitigen Situation mag dies kein großes Problem sein – das Personal soll ja sowieso reduziert werden. Sobald die Zeiten aber wieder besser werden, rächt sich der schlechte Ruf der Arbeitgebermarke.

Wollen Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bestehen, müssen sie die Besten an sich binden –

das gilt auch für Buchhändler. Da sich inzwischen ein nicht unerheblicher Teil des Geschäftes online abspielt, benötigt man natürlich auch Mitarbeitende, die eine entsprechende Expertise mitbringen, Fachkräfte also. Und was den stationären Handel angeht: Welcher Kunde hat beim Buchkauf schon Lust, sich von überarbeiteten und mutmaßlich unmotivierten Angestellten beraten zu lassen? Dann doch lieber gleich zu Amazon und Co.

Hier sind Sie, liebe Personalerinnen und Personaler, in besonderer Weise gefordert. Natürlich mag es schwer sein, den CEO davon abzuhalten, sich per Bettel-Video an die Belegschaft zu wenden – zumal Michael Busch sicherlich nur die besten Absichten hatte. Dennoch bleibt die Frage, ob HR hier nicht mäßigend hätte eingreifen können mit dem Hinweis, eine solche Bitte doch lieber auf anderen Kanälen zu kommunizieren, als Schnittstelle zwischen Führung und Mitarbeitenden. Dieser Einsatz wäre guter Stil – und würde letztlich auch zur Stärkung der Personaler im Unternehmen führen. Trauen Sie sich!

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer November-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.

Ist Redakteur der Personalwirtschaft. Er ist spezialisiert auf die Themen Arbeitsrecht und Outsourcing und verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.