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Führung durch Vertrauen

Frau im Homeoffice.
Die individuelle Situation der Mitarbeiter im Homeoffice kann sich minütlich ändern. Foto: gradyreese / iStock

So ändern sich die Zeiten: War vor wenigen Monaten das Homeoffice in vielen Branchen noch die bisweilen belächelte oder gar geächtete Ausnahme, wurde das Arbeiten in den eigenen vier Wänden in den Wochen des Corona-Lockdowns plötzlich zum Goldstandard (sofern es die Art der Tätigkeit denn zuließ – Polizisten, Kassiererinnen oder Krankenpfleger werden naturgemäß auch künftig darauf verzichten müssen). Kaum ein Bereich, in dem die Angestellten nicht ermutigt oder gar angewiesen wurden, daheim zu bleiben. Solange uns Corona begleitet, wird das Homeoffice Thema sein – und auch danach ein wichtiger Aspekt der Arbeitsgestaltung bleiben.

Warum also bleiben wir zu Hause? Um unsere Gesundheit zu schützen – und natürlich die der anderen. Doch während im Büro der Arbeitsschutz klar geregelt und kontrolliert wird, ist dies beim Arbeiten im Homeoffice nicht ganz so einfach. Sicher, auch hier gibt es hinsichtlich der Gesundheit der Mitarbeiter klare Vorgaben. Allerdings stehen Angestellte und Unternehmen in Corona-Zeiten vor Herausforderungen, die sich nicht mit dem richtigen Licht oder einem ergonomischen Bürostuhl lösen lassen. Mütter und Väter müssen zwischen Videokonferenzen und Termindruck die Hausaufgaben ihrer Sprösslinge überwachen, Streitigkeiten schlichten und den ungewohnten Alltag koordinieren. Gar nicht so einfach, wenn plötzlich sämtliche Betreuungsmaßnahmen wegbrechen. Das stresst, zehrt an den Nerven und geht langfristig auf Kosten der Gesundheit. Es fehlen zudem der Austausch mit den Kollegen und die kurzen Wege zur Führungskraft. Mal eben zwischen Tür und Angel mit dem Chef ein Problem zu besprechen, ist schlichtweg nicht möglich.

Die Pflichten der Arbeitgeber sind in der derzeitigen Situation nicht klar definiert. Vieles ist “Goodwill”. Wenn etwa beim virtuellen Meeting zum wiederholten Mal die Kinder des Angestellten durchs Bild hüpfen, kann der Chef dies entweder akzeptieren, weil er im Idealfall eigene Kinder hat und die Situation kennt. Oder aber er verlangt von seinem Mitarbeiter, das “Problem” abzustellen – ein quasi unmögliches Unterfangen.

Es gilt: Die Verantwortlichkeiten liegen im Homeoffice sowohl beim Arbeitnehmer wie auch beim Arbeitgeber. Während Ersterer beispielsweise den entfallenen Arbeitsweg mit dem Rad oder den Gang in die Kaffeeküche mit Sport zumindest ein wenig ausgleichen kann (Stichwort BGM), müssen die Unternehmen dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Gleichwertige technische Voraussetzungen oder die Möglichkeit eines “technischen Feierabends” zum Schutz vor zu langen Arbeitszeiten sind nur zwei wichtige Punkte. Nun kann man nicht erwarten, dass Arbeitgeber das Betreuungsproblem für die Kinder ihrer Mitarbeiter lösen. Essenziell sind allerdings ein regelmäßiger Austausch, den die Führungskräfte gewährleisten müssen. Zudem wollen die Angestellten das Gefühl haben, dass der Chef ihnen vertraut und den Rücken freihält. Sicher, diese Ansprüche gelten auch in “normalen” Zeiten. Durch die Corona-Krise hat das Thema “Richtig führen” aber ungleich mehr Gewicht. Und verlangt auch den häufig ebenfalls mit Homeoffice, Kinderbetreuung und Beschulung geforderten Führungskräften eine Menge ab.

Das Recht auf Homeoffice, wie es von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gefordert wird, mag in diesem Zusammenhang gut gemeint sein. Gut durchdacht ist das Ganze deshalb aber noch lange nicht. Es fehlt dem geplanten Gesetz nämlich an Leitplanken, an denen sich die Unternehmen orientieren können, um den Angestellten ein gesundes Arbeiten zu ermöglichen. Zudem berücksichtigt es nicht die ökonomischen Zwänge, die ein “Homeoffice für alle” oft schlichtweg unmöglich machen. Hier muss der Gesetzgeber dringend nachbessern.

Und nach der Rückkehr aus dem Homeoffice ins Büro? Dann wird die Verantwortung der Arbeitgeber nicht eben kleiner. Denn das neue Coronavirus begleitet uns wohl noch länger. Das bedeutet neben einem verstärkten Augenmerk auf den Schutz der Gesundheit der Angestellten auch ein neues Führungsverständnis: mehr Rückhalt, mehr Vertrauen, mehr Verlässlichkeit. Tugenden, die für Führungskräfte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. In diesen Zeiten sind sie wichtiger denn je.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in der Juni-Ausgabe der Personalwirtschaft erschienen.

Ist Redakteur der Personalwirtschaft. Er ist spezialisiert auf die Themen Arbeitsrecht und Outsourcing und verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.